Herzkammerflimmern

Wenn sich der Wind mal wieder
in meinen Armen ausgeheult hat
und ich ruhelos durch die Nacht rausche
noch den letzten Schluck Wodka
im Mundraum kreisend
legt sich das sanfte Gemüt
still auf mein Haupt
und streichelt mir
die liebgewonnene Sehnsucht
auf die Stirn.

Den flüchtigen Moment
nehme ich mit aus der Dunkelheit
lege ihn zu den anderen
in die Herzkammer gleich neben den
guten Geschmack und die schlechten Gedanken.

Morgens liege ich dann lange wach
greife nach dem Hier und Jetzt der letzten Stunden
wälze mich in den noch warmen Berührungsfetzen
klappe die Herzkammer auf
und wieder zu
und wieder auf
und wieder zu…

06/2015

Das dritte Gespräch über Liebe

Nun liegen wir im Tau des Regentages
haben uns zugedeckt
mit den Worten der einsamen Stunden
und sprechen über Liebe
wie über ein Tier
das sich sezieren lässt
über das lange geforscht und geschrieben wurde
theoretisch, analytisch
im Diskurs nur ein zerfetzter Zustand
dem wir nicht Herr werden können
Bedürfnisse, Befriedigung, Lust und Scham
reichen sich die Hände
und tanzen nackt im Morgengrauen
auf der befreiten Straße in den Sommer.

Die Worte bersten über unsere Lippen
leichte Witze
schwere Floskeln
harte Erkenntnisse
und weiche Haut
reibt aneinander
und füllt das aufgeschlagene Buch
mit Fußnoten
die am Ende wieder niemand liest
außer dem Textanalytiker
der emsig jede Zeile in Quadranten sortiert
Diagramme mit Zeit füllt
und Figuren miteinander agieren lässt
wie auf dem Schachbrett

Wir sprechen über Liebe
erzählen in unserem eigenen Seminar
was sich der Dichter dabei nur gedacht hat
und wir sehen den Selbstbezug
nehmen ihn jedoch nicht mit in unser Geflecht
unser Konstrukt
und unsere Angst
das Schöne könne zu schnell der Hässlichkeit zum Opfer fallen

Nichts ist so fad
wie ein Model über Gefühle
Nichts so bedeutsam
wie ein Gespräch über Liebe.

07/2015

Fragmente aus einem alten Leben

meine alte Kommode
meine stehengebliebene Wanduhr
und die Puppe, die ich nie haben wollte

Fragmente aus einem älteren Leben
staubig und kühl geworden
Bücher, die ich voll geschrieben habe
mit den Tränen der ersten großen Liebe
dem Schweiß der zweiten großen Angst
und dem Blut der Verzweiflung

eingeschlossene Fragmente
wortgewaltige Hymnen
mit leeren Augen und spitzen Zähnen
Romane, die das Leben nie veröffentlicht hätte
Federn von Vögeln ohne Flugschein
und staubige Buchrücken ohne Verfallsgenehmigung

alt ausgelebte Fragmente
mit kalksteinartigen, filigranen Pflänzchen
die niemals verdorren
auch nicht ohne Licht

06/2015

Bevor du losgeflogen bist

hatte ich dir noch viel zu sagen
und auch jetzt
stehen unausgesprochene Worte
in einem Raum ohne Türen
hängen nie gefragte Fragen
wie verstaubte Gemälde an den Wänden.

Als du die Schlüssel lautlos
in die Ecke geworfen hast
bekamen nicht nur die Flügel zarte Risse.

Auch das Bild,
das ich von dir bei mir trage
wird schwarz-weiß
und obwohl das gar nicht so schlecht aussieht
weicht deine Lebendigkeit
mit jeder fehlenden Farbnuance
und ich warte auf den Lichtstrahl
der deine Konturen
wieder sichtbar macht
in einem Jahr
oder irgendwann
vielleicht.

09/2014