Lezama, 4. August 2018

Am Abend machen wir noch eine kleine Erkundungstour durch den winzigen Ort Lezama. Es gibt drei kleine Bars, von denen wir zweien einen Besuch abstatten. Ein richtiges Abendbrot fällt aus, ist sowieso zu heiß.

Also begnügen wir uns mit Flüssignahrung und Snacks. Es wird immer angenehmer draußen und der Asphalt strahlt die Wärme des Tages ab, ideal zum barfuß laufen.

Schon längst haben wir entschieden hier noch einen Tag zu verbringen. Mal ganz in Ruhe, zwar ohne Meer, dafür aber mit Bergen und Tälern und recht dünner Zivilisation. Als wir irgendwann nach elf Uhr wieder in unserer Unterkunft eintrudeln, ist die Herbergsmutter noch geschäftig unterwegs. An diese Verschiebung von Aktivität am späten Abend und Passivität am Nachmittag muss ich mich erst gewöhnen, während R. dagegen problemlos in der Siesta pennen kann, schwitze ich meistens einfach vor mich hin und bin abends völlig groggy.

Wir verlängern also mitten in der Nacht unser Zimmer und bestellen gleich noch Frühstück für den nächsten Tag. Schließlich falle ich in einen tiefen Schlaf und freue mich wahnsinnig über das rutschfeste Bett unter meinem Rücken.

Das Frühstück am nächsten Morgen ist sehr liebevoll hergerichtet und wir sitzen allein im kleinen Speisesaal der Herberge. Es gibt von der Hausmutter selbstgemachtes süßes Gebäck und Obst, außerdem eine riesige Tomate – wahrscheinlich aus dem eigenen Garten. Keine Ahnung, wann mir einfach Tomate auf geröstetem Brot mit Olivenöl und Salz so verdammt gut geschmeckt hat.

Wir haben noch keine großartigen Pläne für den Tag, brauchen aber scheinbar etwas Bewegung, da das Geschleppe mit unseren Rucksäcken ja für heute ausfällt. Also steht Wandern auf dem Plan, mit leichtem Gepäck. Irgendwie kommen wir auch immer auf die bescheuertsten Ideen – also laufen wir kurz vor zwölf – zu Beginn der größtmöglichen Mittagshitze – los in die Berge. Auf der Karte habe ich gesehen, dass es irgendwo hinter dem Gebirge einen Wasserfall gibt. Also packe ich optimistisch meine Badesachen ein und plansche in Gedanken schon nixenhaft im Waldwasserfall. Etwas zu optimistisch vielleicht.

Wir laufen am Reiterhof neben unserer Unterkunft vorbei und passieren ein paar weitere Höfe, die allesamt mit sehr aufmerksamen und zum Teil zähnefletschenden Hunden ausgestattet sind. Die Zäune sind glücklicherweise hoch genug und wir müssen nicht rennen. Etwas dem Straßenverlauf folgend unterwandern wir eine Schnellstraße und entscheiden uns dann natürlich nicht für den Wanderweg, sondern gehen einfach querfeldein in den Bergwald. Nur eine kleine Spur verrät, dass hier ab und an mal irgendjemand oder irgendetwas durchmarschiert. Vielleicht Wölfe, oder Bären, denke ich noch.

Aber wir sind hart im Nehmen und haben schon ganz andere Situationen gemeistert, also Zähne zusammenbeißen und durch. Es geht ja hier nicht um Entspannung. Schon nach wenigen Metern im Gestrüpp steil bergauf beginne ich mich immer wieder panisch nach Zecken abzusuchen. Der Schweiß läuft mir inzwischen nicht nur das Gesicht runter, sondern einfach überall. Beim Versuch ihn mir von der Stirn zu wischen, reibe ich mir Sonnencreme in die Augen. Mückenstiche kommen dazu. Mein Fuß tut plötzlich wieder weh und die Dornen zerschneiden mir die nackten Beine. Dazu ist der Lehm am Boden recht feucht und rutschig. Auch R. stöhnt und sammelt sich immer wieder die Dornen aus den Socken. Schließlich endet der Pfad einfach mitten nach einer steilen Bergauf-Etappe. Meine Karte sagt mir, dass wir aber weiter geradeaus müssen, um zum Wasserfall zu kommen. Wir biegen in einen Seitenpfad ein, der ebenfalls nach einigen Metern einfach im Nichts aufhört. Nach vielleicht einer halben Stunde Strapazen treten wir zerschunden und schweißdurchtränkt den Rückweg nach unten an – ohne Wasserfall.

