Drei Tage Lach

Tourbericht WENDY SUCKS + COULEUR
Berlin – Hamburg – Leipzig
18.12. – 20.12.2019

Es ist Mittwoch Mittag und ich habe mich in gediegener Langsamkeit die letzten Tage auf die Minitour über Berlin und Hamburg mit unseren Freunden von COULEUR ausgiebig vorbereitet. Im Grunde bedeutet das eigentlich nur: Essen, Schlafen, Essen, Schlafen und Atmen dabei nicht vergessen. Jetzt bin ich startklar mit leichtem Gepäck, das Desinfektionsgel griffbereit und mein Smartphone samt 16.000 mAh Powerbank voll geladen. Jeden Moment wird mich eine Sprachnachricht mit unsäglich belastender Lache erreichen und das GO erteilt. Gedacht und eingetroffen.

In üblicher Zwangsneurosenmanie kontrolliere ich ein letztes Mal alle Heizungen und Lichtschalter und schließe dann zweimal das Türschloss rum, um endlich mit meinem Rucksack und dem Schlafsack die Treppe runterzupoltern. Und da steht der Chaotentrupp auch schon mit der Tourkutsche vor der Tür. Ich kenne die COULEUR-Jungs noch nicht besonders gut und setze mich zu Rusty auf die Rückbank, das scheint mir erstmal safe vor Reizüberflutung, denn die spielt sich schon in aller Heftigkeit mit Apollo und Dani im Fahrerbereich ab. Wir düsen zum Proberaum und schleppen unseren Wendy-Krempel runter. Dann kommt die heißersehnte Tetrisrunde mit Endgegner: Wir müssen irgendwie alles reinbekommen in den kompakten Ford Transit, und Dani ist hochmotiviert mit seinen über viele Jahre antrainierten Tetris-Skills alles problemlos zu managen. Im echten Leben scheint das allerdings nicht auszureichen und schon bald stellen sich unsere skeptischen Blicke als sehr wohl begründet heraus und das Ergebnis lautet: Alles wieder raus aus dem Bus und irgendwie die letzte Sitzreihe ausbauen. Glücklicherweise kann man die Dinger per Gurtgriff einfach einklappen und so funktioniert es dann auch wie gedacht und wir haben kurzerhand ein zwar nicht unbedingt vorzeigbares, aber funktionales Packergebnis. Alles ist drin und jeder bekommt einen Sitzplatz – loift.

Weiter geht’s dann zu Dani nach Hause, der noch die Post von seinem Ex-Drachen abholen muss. Nächster Zwischenstop Aldi für Chips und Cola und nicht zu vergessen: Rinderknackwurst. Darf in einem ordentlichen Tourbus zur Verbesserung des allgemeinen Raumklimas natürlich nicht fehlen. Zu meiner Überraschung wird kein Alkohol gekauft, aber ich werde mich hüten darauf hinzuweisen, fällt sowieso früh genug auf. Wir liegen verdammt gut in der Zeit und steuern nach Roidnitz, um Cami einzusammeln. Die Gute kommt seelenruhig die Treppe runtergetrottet, hat aber ihr Gepäck gar nicht dabei. „Ich dachte wir gehen erstmal essen.“ – Berechtigter Einwand und außerdem gut kalkuliert, die Frau: Dani und Apollo müssen mit anpacken und Camis Gitarren-, Fress,- und Schminkkoffer schleppen. Eindeutig faire Arbeitsverteilung in unserem Haufen. Dann gibt’s noch ne Stärkung beim Libanesen und Dani versaut sich direkt die gute Tourhose.

Noch immer top in time düsen wir weiter, um Barby einzusammeln, die bis zur letzten Minute vor Tourstart noch gearbeitet hat. Wir sind fast pünktlich und auf wen warten wir? Richtig, auf eine hungrige Barby, die sich nicht nur fürs Subways-Sandwich, sondern auch noch zum Pissen anstellt. Fehlt nur noch das Tour-Start-Foto mit Anti-Nazi-Flagge und dann kanns auch schon losgehen. Dani scheint wenig vertrauenwürdig zu wirken und so klappt das Anlabern von Passanten erst beim zweiten Anlauf. Ein etwas finster dreinschauender Typ mit Glatze, von dem wir erstmal nicht wissen, ob er AfD wählt oder einfach nur Haarausfall hat, übernimmt Danis Handy und scheint uns und unserer Flagge dann doch ganz wohlgesonnen. Immer diese Vorurteile, Asche auf unsere klischeedurchfluteten Häupter.

Und dann starten wir in die erste Etappe. Dani steuert das Schiff und wir machen hinten zu dritt Social Media Bank. Apollo probiert seine neue Lache aus und ich schwanke zwischen genervt und erheitert, denn vom Tourbusinnenleben hatte ich nicht wirklich etwas anderes erwartet als das, was nun hier stattfindet. Dani loggt sich per Bluetooth ins Bus-Soundsystem ein und zeigt uns von einer Menge guter Songs immer genau die ersten zehn Sekunden. Großartig, so können wir in viel kürzerer Zeit viel mehr Musik hören. Hier wird noch zeitsparend gedacht und direkt in den Berliner Stress-und-Hektik-Rhythmus übergegangen.

