Sopelana – Bilbao, 5. – 7. August 2018

Die letzte Übernachtung im Landhaus tankt nochmal alle Energiespeicher auf und am nächsten Morgen starten wir nach einem weiteren liebevollen Frühstück und einer herzlichen Umarmung der Herbergsmutti wieder los. Die derzeitige Hitzewelle scheint nicht nur Berlin erfasst zu haben, denn bereits beim Abstieg zum Bahnhof schwitzen wir wieder wie die Schweine – es ist noch vor zwölf am Vormittag und eine Fata Morgana jagt die nächste.

Von Lezama geht es mit dem Zug nach Bilbao rein, wo wir uns erst einmal in einer kleinen Tapas-Bar stärken, bevor es weitergeht. Den Plan haben wir uns eigentlich erst unterwegs überlegt und steuern nun einen Campingplatz nordöstlich von Bilbao an – noch ein letztes Mal soll es ans Meer gehen, um der blauen Weite vorerst “Adieu” zu sagen. Mit der Metro fahren wir wieder aus Bilbao raus und erreichen in sengender Mittagshitze den Campingplatz. Hier gibt es keine Parzellen, sondern eine große abschüssige Wiese, auf der sich die Zelte selbst organisieren müssen. Auf den ersten Blick die reinste Stolperfalle aus Heringen und Sturmleinen, auf den zweiten Blick eine Steppe, ohne Schatten, ohne Bäume.

Der Schweiß läuft und tropft uns aus allen Poren, dennoch stehen unsere Zelte schnell und auch die rettende Plane als Sonnendach ist bald aufgehängt. Trotz der chaotischen Festivalstimmung auf dem Zeltplatz – in der Mittagshitze liegen ein paar vereinzelte Leute unter ihren Planen, die uns mitleidig beim Zeltaufbau beobachten – wir werden schnell angesprochen, ausgefragt, nach dem Wohin und Woher und kennen noch vor Aufbruch zum Meer sämtliche Nachbarn. Ein paar tanzende Spanier zu unserer Rechten und ein paar Deutsche mit zum Augenrollen verleitenden Frauengeschichten zu unserer Linken.

Der Sprung in den Pool ist fast obligatorisch, dient aber wegen erhöhter Kinderanzahl und zunehmender Schreifrequenz nur zur Abkühlung. Vom Campingplatz aus kann man das Meer bereits sehen und auch hören. Der Hunger treibt uns in ein Burgerrestaurant am Strand – sind wir wirklich die ganze Zeit nur am Rumfressen?

Und da wir aus unseren Fehlern offensichtlich nur sehr langsam lernen, latschen wir in der Siesta bei gefühlten hundert Grad den überfüllten Strand entlang. Der Sand ist ohne Schuhe kaum betretbar, Schatten haben nur die Badegäste, die sich in weiser Voraussicht einen Schirm mitgebracht haben. In der Hoffnung ein ruhiges Fleckchen zu finden, laufen wir immer weiter die Promenade entlang, vorbei an Gleitschirmfliegern, die sich im Aufwind der Steilküste tummeln, vorbei an hunderten von blankliegenden Brüsten – und kein Schatten in Sicht.

Irgendwann beschließt mein Körper einfach zu streiken und wir lassen uns notgedrungen im Schatten eines Wohnwagens nieder. Es ist einfach zu heiß. Kurz bevor ich vor Hitze kotzen muss geht es dann aber wieder. Auf dem Rückweg nehme ich mehrere Strandduschen mit und klaue R. den Hut. Im Meer sieht man zwischen Stellen voller Badender auch einige Bereiche, die gänzlich leer von menschlichem Robbenfleisch sind. Endlich, denke ich, und laufe zu einer der Leerstellen im Meer. Wie alles, hat auch das seine Gründe. Bei den ersten Schritten ins Wasser erkenne ich, dass man vor lauter Algen den Grund nicht sehen kann. Also muss ich notgedrungen doch rüber zu der überfüllten Stelle. Das beste am kurzen Badespaß ist die erlösende gechlorte Süßwasserdusche danach.

Auch den späten Nachmittag und frühen Abend überbrücken wir nur mit mehreren Duschen und Poolbesuchen. Als es gegen acht Uhr abends endlich kühler wird, nehmen wir die Fährte in eine andere Richtung auf und entdecken weiter rechts vom Campingplatz eine verlassene Bucht. Hier gibt es weder Duschen noch Rettungsschwimmer und einen steilen Treppenweg nach unten. Doch das Panorama lohnt sich: Fast keine Menschen und wenn dann nur in Begleitung von freundlichen Hunden.

Wir haben es geschafft und sehen nun fast am Ende unserer Reise dem ersten richtigen Meeres-Sonnenuntergang zu. Umgeben von Steinen und Felswänden, die die Zeit geformt hat, geht dieser heiße Tag zu Ende.

Die Feuchtigkeit des Meeres klebt noch an unseren Zeltwänden als wir morgens rauskrabbeln und uns viel zu viel Kaffee bereiten. Wir winken einen unserer Zeltnachbarn rüber, um zusammen zu frühstücken. C.  kommt aus England und ist bis hierher zu Fuß gewandert, seit zwei Monaten ist er nun unterwegs. Wir teilen Croissants und verfallen bei einsetzender Hitze unter unserem Sonnensegel in Gespräche über das Reisen. Da die Luft schon vormittags stockt und wir uns ordentlich grillen lassen, wagt kaum einer auch nur einen Fuß in die pralle Sonne des Zeltplatzes zu setzen.

