Monteur de la Fress. Eine Fortsetzung

Nachdem ich seit zwei Wochen meine Freunde, Familie, Band, Mitbewohnerinnen und Arbeitskollegen mit meinem bevorstehenden Bohr-Zahnarzttermin nerve, als stünde mir eine Beinamputation bevor, ist heute mal wieder Tag X.

Ich bin natürlich viel zu früh wach, frühstücke viel zu verdauungsanregend und bin eine Dreiviertelstunde vor meinem Termin auf dem Weg, für den ich normalerweise 10 Minuten brauche. Aber das hat auch sein Gutes: Ich habe noch Zeit für den Fall der Fälle eine Tomatensuppe zu kaufen – wer weiß, wann ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen kann!

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Monteur de la Fress

Seit meine neue Mitbewohnerin eingezogen ist und ihre ersten freien Nachmittage im Uniklinikum für Zahntechnik verbracht hat, verspüre ich den seltsamen Drang zum Zahnarzt zu gehen und manchmal zwickt es auch irgendwo im Mundraum. Ein Hypochonder muss also tun, was ein Hypochonder tun muss: Zum Arzt gehen. In meinem Alter empfiehlt sich außerdem eine Beißschiene für die Nacht und vielleicht führt diese Maßnahme auch dazu, dass ich und mein Kiefer uns morgens nicht mehr fühlen, als wäre ein Traktor über unser Gesicht gerollt. Außerdem ist mal wieder eine Durchsicht nötig. Nach 7 Jahren Berlin habe ich mich noch nicht dazu durchringen können, mir einen anständigen Zahnarzt im Kiez zu suchen und heute ist Tag X.

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Paderbornisiert

Zum Glück gibt es so viele Sachen, die man in seinem Leben das erste Mal machen kann. Zum Beispiel auf Dienstreise nach Paderborn fahren. Ich war bisher weder auf Dienstreise, noch habe ich Paderborn besucht. Kann man mal machen.

Also ganz typisch erstmal aus Angst vorm Zugverpassen eine halbe Stunde zu früh am Hauptbahnhof in Berlin eintrudeln. Aber wenigstens habe ich bis dahin die Menschenmassen mit gechillter Musik auf den Ohren überstanden. Als ich am Bahnhof noch ein Päuschen in der Morgensonne einlege, fällt mir viel zu spät auf, dass neben mir eine Frau hockt und zitternd raucht. Unangenehmer Anblick, aber ich traue mich nicht sie anzusprechen. So ist das im anonymen Berlin. Bevor ich mir den Kopf weiter über Parkinson und Panikattacken zerbreche, verziehe ich mich zum Gleis und stehe dort weiter rum.

Der Zug Richtung Ruhrpott hat natürlich Verspätung. Alle meckern, ich hör Musik. Von fünf Minuten lass ich mir jetzt nicht die Laune verderben. Die Geräuschkulisse und die vielen Leute sind schon anstrengend genug. Dass hier alle Fresse ziehen, daran hab ich mich längst gewöhnt. Wir warten schließlich auf die Deutsche Bahn und nicht auf einen Lottogewinn.

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Epilog. Über Reisen, Krebs und Arbeit

Valun, Cres, Krk, Olib, Zadar – alles nur noch Orte, die man sich jetzt auf Fotos ansehen kann. Die Erinnerung bleibt, aber das Gefühl scheint konserviert zu sein in dem Zeitkontinuum, in dem wir uns befanden. Ich sitze auf dem Klo und scrolle Facebook-Profile von ehemaligen Klassenkameraden durch. Es gab eine Einladung zum Klassentreffen – zehn Jahre ist der ganze Quatsch jetzt her. Auf den Profilbildern erkenne ich selten jemanden von früher. Die meisten stecken in fetten Brautkleidern oder haben gleich die zerknautschten Babygesichter vom Nachwuchs zum Aushängeschild ihres Profils gemacht. Ich schließe die Teilnehmerliste mit den ganzen Namen, die ich nicht mehr kenne und drücke die Klospülung. Ich werde nicht dahin gehen. Eine einfache Alltagsentscheidung.