Die Gespräche erstrecken sich ansonsten über das übliche Spektrum von Band-Gossip über Wetter- und Verkehrsvorhersagen, Berlin-Erfahrungsberichten und natürlich das wichtigste: Stuhlgang. Die Festivalthemen finden sich also alle vereint in diesem kleinen Tourbus wieder, der für die nächsten drei Tage das Zentrum unserer umnachteten Gemüter sein wird. Wir kommen gut durch, machen relativ spät Pinkel- und Biershopping-Pause und landen fast pünktlich und mit wenig Stau in Berlin Kreuzberg, wo wir klassisch zweite Reihe parken und ich seit Stadteinfahrt einen Puls von 190 habe.

Im Wild at Heart ist man entspannt und wir laden etwas unentspannter, aber bester Laune unseren gut gepackten Kram aus. Dann düsen Dani und ich zum Trinkteufel, um noch ein paar Shirt-Nachdrucke einzusammeln, die man uns freundlicherweise direkt hierher geliefert hat. Und schließlich beginnt einer der nervigsten Abschnitte: Parkplatzsuche. Während mein Nervenkostüm immer dünner wird, steuert Dani zielsicher rückwärts in eine Einbahnstraße, an deren Ende wir nicht einfach wieder auf Kreuzbergs größte Hauptstraße abbiegen können. Doch Glück im Unglück: Hinter uns wird ein Parkplatz in PKW-Größe frei, den Dani schnell zu unserem macht. Meine einweiserischen Fähigkeiten hier nur am Rande erwähnt.

Im Grunde läuft alles wie am Schnürchen und wir trödeln fröhlich zurück ins Wild at Heart, wo der Soundcheck unmittelbar bevorsteht. Mein Equipment ist fast vollständig aufgebaut und ich brauche eigentlich nur noch die Klampfe anschließen und meine Ersatzgitarre an die Wand hängen. Apollo und ich platzieren noch fix das wunderschöne COULEUR-Back-Drop. Kurze Absprache mit Urgestein-Tonmensch Ulli und zackzack Dani hinter die Kessel gesetzt. Unser Pappschild, auf das wir noch WENDY SUCKS schreiben wollten, gammelt im Backstage, da sich kein Edding auftreiben lässt. Kaum ist Barby mit dem Bass auf der Bühne, ist der komplette Schlagzeugsoundcheck in unter zwei Minuten gelaufen.

Bassdrum – bum bum, passt. Snare – bum bum – passt. Jetzt alles zusammen – Bum bum bum – passt. Jetzt der Bass: dedüm – passt. Die Gitarren: erste Gitarre, tschumtschum – passt. Zweite Gitarre, tschumtschum – passt. Für die Gesänge schreit jeder zweimal Heyho ins Mikrofon, dann ist alles eingestellt und wir spielen einen Song an, stellen fix die Monitore ein und: Der Sound ist Bombe. In unserer noch sehr jungen Bandgeschichte der schnellster Soundcheck der Welt. Heute ist unser zweiter offizieller Gig.

Berlin ist schnell – in allen Dingen und so werden wir direkt vom Soundcheck nach Nebenan ins Tiky Heart geschoben, wo ein Tisch für die Bands reserviert ist und wir in Kürze Essen serviert bekommen. Nur Rusty geht erstmal leer aus, aber das macht nichts, weil ich angesichts der Schnelligkeit und Anspannung und einer sich leicht ankündigenden Panikattacke nicht einfach losspachteln kann. Zur Beruhigung verziehe ich mich für ein paar Minuten aufs Klo und zocke Sims. Dann geht’s wieder und ich drängle mir ein paar Happen von dem echt leckeren Hähnchen-Reis-mit-Scheiß rein. Für meinen Reizdarm leider viel zu scharf und ich verzichte wohlwissend, welchem Drama ich damit vielleicht entkomme. Wer kennt sie nicht, die Angst vor spontaner Darmentleerung auf der Bühne?

Weiter geht’s im Zeitraffer, nach acht Jahren Berlin habe ich nicht versäumt alle Freunde und Bekannte für diesen phänomenalen Abend nach Kreuzberg einzuladen. Eintritt ist frei und so fehlen vielen Leuten die Gründe, hier heute nicht aufzuschlagen. Wilde Umarmungsszenen spielen sich ab, nachdem ich vor neun Monaten fluchtartig die Stadt verlassen habe und mich seitdem hier nicht mehr blicken ließ. Alle sind sie da und alle haben sie was zu erzählen und wollen was wissen. Ich möchte mich kurz klonen und mein wahres Ich zusammen mit den Sims im Klo einsperren.

Als COULEUR anfangen zu zocken, nutze ich die Chance und verschwinde Backstage in diesen wahnsinnig geilen mit unendlich vielen Stickern zugepflasterten Raum und ziehe mir extra für diesen unvergesslichen Abend mein kleines Schwarzes an. Kutte drüber, fertsch. Ich beneide meine Bandkolleginnen für ihre Gabe mit Schminke umzugehen. Bei mir hats wieder geradeso der schwarze Kajal und die Haarbürste in den Kulturbeutel geschafft. Dementsprechend schnell bin ich fertig und kann mir noch ein paar Songs von COULEUR anschauen, die wirklich ordentlich abliefern und in den Gesichtern meiner Berliner Freunde sehe ich: Es gefällt sehr. Irgendwann macht Rustys Amp schlapp, scheint aber nur ihm aufzufallen. Ich bin zumindest fürs erste schon mal betriebsblind und hoffe einfach nur, dass mir nachher nichts Peinliches passiert. Potential ist da, ich fühle mich trottelig und überreizt. Das reicht für eine Vielzahl an Unkontrollierbarkeiten, ganz ohne Alkohol. Neben ein paar meiner Ex-Freunde ist auch meine Ex-Band anwesend und ich bin erleichtert, wie locker alles ist, hatte ich im Vorfeld doch aus verschiedenen Gründen meine Ängste, dass diese Nacht in Vorwürfen und nicht erfüllten Erwartungen enden könnte.

