Monteur de la Fress

Seit meine neue Mitbewohnerin eingezogen ist und ihre ersten freien Nachmittage im Uniklinikum für Zahntechnik verbracht hat, verspüre ich den seltsamen Drang zum Zahnarzt zu gehen und manchmal zwickt es auch irgendwo im Mundraum. Ein Hypochonder muss also tun, was ein Hypochonder tun muss: Zum Arzt gehen. In meinem Alter empfiehlt sich außerdem eine Beißschiene für die Nacht und vielleicht führt diese Maßnahme auch dazu, dass ich und mein Kiefer uns morgens nicht mehr fühlen, als wäre ein Traktor über unser Gesicht gerollt. Außerdem ist mal wieder eine Durchsicht nötig. Nach 7 Jahren Berlin habe ich mich noch nicht dazu durchringen können, mir einen anständigen Zahnarzt im Kiez zu suchen und heute ist Tag X.

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Paderbornisiert

Zum Glück gibt es so viele Sachen, die man in seinem Leben das erste Mal machen kann. Zum Beispiel auf Dienstreise nach Paderborn fahren. Ich war bisher weder auf Dienstreise, noch habe ich Paderborn besucht. Kann man mal machen.

Also ganz typisch erstmal aus Angst vorm Zugverpassen eine halbe Stunde zu früh am Hauptbahnhof in Berlin eintrudeln. Aber wenigstens habe ich bis dahin die Menschenmassen mit gechillter Musik auf den Ohren überstanden. Als ich am Bahnhof noch ein Päuschen in der Morgensonne einlege, fällt mir viel zu spät auf, dass neben mir eine Frau hockt und zitternd raucht. Unangenehmer Anblick, aber ich traue mich nicht sie anzusprechen. So ist das im anonymen Berlin. Bevor ich mir den Kopf weiter über Parkinson und Panikattacken zerbreche, verziehe ich mich zum Gleis und stehe dort weiter rum.

Der Zug Richtung Ruhrpott hat natürlich Verspätung. Alle meckern, ich hör Musik. Von fünf Minuten lass ich mir jetzt nicht die Laune verderben. Die Geräuschkulisse und die vielen Leute sind schon anstrengend genug. Dass hier alle Fresse ziehen, daran hab ich mich längst gewöhnt. Wir warten schließlich auf die Deutsche Bahn und nicht auf einen Lottogewinn.

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Epilog. Über Reisen, Krebs und Arbeit

Valun, Cres, Krk, Olib, Zadar – alles nur noch Orte, die man sich jetzt auf Fotos ansehen kann. Die Erinnerung bleibt, aber das Gefühl scheint konserviert zu sein in dem Zeitkontinuum, in dem wir uns befanden. Ich sitze auf dem Klo und scrolle Facebook-Profile von ehemaligen Klassenkameraden durch. Es gab eine Einladung zum Klassentreffen – zehn Jahre ist der ganze Quatsch jetzt her. Auf den Profilbildern erkenne ich selten jemanden von früher. Die meisten stecken in fetten Brautkleidern oder haben gleich die zerknautschten Babygesichter vom Nachwuchs zum Aushängeschild ihres Profils gemacht. Ich schließe die Teilnehmerliste mit den ganzen Namen, die ich nicht mehr kenne und drücke die Klospülung. Ich werde nicht dahin gehen. Eine einfache Alltagsentscheidung.

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9. August 2017, zwischen Wien, Prag und Berlin

Obwohl wir am Abend so ziemlich die letzten waren, die ins Budapester Hostel-Zimmer gekommen sind, bin ich die erste, die aufwacht. Es ist angenehm kühl und ich sehe im Doppelstockbett gegenüber R.s Gliedmaßen über den Bettrand baumeln. Ausnahmsweise ist R. mal nicht vor mir wach. Ich schlüpfe in meine Flipflops und schwimme zur Dusche über den See, der sich im Badezimmer gebildet hat. Vermutlich ist die Toilette nur so sauber, weil keiner Lust auf nasse Füße hat. Da lobe ich mir meine Boots – die haben das Ganze auch gestern Nacht unbeschadet überstanden.

Nach gründlicher Körperkontrolle auf Parasiten, Sonnenbrand, Fleischwunden und sonstigen Auffälligkeiten, bin ich bereit fürs Frühstück in der Party-Zone vom Titty Twister. R. ist inzwischen auch auf und wir pilgern ans „Buffet“. Es gibt etwas Toast, einen Toaster, Cornflakes, Kaffee und die letzte Milchpackung reißen wir uns unter den Nagel. Alles sehr dürftig, aber bei dem Preis unschlagbar.

