Sukarrieta – Lezama, 1. – 3. August 2018

Zwei Stunden später kommt R. mit geschwollener Brust – halb vor Stolz, halb vom Wellenaufschlag und Boardwachs – zurück aus dem Wasser. Seine erste Surfstunde ist vorbei. Wir verbringen den restlichen Nachmittag bis in den frühen Abend hinein in einer kleinen Bar in Mundaka und futtern uns durch die Tapas. Endlich schaffen wir es, uns mit dem spanischen Essen etwas vertrauter zu machen.

Die kleinen Portionen machen durchaus Sinn bei der Hitze und aus dem Nieselregen am Nachmittag entwickelt sich ein konstantes Schütten. Wir bleiben einfach und beobachten das Treiben.

Zurück am Campingplatz verzichten wir auf eine weitere Koch-Aktion und checken nur kurz, ob unsere Zelte dicht sind. Sie sind es. Unter dem Dach des Picknickplatzes sammeln sich langsam Menschen. Alle versuchen dem Regen zu entgehen und lassen den Abend entspannt bei kühlen Getränken ausklingen. Zwei Damen in den 50ern laden uns zu sich an den Tisch ein und bald sind wir in tiefgründige und interessante Gespräche verwickelt. Die zwei kommen aus England und wir zeigen uns gegenseitig Fotos von der wundervollen Landschaft im Baskenland. Wir berichten vom Trampen und wie wir unsere Reise dem Zufall überlassen. Vor allem die Gastfreundschaft der Menschen erstaunt uns. Wird man doch als Reisender hier häufig sehr freundlich empfangen – was auch auf die meisten anderen Länder der Welt zutrifft – so ist es doch beschämend, wie in unseren eigenen Herkunftsländern mit Gästen umgegangen wird, ganz gleich, für wie lange sie bleiben wollen oder müssen.

Um Vorurteile abzubauen, hilft doch meist nur eine Strategie: “Einfach machen.” – Ich denke an einen guten Freund zu Hause, der mir in Großbuchstaben am Tresen einen kleinen Zettel mit der Aufschrift “MACHEN” zuschob. Und wie Recht er damit hat. Jetzt hängt der Zettel zu Hause an meiner Pinnwand und ich bin mal wieder diesem guten Rat gefolgt, nicht ohne dafür mehrfach belohnt worden zu sein.

Nachts im Zelt wälze ich mich mehrfach hin und her. Der Regen prasselt inzwischen seit Stunden auf unsere kleinen Zelte und scheint sich in den Bergketten festgesetzt zu haben. Ich bin hin und hergerissen zwischen sorgenvollen Gedanken, wie lange der Zeltstoff dem Regen wohl noch Paroli bietet und habe gleichzeitig den Wunsch, es möge nie aufhören, weil das Geräusch des Regens auf dem zarten Stoff so unglaublich beruhigend wirkt. Irgendwann in der Morgendämmerung schlafe ich endlich noch einmal fest ein und träume wirres Zeug.

Als ich endlich aufstehe ist es schon halb elf und R. wuselt wie gewohnt bereits herum. Es hat aufgehört zu regnen und die nassen Handtücher können endlich wieder zum Trocknen raus. Trotz über 12 Stunden Regen ist alles trocken geblieben in unseren Minibehausungen. Da es uns hier gut gefällt und wir mit den nassen Zelten ohnehin nicht weiter können, bleiben wir einfach noch einen weiteren Tag und eine weitere Nacht. Nach dem Frühstück geht es zum Strand, wo sich R. gleich wieder ein Surfbrett ausleiht und in die Wellen eilt. Ich suche mir ein Plätzchen, an dem ich ihn gut beobachten kann und hänge meinen Gedanken nach.

R. sehe ich nur als kleinen Punkt zwischen den anderen Surfern und erkennen kann ich ihn auch nur an seinem nicht vorhandenen Neoprenanzug. Ab und an steht er auch auf dem Brett, wenn die Welle bereits gebrochen ist. Auch die Trockenübungen, die er macht, sind irgendwie witzig anzusehen. Die Wellen scheinen auch von meinem Beobachtungspunkt recht hoch zu sein, ich ziehe den schattigen Platz vor und registriere, dass in meinem Kopf mal zur Abwechslung nicht allzu viel vor sich geht. Herrlich, diese wertfreie Leere.

Nach der Sporteinlage fällt der Mittagsschlaf für R. zwar wieder aus, aber wir lassen uns erneut in der kleinen Bar nieder und probieren ein paar neue Tapas aus. Die Sandwiches sind gut gemacht und dazu unglaublich günstig.