Dann ist es so weit und wir schicken Dani mit der Pferdemaske auf die Bühne. Keine Ahnung, wie viel er dabei wirklich sehen kann. Ich bete, dass nichts kaputt geht, bevor wir anfangen. Das DJ Bobo Intro wird wie erhofft abgefeiert und ich bin heilfroh, dass wir uns die Tanzperformance klemmen, bei der ich höchstwahrscheinlich nicht ganz unbemerkt hätte bei Cami abschauen müssen, da ich nicht in der Lage bin, mir drei aufeinanderfolgende Bewegungsabläufe einzuprägen ohne dabei peinlich auszusehen. Als das Lied in seinen letzten Tönen ausklingt, haben wir bereits die Klampfen umgehängt und starten direkt mit Vollgas. Den ersten Song verkacken wir leider genau an befürchteter Stelle und ich glaube es liegt daran, dass ich mich vergreife und den Part einfach nochmal von vorn anfange, während alle anderen schon weiter sind, ich aber konsequent weiter spiele, statt an der richtigen Stelle einzusteigen und mir denke: Kommt ja gleich der nächste Part, dann sind wir bestimmt wieder alle zusammen. Und es klappt irgendwie. Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen, das ist unser zweites Konzert und wir machen Punkrock. Das Publikum scheint es ähnlich zu sehen und ist von Anfang an mit Pogo und Applaus dabei. Irgendwo singt sogar jemand den Refrain von unserem ersten Demo mit. Crazy Shit.

Unseren neuesten Song – natürlich gegen Nazis – spielen wir am Ende direkt nochmal als Zugabe und auch die Ansagen funktionieren. Wir haben uns überlegt, Cami immer auf Französisch das Publikum beleidigen zu lassen, um naja – einfach zu sehen, was passiert. No Risk, No Fun.

Die Show verfliegt wie fünf Minuten und dann sind wir durch. Alles in Allem ganz schön aufregend und geil. Bis auf ein paar kleine Schnitzer fühlt es sich an, als hätten wir nie was anderes gemacht. Ich bin euphorisiert bis unter die Haarspitzen und bräuchte eigentlich erstmal zwei Köpfe zum Runterkommen. Statt direkt abzubauen, labern wir mit den Leuten. Dani verzieht sich hinter den Merch-Koffer und ich kann aus dem Augenwinkel sehen, wie einer nach dem anderen meiner Berliner Freunde mit einem Wendy-Shirt zurückkommt, auch die Kein-Bock-Auf-Nazis-Dose klingelt immer wieder. Zwischen alten und neuen Geschichten mit vielen bekannten Gesichtern erspähe ich meine Band und COULEUR mit einem großen Schnapstablett voller Mexikaner und Pfeffi. Da das für mich eh ausfällt, bin ich nicht böse, dass mich keiner dazuholt, ein kurzes komisches Gefühl überkommt mich trotzdem.

Wie nicht anders erwartet, verdünnisiert sich ein Großteil der Meute schnell zurück an das heimatliche Tresenholz in den Wedding und im Wild at Heart lichtet es sich langsam. Wir räumen schließlich das Equipment zusammen und machen Backstage noch ein Foto vor der Stickerwand. Mein Freund Peter, bei dem wir heute freundlicherweise übernachten dürfen, wartet geduldig auf uns. Ein Glück hat der Mann eine Menge Erfahrung mit Bands und ihren Macken. Obwohl schwierig, düsen wir dann mit dem Barbymobil nach Friedrichshain und bekommen überraschend schnell einen Parkplatz. Dann heißt es Schlafsäcke packen und wir wackeln alle in Peters 1-Zimmer-Wohnung, um unser Nachtlager aufzuschlagen. Es geht zu wie auf Klassenfahrt und unter Lachen versuche ich meine Luftmatratze aufzupusten. Dani faltet sich in die kleine Couch, Barby und Cami breiten ihre Schlafsäcke auf den Matratzen mitten im Raum aus. Es dauert ewig bis Ruhe einkehrt. Ständig muss nochmal jemand aufs Klo, macht noch wer ne bekloppte Insta-Story oder nimmt Voicemails für Rusty und Apollo auf, die nicht weit vom Wild at Heart bei einem Freund übernachten.

Als das Licht aus ist, beginnt Cami Paranormal Activity zu spielen und setzt sich vor die Couch, um Dani ziemlich psycho anzustarren, woraufhin dieser auch spürbar Angst bekommt, die er aber mit immer schlimmer werdenden Lachanfällen zu übertünchen versucht. Im Barbylager wird es irgendwann immer ruhiger, nur Cami als Küken unserer Bande dreht nochmal richtig auf. Ich versuche auch zur Ruhe zu kommen, werde aber immer wieder von Lachanfällen geschüttelt, die meine Brustkorbverspannungen derbe verschlimmern. Ich fürchte um mein Zwerchfell und mache irgendwann eine Klangschalenmeditation mit Wasserfallsound an. Ergebnis: Alle müssen nochmal aufs Klo. Zweite Runde Paranormal Activity. Barby gibt glucksende Einzellacher ab, woraufhin wir wieder alle völlig eskalieren. Ein einziger Kreislauf. Gegen halb vier ist irgendwann Ruhe und ich stecke mir die Ohrstöpsel in die Ohren.

