Haut

Das Blau faltet sich zwischen den Schleier
Zerfetzte Nebelstreifen säumen den Stadtrand
Über den Hochspannungsleitungen
Blitze und blaue Funken aus Elektrizität
Im Auftauchen schon verschwunden
Wahrgenommen nur als partielles Empfinden
Kleine Tau schluckende Tröpfchen
Perlen an Wollfasern
Rinnen den Schal abwärts
Bleiben in der Grube des Morgens
Mit dem Aufstehen
Schon wieder weggewischt
Wie Nachtschweiß
Klebrig und unruhig
Deine nasse Haut.

06/2016

Herb(st)

Es wird Herbst
die Blätter machen sich aus dem Staub
und scheren sich einen feuchten Dreck
um die verlorenen Stunden ans Tageslicht

Es wird Herbst
in einer anderen Stadt wird geschossen
die Welt gerät zwischen die Fugen
die Blätter scheren sich nicht darum
und fallen weiter von den Bäumen

Es war die ganze Zeit schon Herbst
in den Köpfen
und in den dunklen Stunden
die sich am Tresen besser aushalten ließen
als in den feuchten Straßen

Es ist Herbst
die Angst kriecht ins linke Hosenbein
Blätter zertreten an den Schuhsohlen
haften wie ein Kerzenmeer
hinter Pariser Fenstern

Es ist Herbst
November nicht mein bester Freund
melancholisch formt der Rauch
einsame Zeilen

Es ist Herbst
mein Herz
wer schert sich darum.

11/2015

So gesehen

Warum muss man manchmal
erst auf Distanz gehen,
um das Gesicht des anderen
klar genug sehen zu können?

Doppelbilder trüben die Sicht oft
im Sich-näher-Kommen
ein Auge frisst das andere

Unausgesprochenes
schlüpft durch die Pupille davon
und schleicht sich ins Sichtfeld
zwischen die Stirn gedrückt
wie ein Zeichen der Abmessung
den Abstand wahrend

In der Distanz
liegt die Nähe
im Sich-näher-Kommen
die Gewissheit.

11/2015

Das Grün

schmiegt sich um deine Konturen
Tauben im Tiefflug
es riecht nach Zimt
in deinen Augen

Grashalme gepresst
zwischen den Seiten
die mir ins Leben geblättert werden

Rauch saugt an Schornsteinen
wird später zerdrückt
unter den regnenden Wolken
die deine Tränen
aus dem Vormittag stahlen

10/2015

Ticktack

Bevor die Stunden
sich in angstfreie Minuten scheitelten
lief der Zeiger das Ziffernblatt
rückwärts im Kreis

Rauch inhalierte sich
aus den Lungen heraus
zurück in die angezündete Zigarette
Schlucke wieder ins Glas gespuckt
Hände weggezogen
und in den Hosentaschen vergraben

Der Tag tauchte sich weg
in Pastelle
Dunkelheit wich aus den Augen
in die Münder hinein
Worte in Gedanken zerlegt
in Silben, Vokale, Konsonanten
und schließlich Kleckse
die als Tinte wieder
in den Stift flossen

Bevor die Stunden
sich in angstfreie Minuten scheitelten
und die Zeit
weiter verstrich
einfach so

09/2015

Flussaufwärts

Wenn sich das Innerste beruhigt
den Kopf in den Schoß legt
seufzend und anschmiegsam
weil es keine ängstlichen Gesten gibt
weil da keine erwartbaren Wünsche
die Stille zerreißen
kann jedes Selbst für sich
in der eigenen Welt treiben
wie zwei Treibhölzer
die auf dem Flusslauf einander umkreisen
und immer ist eines dem anderen
einen Strömungsschritt voraus
so dass sie sich nicht berühren
aber dennoch nah beieinander hertreiben
ausreichend
um zu teilen
was sich teilen lässt
ausreichend
ist da vielleicht sogar das falsche Wort
denn es gehört mehr dazu
als Aushalten-Können
verpasst eines die Kurve
muss das andere eine Abkürzung nehmen
ein Stück Weg
das keine gemeinsame Beschreitung zulässt
ein Stück Weg
das später nicht im gemeinsamen Erinnerungskasten landet
dieses Zulassen schlägt Wellen
und schleift gleichzeitig die Kanten glatt
damit es flussaufwärts
ein einfacheres Vorankommen gibt

08/2015

Nachtasyl

Es sind die Gespräche
am Sonntag Nachmittag
man kennt sich
man trinkt zusammen
man leidet getrennt
und am Ende zählt das alles nicht
aufgewogen mit dem besseren Teil des Lebens

Vereint im Geschrei der Süchtigen
Rausch und Rache
Schatten und Schuld
klopfen sich auf die Schulter
in einer nebligen Debatte
in der die grauen Haare fliegen
und auch die bunten
wie ein Pinguin
auf dem letzten Raubzug
wenn er sich denn überhaupt
für die Jagd entscheidet

Noch eine letzte Zigarette
noch ein letzter Schluck Bier
noch ein Schnaps zum Abschied

das Holz auf der Tischplatte
aufgeschwemmt von wilder Kneipenromantik
zerrieben durch das Kratzen an der Oberfläche
und abgewischt vom ranzigen Lappen der Wirklichkeit
die jeder kennt
aber wieder keiner wahr haben will

08/2015

Sichtflug

Das Klicken der Gurte
verstummt im Maschinengetöse
die letzte Woche
liegen geblieben auf dem grauen Asphalt
neben den ausgetretenen Turnschuhen
unter den ungewaschenen Socken

Nach der Hitze
glühender Nächte
beginnt der Regen an der Scheibe
eine neue Geschichte zu schreiben
temporär

Das Antlitz eines Reisenden
im Spiegel
das Fenster
ein letzter Blick auf die tosende Stadt
eine letzte Sichtsekunde
auf den Kessel
der das Chaos verschlingt
und ausspuckt
jeden Tag
aufs Neue

bis bald

08/2015

Die Möglichkeit zu überleben

besteht schon immer
vielleicht
einfach mal die Sorgen
in den Schrank zurücklegen
neben das Verantwortungsschubfach
und zwischen die Zweifeltücher

den Tag nehmen wie er kommt
aber ihn auch gehen lassen
wie er war
den Zufall als Schicksal akzeptieren

die Möglichkeit zu überleben
besteht schon immer
und ist auch zugelassen
als Form eines freien Falls
als Rechtfertigung für Affekte
als Indikator für genutzte und gewollte
Lebenszeit

08/2015

Herzkammerflimmern

Wenn sich der Wind mal wieder
in meinen Armen ausgeheult hat
und ich ruhelos durch die Nacht rausche
noch den letzten Schluck Wodka
im Mundraum kreisend
legt sich das sanfte Gemüt
still auf mein Haupt
und streichelt mir
die liebgewonnene Sehnsucht
auf die Stirn.

Den flüchtigen Moment
nehme ich mit aus der Dunkelheit
lege ihn zu den anderen
in die Herzkammer gleich neben den
guten Geschmack und die schlechten Gedanken.

Morgens liege ich dann lange wach
greife nach dem Hier und Jetzt der letzten Stunden
wälze mich in den noch warmen Berührungsfetzen
klappe die Herzkammer auf
und wieder zu
und wieder auf
und wieder zu…

06/2015