Weggefährten

Die 90er sind gerade erst vorbei und mein Heimatkaff erscheint mir noch wie eine echte Stadt, deren viele Gassen und Winkel ich noch nicht entdeckt habe. Erst vor wenigen Tagen haben mich meine Freundinnen in ihr neues Domizil mitgenommen, weiter weg von dem kirschbäumenumsäumten Hügel des Wohngebietes meiner Eltern.

Wir streifen über die fleckigen Gehsteige auf der Brücke entlang und bewegen uns wenige Meter durch die zerfallenen Trümmer, die sich “Altstadt” schimpfen. Die andere Seite der Saale, die außer den alten Gebäuden auch zahlreiche alte Menschen beheimatet, bietet auch verborgene Winkel, in denen noch mehr erlaubt ist als ich mir herausnehme, wenn ich als Protagonistin in die Rollen rebellierender Jugendlicher beim Lesen von Romanen schlüpfe.

Ich bin aufgeregt, reibe den Schweiß meiner Handinnenflächen an den Hosenbeinen ab, betrete einen neuen Pfad in meinem Leben, die Pubertät schreiend und galoppierend im Nacken sitzend. Am Fuß der Weinberge erschließe ich seit Tagen neues Gebiet, eingehüllt in modriges Holz und durchzogen vom Asbest alter Zeiten. Es ist Frühling und ich stehe vor der alten kleinen Hütte, die man gar nicht erst über asphaltierte Straßen erreichen kann. Dahinter befindet sich die Welt, in die meine Freundinnen bereits eingetaucht sind. Ich bin die letzte im Bunde, die diese Tür wie ein Tor in eine neue und verbotene Welt aufschlägt – die Letzte, aber auch die Kompromissloseste.

In dem kleinen Raum stehen ranzige Sofas, komische Glasgebilde, aus denen abgestandener Rauch wegzieht und ein Pfandflaschenarsenal, über dem Fliegen ihre Bahnen ziehen. Ein Fernseher, eine Playstation und Jungs, die mich nicht mal besonders gut leiden können. Es ist “Männertag” – eine Erfindung der Vollrauschlegitimation, von der ich zielgruppenfremd und erstmalig an diesem Tag Gebrauch mache. Ich trinke gierig aus einer Colaflasche, deren Inhalt nur entfernt und in ihrer Farbe an die imperialistische Pisse erinnert, die alle mit großer Leidenschaft in sich hineinschütten.

Irgendwann setzt der Rausch ein wie ein Schlag ins Gesicht. Unsicherheit und Zweifel machen Gleichgültigkeit Platz. Die Gesichter und Worte der anderen verschwimmen zu Brei, meine Zunge liegt tot und regungslos wie ein Fremdkörper in meiner Mundhöhle. Schweigend taumle ich von Sofa zu Tür, zum Pinkeln hinter die Hütte und zurück in den Raum. Verfehle die Polster beim Hinsetzen, schütte weiter wahllos angebotene Getränke in mich hinein bis ich nicht mehr ohne Weiteres auf meinen Beinen stehen kann. Es ist früher Abend, die Sonne senkt sich über der Dorf-Idylle in die Dämmerung. Wer wann entscheidet wie ich nach Hause komme, entzieht sich meiner Wahrnehmung. Zwei Jungs stützen mich und bringen mich den endlos langen Weg zur Altstadt und der Brücke ins gutbürgerliche Wohngebiet zurück. Einer der beiden schiebt mein Fahrrad, das ich inzwischen für einen Hund halte. An der einzigen Ampel im Ort setzen sie mich auf meinen fahrbaren Untersatz und ich düse auf mir ewig unbekannte Weise durch den Frühlingsabend. Beim Haus meiner Eltern fahre ich das Rad beinahe gegen die Garagenwand und rolle dann in den Geräteschuppen, vergesse aber selbst dabei abzusteigen. Es gibt keinen Ärger. Nur einen weißen Eimer, der am nächsten Morgen neben meinem Bett steht als ich mit hämmerndem Schädel und belegter Zunge aufwache. Ein Rausch des Vergessens, der mir so gut gefällt, dass ich kurz darauf wieder trinke, aber so, dass ich noch selbst laufen und trotzdem die beruhigende Wärme im Körper spüren kann. Ein paar Tage später nur gesellt sich der süßliche Rauch zum klebrigen Fusel und ich beame mich das erste Mal in ein anderes Universum als mir einer der Jungs in der alten Hütte eines dieser Glasgebilde stopft und anzündet. Die Welt verlangsamt sich schlagartig und nimmt mir die Entscheidung ab, mich mit meiner heranwachsenden Identität auseinanderzusetzen. Probleme, die noch gar nicht da sind und auch solche, die später erst kommen, werden durch die Pfeife weggeraucht. Jener beschrittene Weg, der nur eine sich krümmende Schlange aus Staub und Rauch formt, wird zu dem Fundament, auf dem ich ab da einen Schritt vor den anderen setze. Bong und Bier werden für eine lange Zeit meine treuesten Weggefährten. Ich bin 14 Jahre alt.

Symphonie der Großstadt

09/18

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