Da die meisten von uns über 30 sind, ist die Nacht halb neun zu Ende. Nur Cami grunzt noch ein bisschen länger genüsslich vor sich hin, der Rest ist schon wieder am Gackern. Mit nicht erwarteter Disziplin gehen wir alle nacheinander duschen und packen unser Zeug zusammen. Es geht zurück nach Kreuzberg zum Breakfast Deluxe mit COULEUR. Während Dani und ich direkt nach dem Losfahren anfangen Fahrradfahrer vollzupöbeln, stopft Barby auf dem Rücksitz eine angefangene Tüte Chips in sich rein. Wird Zeit, dass es was zu mampfen gibt. Ich bewundere Danis grenzenlose Entspannung bei jeder Parkplatzsuche und bin froh, dass ich in diesem Verkehrsschaos von Berlin nicht hinterm Steuer sitzen muss. An der Frühstückslocation erwarten uns schon Apollo und Rusty mit ihrem Kumpel, die fröhlich in sich reinknuspern und ordentlich zugelangt haben. Wir bestellen jeder ein anderes Frühstück, nur Barby bestellt zwei und es folgt die Barby Monster Breakfast Show – ein echter Hingucker. Ich bin erfreut über die festen Toiletten und alle die das ähnlich sehen, kommen mit einem sehr entspannten Gesichtsausdruck vom Scheißhaus wieder.

Next Stop: Just Music, sowas gibt’s ja bei uns im Osten nicht. Nachdem wir die Einfahrt nicht finden, parken wir kurzerhand einem Just Music Bus dicht auf den Fersen auf dem Mitarbeiter Parkplatz und ich bleibe im Bus sitzen, um mal ein paar Minuten in Ruhe zu telefonieren. Außerdem will ich weder was kaufen, noch habe ich Kohle. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen. Dass wir einen Strafzettel bekommen, geht allerdings völlig an mir vorüber, obwohl ich den Bus die ganze Zeit nicht verlasse.

Auch wenn die anderen nichts kaufen wollten, kommt gefühlt jeder mit irgendeiner Kleinigkeit zurückgelatscht. Nur ich habe gespart. Dann geht’s zum Wild at Heart, einladen – diesmal sogar Parken in fast dritter Reihe.  Apollo übernimmt das Steuer und Dani kommt zu Barby und mir nach hinten auf die Social Media Bank. Zum Donnerstag vormittag sind die Straßen in Berlin einigermaßen frei und wir froh, als wir endlich dieses Sündenpfuhl in Richtung Autobahn verlassen können. Die bandinterne Kommunikation hat einen neuen Niveautiefpunkt erreicht und so wünscht man sich beim Niesen kein „Gesundheit“ mehr, sondern fährt sich ein kollektives „Halt’s Maul“ ein, das freilich und folgerichtig in einer abartigen Lachorgie endet. Barby hat außerdem an die Staubemmen gedacht und sich ein schönes dickes Eibrötchen für schlechte Zeiten zurecht gemacht. Dieses sorgt nun für ein prägnantes Bus-Aroma, bei dem man sich nie sicher sein kann, ob nicht doch jemand hintenrum undicht ist. Das Ei-Brötchen wird ins Handschuhfach verbannt. Erstmal zwei Köpfe zum Runterkommen.

Die Fahrzeit bis zum Stadteingang Hamburg vergeht im Verhältnis zu der Zeit, die wir in Hamburg durch die Rushhour eiern wie im Flug. Irgendwie freue ich mich wahnsinnig auf Hamburg, aber die anhaltenden Lachflashs und auch die Enge im Bus gepaart mit der aussichtslosen Situation diesen im Stadtstau zu verlassen, versetzt mich weiterhin in kleine panikartige Zustände. Schließlich gibt’s in den vorderen Reihen eine leichte Verstimmung: Navi zu langsam, Fahrspuren zu voll, Bus zu unwendig, alles dauert und dauert, wir sind eh schon zu spät und wollen vorher noch im Hostel einchecken. Nach einer Kreisrunde dann endlich der entnervte, aber dennoch gewitzte Zwischenstop am Hostel. Während Cami, Barby und ich an der Rezeption einchecken, geht Dani erstmal im Gemeinschaftsklo einen abseilen. Cami und ich werfen uns vielsagende Blicke zu und sind froh, dass wir hier gleich wieder verschwinden können. Ein paar französische Inkognito-Brocken wirft mir Cami noch zu und dann checken wir, dass der koreanische Rezeptionist auch Französisch kann. Soviel zum Undercover-Lästern.

Heidi Klum wäre stolz auf uns gewesen. Im Zimmer bezieht jeder schnell ein Bett seiner Wahl und wir suchen unser Handgepäck für die Show zusammen und wechseln Schuhe. Barby bekommt das Doppelbett am Fenster, ich sichere mir ein Einzelbett in der Ecke mit Türnähe und Cami und Dani nehmen das Doppelstockbett, welches sich bedrohlich nach vorn biegt als Dani seinen Luxuskörper ins obere Stockwerk schwingt. Ich freue mich auf eine Runde Paranormal Activity Advanced heute Nacht. Außerdem lasse ich mir einen der beiden Schlüssel geben, falls sich die Meute doch noch für eine Nachtschicht auf der Reeperbahn entscheidet und ich das nüchtern einfach nicht ertrage.