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7. August 2017, Budapest

Am nächsten Morgen trödeln wir. Die Amis, die gestern angekommen sind, sitzen in der Küche und wir empfehlen uns gegenseitig Reiseziele. Ihr nächster Stopp wird Berlin sein und natürlich laden wir sie ein, in unserem Kiez Halt zu machen, um die undergroundigste Kneipe im Wedding kennen zu lernen. Davor wollen sie aber noch mit einem Kanu die Inseln erkunden. Das ist auch hart. Aber wir sind härter. Vor allem als wir in der Mittagshitze aufbrechen und ich nach 500 Metern voll die Krise bekomme, weil ich so schwitze und wir nicht so schnell eine geeignete Stelle zum Trampen finden. Wir haben uns für Slowenien entschieden, Ljubljana. Da soll es kühler sein und auch einen Besuch wert – Empfehlung von J. aus Berlin, die heute auch aufgebrochen ist – allerdings nach Split – in die Vorhölle der Hitzewelle – viel Spaß.

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5. und 6. August 2017, Zadar

Noch bevor wir uns endlich gegen 18:00 Uhr in diese unsägliche Hitze aufmachen, buchen wir noch eine Nacht dran. Beim Bezahlen nimmt die Hostel-Mutti zu meiner Bankkarte tatsächlich R.s Personalausweis für die Identifizierung. Der alte Trick klappt immer noch. Mir fehlt eigentlich nur noch diese Sonnenbrille in Cool, dann könnte ich in R.s Namen jede Menge Blödsinn anstellen.

Entspannt mit der zweiten Übernachtung, so können wir den nächsten Tag ausschlafen und noch in diesem tollen Super-Hostel abchillen, während draußen alles zerfließt. Wir lernen noch ein paar Leute im Hostel kennen, zum Beispiel J. aus Berlin, M. aus Italien und A. aus Spanien. Kontakte knüpfen ist echt easy, alle sind irgendwie auf Durchreise. Man fragt sich nicht zuerst nach dem Beruf und Alter, sondern woher man gerade kommt und wohin es gehen soll. Mit unserer Art uns fortzubewegen – nämlich zu trampen – sind wir relativ schnell die härtesten und coolsten Traveller im ganzen Hostel.

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4. August 2017, Zadar

Als ich morgens von der Sonne geweckt werde, ist R. schon wach. Wir wechseln uns mit den unruhigen Nächten wohl ab, dafür schläft dann aber auch einer von uns immer wie ein Stein. R.s Hängematte ist über Nacht einfach mal 20 cm abgesunken, darunter wieder diese elenden Dornen. Ich halte einen Finger unter meine Hängematte. Auch ich schwinge nur 2 cm über dem Boden. Die Zikaden machen unglaublich Krach hier im Wald von Olib.

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1. August 2017, Mali Lošinj

Wie erwartet, sind wir vom Rumhängen total fertig. Wir schaffen es gerade so noch auf einen Burger am Hafen, dann schickt uns die Nachmittagshitze zurück in die Unterkunft, wo wir noch mal voll wegpennen. Und auf einmal ist es dann schon Abend und ich überlege tatsächlich, einfach weiter in der Unterkunft zu chillen, meine Beine sind unglaublich schwer und kribbeln – beunruhigendes Gefühl. Doch ich ringe mich dann durch und folge R. in die Stadt die Stufen runter.

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31. Juli 2017, Insel Lošinj, Mali Lošinj

Die dritte und letzte Nacht in Valun wird nach R.’s Horror-Geschichten nun für mich zum Nervenkitzel. Als wir uns in unser Lager zurückziehen, pennt R. sofort in seiner Hängematte ein. Für mich geht die abenteuerliche Reise ins Reich der undefinierbaren Geräusche los. Es ist Samstag Nacht und am Strand von Valun finden sich die Party-People ein. Neben gröhlenden Bayern, Wodka trinkenden Russen und singenden Italienern scheinen auch die Tiere des Waldes ihre ganz persönliche Samstag-Nacht zu zelebrieren. Das Zirpen der Zikaden frisst sich in die Nacht, überall knacken Äste und eine Maus – und hoffentlich nichts Größeres – macht sich an unserem Fressbeutel zu schaffen. Manchmal höre ich es sogar leise schmatzen. Dazu kommt das Taschenlampenfunkeln vom Strand. Ich kann mich gar nicht entscheiden, was mich mehr ängstigt: Die Vorstellung von irgendwelchen Betrunkenen hier im Wald entdeckt oder von einem der wilden Tiere zerfetzt zu werden. Auf jeden Fall hält mich beides bis zum Morgengrauen wach und ich rolle unruhig in meiner Hängematte hin und her während R. friedlich vor sich hin blubbert. Als es hell ist, schlafe ich zumindest noch ein paar Stunden.

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