Die Hoffnung, die du bringst…

Es ist endlich so weit: Sassi und ich haben das kritische Alter fernab der 30 erreicht und können uns nun gediegen um den Verbleib unseres Lebensabends kümmern. Um die Zeit bis zum endgültigen Dahinsiechen erträglich zu machen, steht als nächstes die Besichtigung eines Kleingartens auf dem Programm – schließlich sind wir jetzt erwachsen und reif genug, um die Spießigkeit der Gartenverordnungen Leipzigs ein bisschen aufzumischen.

Es ist Montag Nachmittag und die Sonne drückt erbarmungslos auf den Volkspark, an dessen bärlauchvergammelnden Rand sich auch die Gartensiedlung unserer Wahl befindet. Der verheißungsvolle Name “Abendsonne” lässt mich gedanklich bereits in einer Hängematte zwischen Obstbäumen und Rosensträuchern auf mein jähes Ende warten und hört sich endgültig an.

Sassi versucht fluchend auf ihrem Smartphone in einer PDF den Weg zu “unserem” Garten zu finden. Ich verlasse mich auf die logische Nummerierung an den Zäunen und weiche der Spiegelung des Handydisplays durch die Sonne aus, um nicht zu erblinden. Wir dringen weiter vor in diesem Labyrinth aus sauber gestrichenen Gartenzäunen und militärisch ausgerichteten Gemüsebeeten und kommen auf eine Art Kleingartenvorplatz mit symmetrisch angeordneten Bänken, einem verlassenen Gartenlokal und einem Kinderspielplatz mit Rutsche. Hier ist die Zeit stehengeblieben. Und zwar irgendwo vor der Wende. Durch einen Seitengang kommen wir schließlich in die Gartensparte, in der der Garten liegen muss, den wir ansehen wollen. Und da ist er auch schon. Ich linse verstohlen in die angrenzenden Gärten und stelle missmutig fest: Kinder. Und zwar von beiden Seiten. Rechts sogar mit Pool und einer Mutter in unserem Alter, die ihre gepiercte Fresse verzieht als sie uns vorbeitrotten sieht. Na herzlich willkommen.

Wir bleiben vor einer romantisch anmutenden verwilderten Gartenparzelle stehen. Ich bin sofort verliebt. Die Holzhütte sieht runtergekommen aus, so wie ichs mag. Und im Garten wächst alles durcheinander, ein Weg ist kaum zu erkennen, das Gras hoch und wild wechselt sich mit ein paar übriggebliebenen Rosen- und Obststräuchern ab.

Die Nachbarn der umliegenden Gärten beäugen uns neugierig und es dauert nicht lange bis der Herr gegenüber abwinkt und uns zu verstehen gibt, dass man sich mit diesem Garten nur unglücklich macht. Eine Hinterlassenschaft von irgendwelchen Assis und die will man hier nicht haben. Ein Fall für uns, denke ich.

Irgendwann kommt dann endlich der Vorstandsheini auf seinem Klapprad um die Ecke gebraust. Der muss auch direkt vor der Wende in eine Zeitmaschine gestiegen sein. Fehlen eigentlich nur die Tennissocken in Sandalen. Sonst ist alles originalgetreu vorhanden. Vokuhila, verschmierte Brille, Schnauzbart, keine Oberkörperbekleidung, aber Hosenträger, die sich in den sonnenverbrannten Körper schneiden. Manfred hat eine Fahne auf drei Meter und den falschen Schlüssel für den Assi-Garten dabei. Wir müssen also über den nicht allzu hohen Zaun klettern, was mit Sicherheit gegen die Kleingartenordnung verstößt. Auf der anderen Seite des ungepflegten Schandflecks dieser geleckten Gartensiedlung laufen wir direkt in die stacheligen Brombeeren, die quer über den unsichtbaren Weg wachsen. “Das muss alles raus”, bemerkt Vorstands-Manni, “für die Gärten gibts nur noch Stachellose.” Ich verkneife mir ein Grinsen. Stachellose, Kirschkernlose, Schädlingslose, Herbstzeitlose. Alles, was das Kleingärnterherz begehrt. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Nachdem sich Vorstands-Manni darüber ausgelassen hat, was hier für Leute gehaust haben, wieviel Pacht sie geprellt haben und wie man den Saustall so halbwegs entmüllt hat, gibt er eine ausführliche Einführung darüber, was alles im Garten gemacht werden muss. Wieviel Prozent für Obst- und Gemüseanbau zu bepflanzen sind und welche den Zaun überragenden Äste und Sträucher entfernt werden müssen. Außerdem, so munkelt man, haben die Assis Feuerlöscher im Garten vergraben. Wenn man die dann beim Umgraben findet, muss unverzüglich das Ordnungsamt informiert werden. Ich rolle hinter seinem Rücken mit den Augen und denke mir sofort, dass wir alles so lassen wie es ist. Feuerlöscher hin oder her. Romantisch, wild und verwegen. Brombeeren mit Stacheln. Revolution. Unser Garten der Leidenschaft.