Auf dem Weg zur Bar227 ist der Verkehr immer noch ätzend zähflüssig und wir finden uns mit einigen Schlenkern und Schnörkeln dann aber doch hin. Keine Ahnung, wo es rein geht, wir parken erstmal auf dem Radweg und lassen uns von ein paar entnervten Hamburger Radfahrern vollpöbeln. Dann müssen wir ein paar Meter vom Club entfernt auf einer Abbiegespur kurz vor der Ampel halten und ausladen. Ich hab keinen Bock und merke, dass dieses Auf-Tour-Sein echt richtig Arbeit ist. Da wir spät dran sind, muss alles zackig gehen. Wir bauen sofort auf, es gibt kein Essen, der Veranstalter drückt uns einen Fuffi in die Hand und sagt, wir sollen uns was um die Ecke holen. Nur wann? In 20 Minuten soll es bereits losgehen, also noch fix soundchecken. Nächster Ärger: Es gibt keinen Backstage und alles, was mir dazu einfällt, ist, dass ich keine Lust habe, mir die anderen Bands reinzuziehen, vor allem, weil wir zuerst spielen und ich eigentlich dann gern mal irgendwo auf einer Couch gammeln würde. Am liebsten mit Wärmflasche und Kamillentee und einer schalldichten Tür. Daraus wird allerdings nichts. Im Eifer des Gefechts sucht noch jeder irgendwas ganz dringend, Cami rennt einen der Mikroständer um und ich kotze auch ein bisschen ab, weil ich mir das anders vorgestellt hatte. Kurz vor Knapp dann ein kleiner Nervenzusammenbruch und wir machen schnell bestärkenden Girls-Talk vor dem Herrenklo, das eindeutig die bessere Schminkbeleuchtung hat.

Kurz vor neun geht’s auf die Bühne und wir streichen den ersten Song, den wir gestern verkackt haben, für heute komplett aus der Setlist. Der Publikumsraum ist mäßig gefüllt. Bei vier Bands würde ich mich auch nicht schon kurz vor neun in den Laden stellen. Zudem gibt es wenig Sitzmöglichkeiten und wer hat in Zeiten wie diesen bitte noch nix mit dem Rücken? Pünktlich sind allerdings meine Freunde aus der Selbsthilfegruppe – auf die ist eben Verlass. Schon beim dritten Song sind das auch die Leute, die ganz vorn am heftigsten pogen und jetzt, wo wir einmal dabei sind, habe ich richtig Bock und bin irgendwie drin, auch wenn ich aufgrund der kleinen Bühne nicht bis zu Cami rüberkomme und sozusagen alleine ausrasten muss. Barby ramme ich zweimal kurz meinen Gitarrenkopf in die Schulter, unsere Mikros stehen einfach zu nah beieinander. Inzwischen ist auch die Nervosität gewichen, von Panikattacken keine Spur. Als ich bei „Territorial Pissings“ mein Plektrum verliere, beuge ich mich nach unten, um es in aller Ruhe aufzuheben und wieder einzusteigen. Es geht ja um Entspannung.

Eine Zugabe gibt es hier nicht, wir halten uns an die 30 Minuten Show. Den Merchkoffer hätten wir auch gleich im Bus lassen können, die Aufkleber bleiben liegen, nicht mal gegen Nazis wird gespendet, anscheinend hat Hamburg diese Probleme einfach nicht. Naja, wir sind diesbezüglich seit gestern auch verwöhnt und kommen aus der Zone, so ist das nun mal. Dann gehen COULEUR auf die Bühne und legen schon wie am vergangenen Abend eine super Show mit viel Energie und Soundfasching hin. Rusty hat zwar wieder das Problem mit dem Amp, aber vorsorglich schon Nummer zwei mit auf der Bühne geparkt. Ich schaue mir das ganze von einem der wenigen Sitzplätze an und smalltalke hin und wieder mit meinen Exjunkie-Freunden, über deren Anwesenheit ich mich riesig freue, weil endlich jemand mit mir Limo trinkt und ich mich dabei nicht wie eine Außenseiterin fühlen muss.

Nach COULEUR spielen GOLDMOUTH. Eine Zweierkombo mit Bass und Gitarre, das Schlagzeug ist programmiert. Ich kann gar nicht so richtig hinsehen, geschweigedenn hinhören. Handwerklich sicher nicht schlecht, aber völlig jenseits meines Geschmacks. Wir treffen uns kurzerhand am verlassenen Merchstand und dann draußen zum Rauchen und zur Lagebesprechung. Schnell ist klar, dass wir seit dem Fühstück nix mehr zwischen die Kauleisten bekommen haben und unbedingt was essen müssen. Also räumen wir nach dem scheinbar endlosen Set von GOLDMOUTH unsere sieben Sachen in die Abstellkammer, wo es wie auf Hamburgs Straßen zu erheblichen Behinderungen und kurzzeitigem Stau kommt. Dann hauen wir rein Richtung Schanze. WARAN entgeht uns so zwar, aber ich lasse mir am nächsten Tag von meinen Freunden erzählen, dass es sich wohl gelohnt hätte. Aber: First things first.