An der asphaltierten Straße zurück, kippen wir uns Wasser aus Plasteflaschen über die Köpfe und zeigen uns gegenseitig unsere Wunden, Mückenstiche und Hitzepickel. Was für unglaublich harte Schweine wir doch sind! Und das noch dazu völlig ergebnislos! Damit der Spaß nicht gleich vorbei ist, entscheiden wir uns für einen weiteren Weg, der ebenfalls nicht auf der Karte eingezeichnet ist. Allerdings ist er etwas befestigter und es sieht aus, als versucht jemand von Zeit zu Zeit mit Bauschutt Struktur in den unebenen Boden zu bringen. Der Sonne ausgeliefert und ohne wirkliche Aussicht auf Schatten – vom Wasserfall ganz zu schweigen – schleppen wir uns weiter durch die sengende Mittagshitze und sind bei bester Laune. Um die Strapazen etwas erträglicher zu machen, spinnen wir uns eine schöne Geschichte zusammen, in der wir als einsame Waldwanderer von einem Stamm intelligenter Ameisenbären rituell in deren engsten Kreis aufgenommen werden. Keine Macht den Drogen! Wir berauschen uns einfach an unserer Dehydrierung, klappt wunderbar.

Kichernd laufen wir weiter auf dem nicht vorhandenen Weg, einerseits muss ich weinen vor Lachen, andererseits brennt mir die Sonnencreme in den Augen, so dass sich Tränen mit Schweiß vermischen. Auf dem Weg kommt langsam etwas Leben in die Bude. Hier ein paar Wasserkanister, da ein paar Apfelbäume und schließlich sogar kleine Gewächshäuser und Gemüsefelder. Auf die Idee, dass wir uns auf Privatgelände befinden könnten, kommen wir nicht.

Weiter oben endet der Weg natürlich wieder im Nirgendwo. Hier steht auch ein Auto mit offenen Türen und mehrere halb verwahrloste kleine Hütten oder hüttenähnliche Verschläge. Es raschelt weiter hinter. Aus der Entfernung kann ich mit meinen sonnencremegtrübten Augen zwei nackte Männeroberkörper erkennen. Platzen wir hier gerade in eine Romanze hinein? Eigentlich will ich lieber sofort umdrehen, aber R. meint noch fröhlich “Ach komm, lass mit denen quatschen.” Quatschen. Geile Idee. Das Areal sieht so aus, als wolle hier jemand absolut seine Ruhe haben, und ich sollte Recht behalten. Einer der beiden Männer ruft uns etwas entgegen – und es klingt nicht nach “Ola, buenos dias!”.

Der Mann sieht eben so aus, wie man aussieht, wenn man im Wald fernab der Zivilisation wohnt. Er kommt mit schnellen Schritten auf uns zu und R. bewegt sich ebenfalls todesmutig in seine Richtung, auch noch mit der idiotischen Frage, ob er Englisch spreche. “Francaise?” murmele ich absurderweise im Hintergrund. Dann stürzt eine spanische Standpauke auf uns ein. Alles, was ich verstehe ist soviel wie “Was macht ihr hier?” und “Meins, meins, meins”. Die Ansage war trotz Sprachbarriere eindeutig. Im Hintergrund nähert sich der zweite Mann unauffällig.

Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. R. macht statt einen Schritt zurück einen nach vorn und fällt dem dicken Einsiedler fast in die Arme. Sein Kollege Inkognito muss das als Angriff gewertet haben und kommt mit einer Flinte aus dem Wald zu uns geeilt, das Schießeisen auf R. gerichtet. Ich wanke zurück und ziehe R. am Ärmel, dabei stolpere ich und ramme mir beim Abstützen am Boden einen Eisenpflock durch die Handfläche. Ich schreie zutreffenderweise wie am Spieß und versuche mich gleichzeitig wieder zu befreien. R. wird indes mit dem Gewehr abgeführt und geht einer sicheren Gefangenschaft als Sklave, Sextoy oder einer kannibalistischen Vorspeise entgegen. Aus dem Gebüsch rechts neben mir taucht plötzlich ein Wolf mit gefletschten Zähnen auf, gegenüber springt ein Bär hinter einem Baum hervor und wirft mit einem Bienennest nach mir… WTF

“Und beide waren nie wieder gesehen…”, beendet mein Hitzedelirium die Geschichte. Puh, nochmal Glück gehabt. Wir taumeln schwitzend wieder nach unten und sehen zu, dass wir Land gewinnen. Was für ein Ausflug.

Auf dieses Erlebnis kühlen wir uns erst einmal mit einer Cola in einer Bar ab. Es ist fast ganz still im Ort, die Siesta hat begonnen. Etwa zehn Minuten zu Fuß bergauf in die andere Richtung sollen sich drei Restaurants befinden. Noch immer haben wir kein “Menu del Dia” gegessen und es wird Zeit, nochmal richtig auf die Kacke zu hauen. Also quälen wir uns den Berg hoch, es gibt kaum Schatten unterwegs – just saying. Oben angekommen, hat nur eines der drei Restaurants geöffnet. Wir bestaunen den noch halb lebenden Hummer an der Bar und setzen uns dann an einen eingedeckten Tisch. Ich unterbreche die Bedienung beim Runterleihern der Fischangebote, weil wir eh kein Spanisch verstehen und auch keine Lust auf Fisch haben.

Dann gibt es den obligatorischen Vino Blanco und die Speisekarte. Bei den Preisen müssen wir kurz schlucken – das Restaurant ist hier allerdings konkurrenzlos und kann sich allerhand erlauben. Ich entscheide mich für einen Ensalada Mixta und irgendeine hausgemachte Vorspeise. R. bestellt in dem Fischrestaurant klugerweise ein Steak und ebenfalls eine Vorspeise. Mein Salat ist für stolze 12 Euro einigermaßen akzeptabel, aber keineswegs ein Highlight. Der Thunfischklumpen in meinem Mund wird zeitweise so trocken, dass ich mit Cola nachspülen muss. Ohnehin eine eigenwillige Getränkezusammenstellung: Wein und Cola. R. schaut etwas frustriert auf seinen Vorspeisenteller: Es sind einfach nur Bohnen, die dazu nach Kapern schmecken. Das Brot wird erst später dazu gereicht und sogar extra berechnet. Als R. sein ziemlich blutiges und innen noch rohes Steak mit ein paar Pommes bekommt, serviert man mir nun meine Vorspeise. Ebenfalls verdutzt schaue ich auf meine “Pfanne”. Darin schwimmen ein paar einzelne Wurstscheibchen in einem Ölfilm, die mich stark an unsere “feste Wurst” von Penny erinnern, die uns fast zehn Tage lang begleitet hat.

Das Zeug schmeckt ziemlich scharf und ebenfalls nicht gerade überragend. Irgendwie haben wir uns mit der Highlight-Restaurant-Auswahl ganz schön angeschissen oder verstehen einfach nichts von spanischer Küche. R. lässt die blutigen Teile seines Steaks auf dem Teller liegen und verschwindet auf die Toilette. Auf das fragende spanische Genuschel der Bedienung antworte ich nur: “La Cuenta.” Und la cuenta beträgt stolze 53 Euro. Merke: Kein Restaurant mit Tischdecken mehr in den kommenden Tagen. Wir schleichen nicht satt und irgendwie mit flauem Gefühl im Magen durch die Hitze in Richtung Herberge.

Zurück in unserer Unterkunft gibt es erst einmal Eisdusche und danach ist Siesta angesagt. Nach dem aufregenden Waldspaziergang und dem kulinarischen Hilfeschrei ist nun auch endlich mal für mich ein Mittagsschlaf drin. Und danach kommt der Teil, auf den ich mich schon die ganze Zeit freue: Spanische Kochsendung mit Untertiteln. Es gibt Spargelcremesuppe im TV und wir haben Kekse zum Nachtisch. Leben am Limit.

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