Irgendwann schwitzen wir nur noch regungslos vor uns hin und packen es schließlich Richtung Pool und Supermarkt. Dort angekommen ist erst einmal wieder Bewegungslosigkeit angesagt. R. kauft Spielkarten und wir ringen uns zu einer Runde Maumau durch – hat aber einfach keinen Zweck. Wir teilen eine kalte Gazpacho aus dem Tetrapack und essen Brot dazu. Die Siesta setzt ein und C. bricht zu dem kleinen versteckten Hundestrand auf. Wir dagegen wechseln zwischen Pool und sonnenschirmbedachten Sitzgelegenheiten hin und her, R. pennt schließlich ein und ich lese mein viertes Buch an. Es gibt unglaublich viele Hunde hier und immer wieder verirrt sich einer zu uns, um liebevoll gekrault zu werden. Diesmal machen wir es richtig und bewegen uns einfach so wenig wie möglich. Ein feuchtes Handtuch ist immer am Start, um die erhitzten Gliedmaßen runterzukühlen.

Kaum zu glauben, dass wir uns dem Ende unserer Reise nähern und noch eine etwa dreißigstündige Busfahrt zurück auf uns wartet. Vorerst ist jedoch an Aufbruch nicht zu denken. Spatzen suchen den Schatten neben uns und ein kleiner Hund erleichtert sich vor unserer Bank. Die Hitze macht träge, Denken ist glücklicherweise gar nicht nötig, um einfach nur in den Tag hineinzulümmeln.

Gegen Abend wird es erträglicher und ein frischer Wind setzt ein. Wir machen uns noch einmal auf den Weg zu der kleinen Bucht und werden dort schon von Weitem von einem regungslosen C. mit “Willkommen” begrüßt. Ein letztes mal treten wir den Weg in die Wellen an und balancieren zwischen scharfen Steinkanten in das kühle Nass. R. muss natürlich wieder den Adventure-Boy raushängen lassen und marschiert unter meinen kritischen Blicken bis ans äußerste Ende der Steinformation, wo sich einige Hunde und mutige Schwimmer tummeln. Als er zurückkommt, hat er sich den großen Zeh aufgeschnitten. Keine große Verletzung, aber dennoch eine Trophäe des Meeres, die er stolz nach Hause tragen wird.

“What are your plans for Dinner?”, fragt C. schließlich und wir machen uns auf den Rückweg, um zusammen am Campingplatz zu kochen. Über den Tag haben wir uns irgendwie zu einer kleinen Reisegruppe formiert und jede Menge Erfahrungen ausgetauscht. C. ist angehender Anwalt und stellt jede Menge kluge Fragen, auf die wir manches mal keine Antwort wissen. Das Hadern mit dem richtigen englischen Vokabular wird ebenfalls zur Herausforderung.

Mit zwei Gaskochern und jeder Menge Spaghetti gibt es letztendlich ein mehr als reichhaltiges Menü und der Engländer bringt ordentlich Hunger mit. Den “Starter” essen wir irgendwie nebenbei, Baguette mit Camembert und Honig. Die Hitze lässt endlich nach, wir sitzen spät abends unter den Sonnenschirmen des Supermarktes und reden und reden und reden… Langsam aber sicher entwickeln unsere Gespräche eine Tiefe, die wir auf unserer Reise letztes Jahr irgendwie vermisst haben. Dieser Trip entpuppt sich als viel sozialer und wir tauschen schon bald tiefgründige Gedanken aus. Dabei geht es nicht nur um Politik und Lebensphilosophie, sondern auch um Religion, Süchte, Weitblick und vor allem die ziellose Zielsuche auf diesem Fliegenschiss von Planeten im Universum.

Eines konnte ich auf dieser Reise definitiv lernen: Die meisten Umherziehenden bewegen sich mit einer sehr positiven Lebenseinstellung, mit Zuversicht und Freundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen. Es tut gut, solche Menschen zu treffen, keine Nachrichten zu lesen und sich einfach treiben zu lassen. Den Geist leerpusten lassen von der Meeresbrise und dennoch neue Gedanken zu entwickeln, die in Hitze und Staub unter der Oberflächer umherwabern. Irgendwas passiert ganz tief drinnen. Nicht greifbar, aber dennoch spürbar.

Nach unserer letzten vom Wind durchrüttelten Nacht in Sopelana brechen wir endgültig die Zelte ab. C. macht sich noch vor uns auf den Weg. Wie sollte es anders sein: Er wandert nach Santiago de Compostela. Nicht auf dem Jakobsweg, sondern vielmehr auf seinem ganz eigenen Weg. Ich bewundere vor allem die Zeit, die er sich für diese Reise zu sich selbst nimmt. Als er uns erzählt, dass er erst 23 Jahre alt ist, fallen R. und ich aus allen Wolken. Haben wir uns doch die ganze Zeit in seiner Gesellschaft als die Jüngeren und Unerfahreneren gefühlt. Da sieht man mal wieder, dass Zeit doch in den meisten Fällen gar keine Rolle spielt, denn “it depends” – und zwar in jeglicher Hinsicht.

Wir legen die letzten anderthalb Kilometer bei angenehmen 23 Grad mit unseren schweren Rucksäcken zu Fuß ins Zentrum von Sopelana zurück und lassen uns in einer kleinen Bar mit äußerst angenehmer Musik und einem virtuosen Barkeeper nieder. Unsere vorerst letzte Station bis es dann von Bilbao aus über Paris und Frankfurt wieder zurück nach Berlin geht. Leben am Limit.    

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