Ich bin skeptisch, was die Nahrungsversorgung angeht, aber wir sind hier im Westen und tatsächlich gibt es auf der Schanze auch nach ein Uhr nachts noch massig Läden, die geöffnet haben. Die Entscheidung fällt so etwas schwer, aber irgendwann sitzen wir dann in einer Art Wirtshaus, wo man uns freundlich fragt, ob es stört, dass die geschlossene Gesellschaft ein paar Tische weiter hinten raucht. Erleichtert zünden wir uns Kippen an und stöbern in der üppig gefüllten Karte. Der Kellner will uns gleich sechs Bier bringen und für einen Moment fühle ich mich richtig beschissen mit meiner Apfelschorle-Bestellung. Der missempfindliche Moment kippt allerdings als das große Scheiße-Labern einsetzt. Ich weiß nicht mehr genau, worum es eigentlich ging, habe nur noch dieses Bild vor Augen, wie sich Apollo und Dani auf dem Leipziger Straßenstrich begegnen und sich zusammen ein Zimmer nehmen. Am Ende geht es natürlich um das Thema, das hier alle immer wieder umtreibt: Stuhlgang. Und dann passiert es, die neu ausprobierten Lachen von der Fahrt gipfeln in einer Art Sauerstoffengpass. Dani gibt nur noch kermitartige Zischlaute von sich, ist rot angelaufen und fällt höchstwahrscheinlich jeden Moment von der Bank und mit dem Kopf zuerst in die Spagetti Bolognese. Apollo vergießt Tränen, Cami läuft die Sahnesoße rechts und links aus den Mundwinkeln und Barby bekommt kaum noch was von ihrem Spinatauflauf hinter, ohne das Risiko eines Erstickungstodes einzugehen. So geht das gefühlt eine halbe Stunde. Alle halten sich die Bäuche und ich würde mir am liebsten den BH runtereißen, weil sich mein Brustkorb anfühlt wie ein Heißluftballon im Landeanflug.

Danis Magen muss sich im Zuge des Lachflashs vergößert haben, denn in alter Müllschlucker-Manier vernichtet er nach seinem Teller auch noch Camis Tortellonis, meine Rest-Bolognese und einen nicht unbeachtlichen Berg von Apollos Gyros. Wo isst dieser Mensch das hin? Und viel wichtiger: Welche Gas-Mischung wird uns heute Nacht im Schlaf überraschen?

Als wir den Laden immer noch glucksend und sabbernd verlassen, ist es bereits halb zwei. Apollo und Rusty müssen in ein anderes Hostel und so verabschieden wir uns vor dem Fresslokal und steigen wendy-sucks-mäßig in das nächste Taxi. Der Taxifahrer erinnert mich irgendwie an Karl Schmidt aus Herr Lehmann und umfasst in voller Größe sicher zwei Meter. Die lange blonde Rockermähne hängt strähnig über seinen Schultern. Dani platziert sich vorn und die beiden steigen direkt in ein ausführliches Gespräch über Rocklegenden ein. Wir drei hinten werfen uns kichernd fragende Blicke und Schulterzucken zu. Am Hostel angekommen braucht Dani eine Sondereinladung und dann trotten wir fertig und belustigt in unsere Gemächer. Oben angekommen ist die Nacht natürlich noch nicht vorbei, vor allem nicht für Cami. Raupe Nimmersatt dreht wie am Vorabend nochmal richtig auf und turnt, dass sich das Doppelstockbett biegt und Dani ganz verängstig über die Brüstung lugt. Barby faltet sich prinzessinnenartig zwischen die Doppelbettlaken und dann geht drei Tage Lach in die nächste Runde. Mitfühlend wie wir sind, nehmen wir unser Gekicher auf und schicken es in die Tour-Whatsapp-Gruppe. Apollo und Rusty sollen in ihrem 12-Bett-Zimmer schließlich auch was davaon haben. Ich bin mir inzwischen sicher, dass ich nicht nur eine Brustkorbverspannung, sondern auch eine Zwerchfellverklemmung habe und versuche mich wirklich wirklich zusammenzureißen. Auf meine Überlegung hin googelt Dani zu allem Überfluss auch noch, ob man vom Lachen sterben kann und Surprise: Man kann. Und ich spüre direkt, wie ich dem Ende entgegen lache, denn es hört fucking nochmal einfach nicht auf. Gegen halb vier sind dann alle erschöpft und ich voller Angst, dass ich in dieser Nacht infolge gesundheitsschädigenden Lachens versterbe. „Wendy Sucks – Bandmitglieder auf Tour tragisch totgelacht“ – Dies ist in Form einer Bildzeitungsschlagzeile das letzte, was ich noch vor mir sehe, bevor sich mein geschundener Brustkorb endlich zur Ruhe legt und ich für vier oder fünf Stunden in einen komatösen Schlaf falle.

Am nächsten Morgen freue ich mich auf nichts mehr als auf einen heißen Duschstrahl, den ich über meinen verspannten Kadaver jagen kann. Ich bin die erste im großen Hostel-Gemeinschaftsbad und auch wenn sich alle anderen punkrockmäßig gegens Duschen entscheiden – ich brauche das jetzt! Wie schön, dass ich beim Duschen bereits höre, wie sich Barby auf dem Scheißhaus zwei Kabinen weiter einfindet und Dani vom Waschbecken aus für uns alle den Alleinunterhalter spielt. Wir sind jetzt eine echte Band. Wir gehen alle gleichzeitig duschen und scheißen und unterhalten uns dabei. Wir halten zusammen ein ganzes Hostel wach und regen uns morgens auf, wenn nebenan jemand um 6 Uhr seinen Koffer packt. Wir unterrichten uns gegenseitig über Konsistenz, Menge und Farbe unseres Stuhlgangs und wir fangen langsam an zu erkennen, welches Equipment zu Danis Schlagzeug gehört und welches nicht. Fakt ist: Wir sind eine echte Band.