“Kommen wir nun zum problematischeren Teil.”, sagt Manni und betritt den scheunenartig improvisierten Vorbau der Laube. “Das muss alles abgerissen werden. Erlaubt sind nur 24 Quadratmeter Laube. Das alles hier wurde illegal errichtet.” Ich tippe gegen einen Außenpfeiler dieses anmutigen Bauwerks und frage mich, ob Abreißen nötig ist oder der ganze Quatsch ohnehin beim nächsten Sturm in die Knie geht. Der Stromzähler ist intelligenterweise in dem Teil der Hütte angebracht, der abgerissen werden muss. “Und entsorgen müssen Sie das alles auf dem Sondermüll. Das kann teuer werden.”, bemerkt er nebenbei und klopft mahnend auf den Stromzähler. Mein Blick wandert zum Dach nach oben und ich muss unwillkürlich an Onkel Heinz aus dem Film “Sonnenallee” denken, der in einer Grenzkontrollhütte der DDR ängstlich seine Asbest-Bedenken gegenüber der Bausubstanz äußert. Aber ich muss auch an den Grenzer denken, der stolz sein amalgamiertes Gebiss zeigt und freudestrahlend verkündet, dass er noch nie in seinem Leben Krebs hatte.

Wir dringen weiter in die baufällige Hütte vor und stehen schließlich in dem Teil der Laube, die baurechtlich erlaubt ist und noch ganz passabel aussieht. In einem kleinen Raum weiter hinten wächst Efeu durch die Rückwand. Das tut es allerdings auch in der angrenzenden Nachbargartenlaube und muss natürlich – richtig – alles weg. Ich verwerfe also schnell wieder meinen Traum vom ruhigen efeuüberwucherten Hinterzimmer mit Lichterkette für romantische Stunden, mache aber zur Erinnerung an dieses lauschige Plätzchen schnell ein Foto.

Während Sassi und Manni über bauspezifische Vorgänge plauschen, werfe ich einen Blick in den ausgetrockneten Brunnen, der – wie Manni bemerkt – “höchstens mit einer Pumpe zu betreiben ist und das wird teuer.”

Wir stehen schließlich wieder zwischen den stacheligen Brombeeren und einem kleinen verträumten Margarithenfeld im Garten. “Dann muss ich Sie noch über die Regeln und Pflichten des Kleingartenvereins aufklären.”, holt Manni aus und rattert ein paar Satzungen runter. In meinem Kopf geht die Melodie von “Anarchy in the UK” an. Beim Wort “Arbeitsansatz” werde ich jedoch hellhörig und bekomme nur die zweite Hälfte mit: “…und aller zwei Wochen findet das dann statt. Vier Stunden Arbeitseinsatz zum Wohl der Gemeinde des Kleingartenverbandes. Daran teilzunehmen ist Pflicht, andernfalls zahlen Sie 120 Euro Strafe.” Ich sehe Sassis Gesichtsentgleisung unter der Sonnenbrille und muss daran denken, was meine Eltern immer mit “Subotnik” meinten, wenn sie mir als Teenager mit “Einsätzen zur Unkrautentfernung im Garten” einen Strich durch das Wochenende machten. Wie im Arbeitslager, denke ich noch und befummle die kleinen pelzigen Früchte eines Pfirsichbaums neben mir. Vorstands-Manni kommt aus dem Vorschriftenzitieren gar nicht mehr raus und schaukelt sich gerade nochmal an den Bauregelungen hoch. “… was aber erlaubt ist, ist das Errichten einer Bährgohla.” Ich schrecke auf und werfe Sassi einen hilflosen Blick zu. Was für eine Cola? In meinem Kopf sortiere ich reflexartig alle phonetischen Regeln, die ich in Zusammenhang mit der sächsischen Variante der deutschen Sprache gelernt habe und komme nach dem Austausch der stimmhaften gegen die stimmlosen Plosive zu der Erkenntnis, dass Vorstands-Manni mit diesem Phantasiewort eine Pergola meint. Nachdem dieser Schock einer lautlichen Variante des Wortes für einen Vorbau verdaut ist, traue ich mich doch noch eine Frage zu stellen: “Wie siehts denn mit einem Gewächshaus aus?” Manni rümpft die Nase und zuckt mit den Achseln “Da müssen Sie natürlich einen Antrag stellen.” Natürlich, warum einfach, wenns auch kompliziert geht.

Mein Traum von einem romantischen Wildwuchsgarten ist inzwischen auf die Größe eines sechsstelligen Schecks zusammengeschrumpft. Mir wirbeln die Paragraphen der Kleingartenverordnung durch den Kopf, vom Arbeitseinsatz zum Gemeinwohl ganz zu schweigen. Zusammen mit Manni klettern wir wieder nicht vorschriftsmäßig über den Zaun zurück auf den Hauptweg und blicken uns alle etwas ratlos an. Als Sassi vorschlägt, sich am Wochenende nochmal mit ihrem Papa die Laube anzusehen und Manni zu bedenken gibt, dass er da gar nicht da ist, um aufzuschließen und ich mich frage, wozu, sind wir bereits auf dem Rückweg aus der “Abendsonne”. “Aber nicht über den Zaun klettern!”, ruft uns Vorstands-Manni hinterher und düst auf seinem Klapprad zurück in die Zone, aus der er gekommen ist.

06/19

One thought on “Die Hoffnung, die du bringst…”

  1. Das klingt ja nach einer sehr schönen und lustigen Zeitreise! Aber keine Angst, meist wird das alles nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird…
    Danke für diesen amüsanten und informativen Einblick in die Leipziger Kleingarten Realität 😉
    Lieben Gruß
    Potte

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