24. Juli 2017, irgendwo zwischen Zagreb und Lipik

So liebevoll wie uns Wien aufgenommen hat, startet das Wochenende ins nächste Zeitkontinuum. Ausgeschlafen machen wir uns auf Entdeckungsreise in die Wiener Innenstadt auf. Angefangen am Schwedenplatz schlängeln wir uns durch die City, kühlen uns im Stephansdom ab und verbringen ein paar Stunden im Park. Die Toiletten sind sauber und öffentlich und umsonst, das erste Ottakringer aus der Dose leitet den Samstagnachmittag ein. Ein gestrandeter Millionär sucht Anerkennung in einer Unterhaltung übers Leben, die Tauben fetzen im Tiefflug über unsere Köpfe. Alles fühlt sich fluffig und irgendwie weich an. Die Menschen fragen, ob man etwas Bestimmtes sucht, wenn man nur kurz verwirrt in die Gegend schaut. Schön.

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22. Juli 2017, Wien

Erster Zwischenstopp: Wien. Nach 24 Stunden befinden wir uns nun in einer Art Zeitkontinuum, haben über die Hälfte des Weges nach Kroatien bereits hinter uns und es fühlt sich jetzt schon an, als wären Eindrücke einer ganzen Woche auf uns niedergeprasselt.

Angefangen gestern am späten Nachmittag an den Avus in Berlin, mein erstes Mal Trampen, die Fahrt ins Ungewisse, sich von den Zufällen und dem Vertrauen ins Leben und in die Menschen an die Hand nehmen lassen.

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Reisen in die Lebendigkeit

15. Juli 2017, irgendwo in Brandenburg:

Was ist das „echte“ Leben? Wo befindet es sich und wer hat festgelegt, dass es so etwas wie ein „echtes“ Leben gibt? Und gibt es dann auch ein „unechtes“ Leben? Muss man einen Perspektivwechsel erleben, um herauszufinden, was „echt“ und was „unecht“ ist? Oder legt diese Werte nicht jedes Individuum für sich selbst fest?

Wann lebt man eigentlich am Limit? Und lebt man am Limit, weil eine Grenze vom Betrachter auf das eigene Leben festgelegt wird, an deren Oberfläche man in der eigenen Wahrnehmung nur kratzt?

Gesellschaftliche Zwänge, Ideale und Wertvorstellungen – von uns, für uns. Doch was, wenn man darin nichts Erfüllendes finden kann, außer der Befriedigung, die im Außen liegt, aber nicht im Inneren spürbar ist?

C.

Gibt es diese eine Erfüllung überhaupt, die einem bis zum Ende erhalten bleibt? Oder ist es eine sich ständig ändernde Größe, die man stetig neu ausloten muss?

Das Leben ist Wandel, ist Veränderung. Es wäre vermutlich ein Leichtes, das Leben zu genießen, wenn man eine feste Erfüllung hätte, die es nur zu entdecken gilt. Eine eventuelle Suggestion, die von der Gesellschaft auf die vermeintlichen Individuen projiziert wird?

R.

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Mühle

Das Ende vom Feld
hat sich verwegen
gegen Lavendel und Efeu entschieden.

Die Puppe streift ihre Haut
ins Leere
faltet Flügel
in den letzten Sonnenstrahl
und nimmt sich
die Tränen vom Tau
und legt sich
in die leere Hand.

Ein Draußen
das nur Innen
am Leben abperlt.

Es raunt in den Ähren
der Wind malt
seine letzten Worte
in die Wolken.

Weit weg die Glocken
eine Kirchturmspitze
streckt sich der Unendlichkeit
entgegen.

Das Feld schließt
die Arme
im Morgenrot
fallen die Motten
durch den Nebel.

Kein Ende hat sich je angekündigt.

Auch der Storch
fliegt mit entpuppten Flügeln
davon.

06/2017

Hedonistisches Kalkül

Die Sonne bricht sich
in den windigen Augen dieser Stadt.
Zwei falsch gespielte Trompetentöne
flüchten aus einer Wohnung
die sich „Avantgarde“ aufs Klingelschild geschrieben hat.

Ein Mensch erbricht sich
verteilt sein Gestern auf dem Weg von heute.
Autos hupen, Menschen strömen stumpf vorbei,
ein Fernseher absorbiert das fahle Grau
aber nicht die Tristesse dieser Leute.

Ein Blitz erwischt mich
unerwartet, doch geahnt hab ich es immer.
Sterben lauert ständig in den Venen
und schickt das Leben so auf einen Rausch
dann sitz ich oft inmitten meiner Trümmer
doch ohne dieses Auf-und-Ab-Bewegen
wär der Tod nur ein armseliger Tausch.

05/2017

Nachts am Alex

Der Duft nach frisch gebackenem Brot
aus Fertigmischungen
zerperlter Schweiß
weggeworfene Dönerreste

Urin rinnt langsam dampfend steinerne Stufen hinunter
Neonröhren locken
die übrig gebliebenen Motten des Spätsommers

Eine Zeitung bleibt unterm Schuh hängen
wischt Bierreste vom Bahnsteig

Nur das Pfeifen hallt bedrohlich über die Rufe verwirrter Existenzen durch den Schacht
Zigaretten atmen ihre letzten Züge ins Morgengrauen

Nebel liegt wie Tau an türkisen Wandfliesen
versteinerte Gesichter sind die letzten
denen ich begegne

Nach Hause
Allein

10/2015

Nacktes Titan

Gegen Ende des Sommers
Sind die Spinnweben allen egal geworden
Die Bindfäden, die es regnet
Wickeln sich wie der Saum einer Frage
Um die gekräuselten Blätter
In den geweiteten Adern sind Antworten
Zur Gelegenheit geworden
Deine geröteten Augen
Tanzen wie Heuschrecken Tango
Unter meinen Fußsohlen
Hol mich ab
Der Name der Haltestelle
ist Extase.

11/2016

Abstand

Salpeter
Tropft in Kristallen von den Wänden
Ein Kondensat der Traurigkeit
Kalt, durchnächtigt, Atemalkohol
Den du beim Zuhören inhalieren kannst.
Staub wird aus den Augen geweint
Nachts, die Köter jaulen in den Gassen
Und Sirenen schieben sich vorbei
Blau und rot, taub wie schlechtes Heroin.
Vielleicht schneiden sie dir die Venen auf
Mit zerbrochenem Glas
Und kalten Blicken
Vergessen, wie Glücklichsein funktioniert.
Nachts, die wunden Seelen essen Kot
Brechreiz, ein Gefühl von Lebendigkeit
Leergetrunkene Träume
Die keiner mehr träumt
Aufgebrauchtes Herzguthaben
Und weggelassene Empathie
Vor die Füße geschmissen.
Ein Ort, fünf Gesetze
Liegenlassen
Wegwerfen
Dagegentreten
Durchhalten
Ableben
Keine Regeln
Und rauh stülpt sich die Scham
Gestaltlos über kostümierte Eitelkeiten.

11/2016

Haut

Das Blau faltet sich zwischen den Schleier
Zerfetzte Nebelstreifen säumen den Stadtrand
Über den Hochspannungsleitungen
Blitze und blaue Funken aus Elektrizität
Im Auftauchen schon verschwunden
Wahrgenommen nur als partielles Empfinden
Kleine Tau schluckende Tröpfchen
Perlen an Wollfasern
Rinnen den Schal abwärts
Bleiben in der Grube des Morgens
Mit dem Aufstehen
Schon wieder weggewischt
Wie Nachtschweiß
Klebrig und unruhig
Deine nasse Haut.

06/2016