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Mühle

Das Ende vom Feld
hat sich verwegen
gegen Lavendel und Efeu entschieden.

Die Puppe streift ihre Haut
ins Leere
faltet Flügel
in den letzten Sonnenstrahl
und nimmt sich
die Tränen vom Tau
und legt sich
in die leere Hand.

Ein Draußen
das nur Innen
am Leben abperlt.

Es raunt in den Ähren
der Wind malt
seine letzten Worte
in die Wolken.

Weit weg die Glocken
eine Kirchturmspitze
streckt sich der Unendlichkeit
entgegen.

Das Feld schließt
die Arme
im Morgenrot
fallen die Motten
durch den Nebel.

Kein Ende hat sich je angekündigt.

Auch der Storch
fliegt mit entpuppten Flügeln
davon.

06/2017

Hedonistisches Kalkül

Die Sonne bricht sich
in den windigen Augen dieser Stadt.
Zwei falsch gespielte Trompetentöne
flüchten aus einer Wohnung
die sich „Avantgarde“ aufs Klingelschild geschrieben hat.

Ein Mensch erbricht sich
verteilt sein Gestern auf dem Weg von heute.
Autos hupen, Menschen strömen stumpf vorbei,
ein Fernseher absorbiert das fahle Grau
aber nicht die Tristesse dieser Leute.

Ein Blitz erwischt mich
unerwartet, doch geahnt hab ich es immer.
Sterben lauert ständig in den Venen
und schickt das Leben so auf einen Rausch
dann sitz ich oft inmitten meiner Trümmer
doch ohne dieses Auf-und-Ab-Bewegen
wär der Tod nur ein armseliger Tausch.

05/2017

Nachts am Alex

Der Duft nach frisch gebackenem Brot
aus Fertigmischungen
zerperlter Schweiß
weggeworfene Dönerreste

Urin rinnt langsam dampfend steinerne Stufen hinunter
Neonröhren locken
die übrig gebliebenen Motten des Spätsommers

Eine Zeitung bleibt unterm Schuh hängen
wischt Bierreste vom Bahnsteig

Nur das Pfeifen hallt bedrohlich über die Rufe verwirrter Existenzen durch den Schacht
Zigaretten atmen ihre letzten Züge ins Morgengrauen

Nebel liegt wie Tau an türkisen Wandfliesen
versteinerte Gesichter sind die letzten
denen ich begegne

Nach Hause
Allein

10/2015

Nacktes Titan

Gegen Ende des Sommers
Sind die Spinnweben allen egal geworden
Die Bindfäden, die es regnet
Wickeln sich wie der Saum einer Frage
Um die gekräuselten Blätter
In den geweiteten Adern sind Antworten
Zur Gelegenheit geworden
Deine geröteten Augen
Tanzen wie Heuschrecken Tango
Unter meinen Fußsohlen
Hol mich ab
Der Name der Haltestelle
ist Extase.

11/2016

Abstand

Salpeter
Tropft in Kristallen von den Wänden
Ein Kondensat der Traurigkeit
Kalt, durchnächtigt, Atemalkohol
Den du beim Zuhören inhalieren kannst.
Staub wird aus den Augen geweint
Nachts, die Köter jaulen in den Gassen
Und Sirenen schieben sich vorbei
Blau und rot, taub wie schlechtes Heroin.
Vielleicht schneiden sie dir die Venen auf
Mit zerbrochenem Glas
Und kalten Blicken
Vergessen, wie Glücklichsein funktioniert.
Nachts, die wunden Seelen essen Kot
Brechreiz, ein Gefühl von Lebendigkeit
Leergetrunkene Träume
Die keiner mehr träumt
Aufgebrauchtes Herzguthaben
Und weggelassene Empathie
Vor die Füße geschmissen.
Ein Ort, fünf Gesetze
Liegenlassen
Wegwerfen
Dagegentreten
Durchhalten
Ableben
Keine Regeln
Und rauh stülpt sich die Scham
Gestaltlos über kostümierte Eitelkeiten.

11/2016