Schließlich packen wir unseren Krempel zusammen und verlassen das Hostel Richtung S-Bahn und frühstücken bei einem türkischen Bäcker. Dann verabschiede ich mich von den anderen, denn auf mich wartet noch ein spezielles Programm in Hamburg. Ich darf zur Feier des Tages meine Selbsthilfegruppe besuchen, während die anderen mal wieder zu Just Music Shoppen fahren und dann den Bus beladen. Im Meetingraum gibt’s dann erstmal Tee und Kekse und ich lausche gespannt den Geschichten, sammle noch eine Telefonnummer von einer Skinheadfrau ein und lasse ein paar Wendy-Aufkleber da. Dann werde ich auch schon vom Tourbus eingesackt und wir brettern auf die Autobahn und freuen uns alle tierisch aufs Wiederankommen in der Zone. Tschüß Hahahahahahamburg!

Die letzte Tour übernimmt wieder Dani am Steuer und Apollo platziert sich hinten bei Barby und mir auf der Social Media Bank, wo ein dämliches Video nach dem anderen entsteht, was nicht unbedingt zur Entspannung meiner Zwerchfellreizung beiträgt. Dazu gibt’s laute Musik, viel Gegröhle und dumme Selfies. Nur Cami und Rusty scheinen vorn entspannt wegzupennen, während hinten schon wieder eine neue Lachvariation ausprobiert wird.

Bei einer kurzen Pinkelpause bei Sanifair ist Barby die einzige, die sich punkrockmäßig unter der Bezahlabsperrung mit einem gekonnten Limbomove durchzwängt. Irgendwie hat sie auch recht, warum auch was bezahlen, wenn man eh schon was da lässt? Ich schone meinen Rücken und werfe spießigerweise 70 Cent in den Kloautomaten. Apollo kommt als letzter zum Bus zurück getrottet und berichtet von der längsten Wurst, die er je gekackt hat. Nach abgeschlossener Berichterstattung starten wir auf die letzten Kilometer zurück nach Leipzig.

Als wir in unsere geliebte Stadt einrollen, macht sich allgemeine Erleichterung breit und wir freuen uns tierisch auf die Show im FlowerPower. Ich erwarte erst einmal nix weiter bei allem, was ich bisher von dem Laden gehört habe. Da wir natürlich zu früh sind (Punk kommt ja bekanntlich von Pünktlich) hocken wir uns erst einmal in eine Pizzabude und bestellen schön fettig. Das Klo ist gleich nebenan und wir teilen brüderlich die letzten Kackpappefetzen, denn: Irgendeiner muss ständig und immer kacken. Und jetzt sogar ziemlich viele von uns. Glücklicherweise hat das Klo hier ein Fenster. Ich bekomme kaum meine halbe Pizza weg, die ich mir mit Apollo teile. Immer wieder schütteln mich heftige Lachanfälle und ich mache mir langsam ernsthaft Sorgen, im Hinterkopf immer wieder diesen Google-Artikel über den Tod durch Lachen.

Schließlich ist es acht Uhr und nach einer weiteren Runde Rumalberei stehen wir wieder vorm FlowerPower und können kaum erwarten, dass man uns Einlass gewährt. Irgendwann gehen die Rollos hoch und wir schleppen jetzt schon etwas routinierter unser Equipment nach drinnen. Ich werfe einen Blick auf die „Bühne“: Eine kleine Empore, auf der wir das Schlagzeug aufbauen können, dann müssten wir Dani eigentlich mit einem Kran dahinter heben und ihn dort für den Rest der Nacht sitzen lassen. Drummer-Streichelzoo sozusagen. Das bringt vielleicht ein bisschen extra Knete für uns arme Musikertruppe. Auf der Bühne gibt es allerdings weder genügend Steckdosen, noch irgendwelche Befestigungsmöglichkeiten für unsere Kein-Bock-auf-Nazis-Flagge. Nach dem dritten Versuch haben wir kein Bock auf zweitklassiges Klebeband mehr und ich schmeiße den Stofffetzen etwas missmutig wieder in meinen Koffer. Als das Drumset steht, passen Cami und ich tatsächlich noch samt Amps und Klampfen auf diesen Laufsteg von einer Bühne. Barby richtet sich vor uns im Publikumsraum mit ihrem Mikro ein und verabschiedet sich schon einmal von ihren Frontzähnen. Der Tonmensch ist ziemlich jung, offensichtlich nur zur Aushilfe und nicht besonders ambitioniert uns einen ordentlichen Sound einzurichten. Als der Veranstalter mit dem Dezibelmesser neben uns auftaucht und wir unsere Amps leiser stellen sollen, überkommt mich der  gute altbekannte Trotz. Scheint aber nicht nur mir so zu gehen. „Wir drehen uns gleich wieder lauter.“, raunt uns Barby verschwörerisch von vorn zu. Der Soundcheck geht einigermaßen glatt über die Bühne. So lange es nicht schlechter klingt als im Proberaum, bin ich zufrieden.

