Mühle

Das Ende vom Feld
hat sich verwegen
gegen Lavendel und Efeu entschieden.

Die Puppe streift ihre Haut
ins Leere
faltet Flügel
in den letzten Sonnenstrahl
und nimmt sich
die Tränen vom Tau
und legt sich
in die leere Hand.

Ein Draußen
das nur Innen
am Leben abperlt.

Es raunt in den Ähren
der Wind malt
seine letzten Worte
in die Wolken.

Weit weg die Glocken
eine Kirchturmspitze
streckt sich der Unendlichkeit
entgegen.

Das Feld schließt
die Arme
im Morgenrot
fallen die Motten
durch den Nebel.

Kein Ende hat sich je angekündigt.

Auch der Storch
fliegt mit entpuppten Flügeln
davon.

06/2017

Hedonistisches Kalkül

Die Sonne bricht sich
in den windigen Augen dieser Stadt.
Zwei falsch gespielte Trompetentöne
flüchten aus einer Wohnung
die sich „Avantgarde“ aufs Klingelschild geschrieben hat.

Ein Mensch erbricht sich
verteilt sein Gestern auf dem Weg von heute.
Autos hupen, Menschen strömen stumpf vorbei,
ein Fernseher absorbiert das fahle Grau
aber nicht die Tristesse dieser Leute.

Ein Blitz erwischt mich
unerwartet, doch geahnt hab ich es immer.
Sterben lauert ständig in den Venen
und schickt das Leben so auf einen Rausch
dann sitz ich oft inmitten meiner Trümmer
doch ohne dieses Auf-und-Ab-Bewegen
wär der Tod nur ein armseliger Tausch.

05/2017

Nachts am Alex

Der Duft nach frisch gebackenem Brot
aus Fertigmischungen
zerperlter Schweiß
weggeworfene Dönerreste

Urin rinnt langsam dampfend steinerne Stufen hinunter
Neonröhren locken
die übrig gebliebenen Motten des Spätsommers

Eine Zeitung bleibt unterm Schuh hängen
wischt Bierreste vom Bahnsteig

Nur das Pfeifen hallt bedrohlich über die Rufe verwirrter Existenzen durch den Schacht
Zigaretten atmen ihre letzten Züge ins Morgengrauen

Nebel liegt wie Tau an türkisen Wandfliesen
versteinerte Gesichter sind die letzten
denen ich begegne

Nach Hause
Allein

10/2015

Nacktes Titan

Gegen Ende des Sommers
Sind die Spinnweben allen egal geworden
Die Bindfäden, die es regnet
Wickeln sich wie der Saum einer Frage
Um die gekräuselten Blätter
In den geweiteten Adern sind Antworten
Zur Gelegenheit geworden
Deine geröteten Augen
Tanzen wie Heuschrecken Tango
Unter meinen Fußsohlen
Hol mich ab
Der Name der Haltestelle
ist Extase.

11/2016

Abstand

Salpeter
Tropft in Kristallen von den Wänden
Ein Kondensat der Traurigkeit
Kalt, durchnächtigt, Atemalkohol
Den du beim Zuhören inhalieren kannst.
Staub wird aus den Augen geweint
Nachts, die Köter jaulen in den Gassen
Und Sirenen schieben sich vorbei
Blau und rot, taub wie schlechtes Heroin.
Vielleicht schneiden sie dir die Venen auf
Mit zerbrochenem Glas
Und kalten Blicken
Vergessen, wie Glücklichsein funktioniert.
Nachts, die wunden Seelen essen Kot
Brechreiz, ein Gefühl von Lebendigkeit
Leergetrunkene Träume
Die keiner mehr träumt
Aufgebrauchtes Herzguthaben
Und weggelassene Empathie
Vor die Füße geschmissen.
Ein Ort, fünf Gesetze
Liegenlassen
Wegwerfen
Dagegentreten
Durchhalten
Ableben
Keine Regeln
Und rauh stülpt sich die Scham
Gestaltlos über kostümierte Eitelkeiten.

11/2016

Haut

Das Blau faltet sich zwischen den Schleier
Zerfetzte Nebelstreifen säumen den Stadtrand
Über den Hochspannungsleitungen
Blitze und blaue Funken aus Elektrizität
Im Auftauchen schon verschwunden
Wahrgenommen nur als partielles Empfinden
Kleine Tau schluckende Tröpfchen
Perlen an Wollfasern
Rinnen den Schal abwärts
Bleiben in der Grube des Morgens
Mit dem Aufstehen
Schon wieder weggewischt
Wie Nachtschweiß
Klebrig und unruhig
Deine nasse Haut.

06/2016

Herb(st)

Es wird Herbst
die Blätter machen sich aus dem Staub
und scheren sich einen feuchten Dreck
um die verlorenen Stunden ans Tageslicht

Es wird Herbst
in einer anderen Stadt wird geschossen
die Welt gerät zwischen die Fugen
die Blätter scheren sich nicht darum
und fallen weiter von den Bäumen

Es war die ganze Zeit schon Herbst
in den Köpfen
und in den dunklen Stunden
die sich am Tresen besser aushalten ließen
als in den feuchten Straßen

Es ist Herbst
die Angst kriecht ins linke Hosenbein
Blätter zertreten an den Schuhsohlen
haften wie ein Kerzenmeer
hinter Pariser Fenstern

Es ist Herbst
November nicht mein bester Freund
melancholisch formt der Rauch
einsame Zeilen

Es ist Herbst
mein Herz
wer schert sich darum.

11/2015

So gesehen

Warum muss man manchmal
erst auf Distanz gehen,
um das Gesicht des anderen
klar genug sehen zu können?

Doppelbilder trüben die Sicht oft
im Sich-näher-Kommen
ein Auge frisst das andere

Unausgesprochenes
schlüpft durch die Pupille davon
und schleicht sich ins Sichtfeld
zwischen die Stirn gedrückt
wie ein Zeichen der Abmessung
den Abstand wahrend

In der Distanz
liegt die Nähe
im Sich-näher-Kommen
die Gewissheit.

11/2015

Das Grün

schmiegt sich um deine Konturen
Tauben im Tiefflug
es riecht nach Zimt
in deinen Augen

Grashalme gepresst
zwischen den Seiten
die mir ins Leben geblättert werden

Rauch saugt an Schornsteinen
wird später zerdrückt
unter den regnenden Wolken
die deine Tränen
aus dem Vormittag stahlen

10/2015