Kurz nach neun füllt sich der Laden langsam und ich kotze innerlich erneut, dass es keinen Backstage für einen Rückzug gibt. Unsere Liebsten, die schon auf uns gewartet haben, sind auch da und so kommt man nicht ohne Smalltalk und Berichterstattung vom Klo bis zur Bühne. Ich ziehe schließlich die Örtlichkeiten vor, um dort auszuharren, bis die Show los geht. Als ich die Treppe runterkomme, sehe ich schon Cami und Barby mit Schminkkram vor dem Spiegel. Auch ich habe mich vorbereitet und ziehe den Kajal aus der Kuttentasche, den ich mir kurzerhand etwas schludrig unter die Augen schmiere. Fertig. Barby macht zum Klafftern immer ein paar Schritte nach hinten und verzieht das Gesicht. Wohl einen etwas nervösen Magen heute, die Frau. Wir beordern Dani per WhatsApp zum Frauenklo, machen unseren Wendy-Ahu-Schrei und dann geht’s auf die Bühne. Oben ist es richtig voll und wir müssen uns förmlich durchdrängeln, bis wir zu diesem Witz von Bühne gelangen. Heute gibt’s kein Intro, keine Pferdeshow und auch keine Performance. Wir wollen direkt loszimmern. Ich schwinge mir die Gitarre über die Schulter und dann – oh Schreck – der Aufkleber mit der 7 auf meinem Griffbrett ist weg. Die letzten zwei Tage ließ er sich immer unweit der Bühne auffinden, jetzt ist er aber endgültig verschwunden. Ich pople etwas hektisch die 1 von der 15 weiter unten ab und mit etwas Spucke hält die Aushilfs-7 dann doch, ich darf nur nicht zu doll drüberrubbeln. In jedem Fall brauche ich die kleine Markierung zur Orientierung. Klingt komisch, ist aber Punkrock. Es geht los und wir starten heute wieder mit dem Song, den wir am Mittwoch in Berlin verkackt haben. Auch die schwierige Stelle sitzt heute, ich zähle leise mit 1-2-1-2-3 1-2-1-2-3 1-2.

Während wir zocken und uns ordentlich vollschwitzen, verlassen immer wieder kleinere Trauben von Menschen den Laden, ohne dass es spürbar leerer wird. Barby turnt unermüdlich vor der tanzenden Zuschauermenge rum und blockiert zeitweise die Tür, durch die immer wieder neue Leute reinkommen. Aus der Ruhe bringen lässt sie sich jedoch von nichts und niemandem. Ich versuche immer mal mit Dani in der Ecke Kontakt aufzunehmen, keine Ahnung, was der wieder gefressen hat, aber auf meine Fragen bekomme ich nichts weiter als ein ausgedehntes Rülps-uuuhhhääähhhh zu hören. Unser Set verläuft nicht ganz fehlerfrei, aber die Stimmung ist gut und wir spielen wieder unser Anti-Nazi-Lied in der Zugabe, das bei näherer Betrachtung im Refrain nach „We don’t eat Fascists“ klingt.

Dann COULEUR gewohnt professionell mit ganz schön viel Bums und Emotionen. Cami und Barby sind am Dancen, Dani hängt am Merch rum und ich schaffe es endlich mal kurz mit meinen Freunden zu schnacken. Zwischendurch fragt mich tatsächlich irgendein komischer Typ nach meiner Telefonnummer und hält mir aufdringlich einen alten Briefumschlag hin, auf dem sein Name steht. Er heißt N*** S********. Ich schreibe ein kleines „für“ über seinen Namen und ein „von Chrissi von WENDY SUCKS“ in groß drunter, natürlich ohne Telefonnummer. Insgesamt befinden sich im FlowerPower ganz schön viele Assis und Betrunkene. Ich verspüre wenig Lust neue Leute kennenzulernen und scheine ein entsprechendes „Sprich-mich-nicht-an-Face“ durch den Laden zu tragen. Gut so.

Irgendwann sind COULEUR auch fertig und wir fangen langsam an unser Equipment vor der verbleibenden feuchtfröhlichen Nacht in Sicherheit zu bringen. Erst einmal fühlt es sich an wie das totale Chaos. Überall Kabelsalat, vermisste Klampfenkoffer und keiner kommt in die Schlagzeug-Sperrzone. Dazwischen der Tonkomiker, der hauptsächlich eines macht: Im Weg stehen. Schließlich wird der Bus vorgefahren und wir räumen kurzerhand alles aus dem Laden, was wir an Equipment identifizieren können. Das Drumset steht voll aufgebaut und doch irgendwie in Einzelteilen mitten auf der Straße und es fängt an zu nieseln. Bevor nun aber Tetris in die nächste Runde geht, müssen erstmal die ganzen Teile in ihre Taschen. Dani schielt mich von der Seite aus ganz kleinen Augen an, lacht sein dreckiges Dani-ist-völlig-bekifft-Lachen und bekommt die Tasche der Bassdrum nicht zu. Ich übernehme und fange langsam aber sicher an rumzudrängeln. Das Konzert war geil, die Tour war geil und wir sind über die Tage so etwas wie eine kleine Familie geworden. Es gibt keine Schamgrenzen mehr, keine Fäkalgrenzen und wir passen immer alle gut aufeinander auf. Trösten uns, schnauzen uns an, wenn es sein muss, nur um uns danach wieder in den Armen zu liegen und den nächsten bescheuerten Panda-Filter über ein schlechtes Selfie zu ziehen. Aber wenns am schönsten ist, sollte man heim fahren und sich auspennen. Ich starte also zusammen mit Rodi und meinem ganzen Krempel zuerst Richtung Proberaum. Keine Ahnung, ob Rusty gefahren ist wie die Feuerwehr, aber der Bus trifft nur eine Minute nach uns ein. Das Ausladen geht schnell und dann ist sie auch schon vorbei: Unsere erste kleine Minitour als Band. Die Feuertaufe ist überstanden und wir stehen alle in Flammen. Bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Erstmal zwei Köpfe rauchen zum Runterkommen.

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Riesen-Dank an alle, die zu den Konzis gekommen sind, uns ne Penne organisiert und geile Fotos zur Erinnerung gemacht haben! Danke auch für die seelische und moralische Unterstützung von zu Hause aus! <3

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