Bis auf eine kleine Wanderung zu einem weiteren Aussichtspunkt von Mundaka, haben wir für den Tag nichts weiter vorzuweisen und trollen uns bald zurück zu den Zelten. Wir sind uns einig noch einen weiteren Tag dranzuhängen – R. wittert eine der letzten Möglichkeiten zum Surfen, bevor die Wellen dann wieder abflauen sollen und ich habe nichts gegen weiteres Nichtstun im Urlaubsmodus. Dazu kommt, dass Mundaka wirklich nicht so überlaufen ist und ich mich so ganz wohl fern vom Berliner Trubel fühle.

An unserem letzten Tag in Mundaka beginnt das Prozedere von vorn. Wir machen uns nach dem Frühstück zum Strand auf und R. verschwindet im Surfshop, um kurz darauf die Wellen zu bezwingen (oder von ihnen bezwungen zu werden). Weil eigentlich alle Surfer außer ihm Neoprenanzüge tragen, biete ich noch meine Kindersonnencreme an, die R. wie ein “echter” Mann ausschlägt.

Ich lese in der Siesta unter einem Baum mein drittes Buch auf dieser Reise und schaue aufs Meer. Dazu gibt es Früchte und kaltes Wasser mit einem Chloranteil, an den wir uns bereits gewöhnt haben. Nach gut zwei Stunden lässt sich R. endlich wieder blicken und kommt aus dem Wasser gekrochen. Man sieht ihm die Verausgabung förmlich an, da haben wohl auch die Klimmzüge nach dem Abendbrot nicht viel geholfen und fördern vielleicht nur einen noch strammeren Muskelkater zutage.

Als ich R.s roten Rücken, die Waden und Schultern sehe, denke ich mir noch, dass er wohl besser hätte meine Sonnencreme annehmen sollen. Aber er wird die Schmerzen ertragen wie ein Mann 😉 da bin ich mir sicher. Also gehe ich nun endlich ins Meer, um ein wenig zu plantschen. So richtig weit raus schwimmen ist irgendwie immer noch nicht drin. Und gerade als ich doch ein paar Züge “richtig” schwimme, um den Menschen im hüfthohen Wasser den Rücken zuzuwenden, pfeifft mich der Bademeister zurück, weil ich geradewegs in die Schiffsstrecke hineinschwimme und zu allem Überfluss ein Boot herangebraust kommt. Ich habe genug und gehe wieder raus. Zumindest abgekühlt bin ich erst einmal. Zeit für ein paar Tapas in unserer Stammbar.

Abends versuchen wir uns noch einmal mit Spagetti und Tomatensoße. Leider versauen wir das Menü mit dem Käse, den ich im Supermarkt gekauft habe. Wer kommt eigentlich auf die perverse Idee, Käse mit Fischgeschmack zu versehen?

Da es nicht regnet, bleiben wir den restlichen Abend die einzigen Besucher des Picknickplatzes und genießen die Stille, wäre da nicht im Bungalow gegenüber dieses unglaublich nervige schreiende Kind, was mir fast die Laune verdirbt. Ansonsten begutachten wir R.s knallroten Rücken und während er noch alles als Lapalie abtut, denke ich mir nur “Warten wir mal morgen ab, wenn da wieder der schwere Rucksack drüber schuppert…”

Nachts wache ich auf und will mich gerade auf den Weg zur Toilette machen, als ich beim Öffnen des Zeltreißverschlusses kurz stocke. Menschliche Robben haben sich vor meinem Zelt niedergelassen, fünf an der Zahl, schnarchend und in Schlafsäcken unter freiem Himmel. Ich schleiche vorbei und wundere mich noch, dass ich von deren Eintreffen nicht mal ansatzweise aufgewacht bin. Gute alte Seeluft. 

Am Morgen schaffen wir es kurz vor dem Zusammenpacken doch noch in den Pool auf dem Campingplatz. Und natürlich auch in die Rutsche. Ganze dreimal ziehen wir durch, wobei ich bereits beim zweiten mal feststelle, dass das trotz irrsinnigem Spaß wohl nicht mehr ganz meinem Alter entspricht. In der ersten Kurve stoße ich mir den Kopf (wer rutscht auch schon aufrecht sitzend) und beim dritten mal knalle ich mit Ellenbogen und Fuß mit Schmackes gegen die Innenwände der Rutsche im Kurvenverlauf. Das reicht fürs erste, wir satteln die Pferde.

R.s schmerzverzerrtes Gesicht beim Rucksackaufsetzen ist nicht zu übersehen, aber er schreit immerhin nicht. Da muss Surferboy jetzt wohl durch, denke ich noch. Wahrscheinlich sind wir echt auch die einzigen Trottel, die sich an einem so heißen Tag um die Mittagszeit auf den Weg zur Bushaltestelle machen. Kaum losgegangen, sind wir schon wieder verschwitzt bis auf die Unterhosen.

Zumindest erwischen wir gleich den richtigen Bus und tuckern eine Stunde durch das baskische Hinterland. In einem Anfall von Aufbruchstimmung haben wir uns am Vorabend noch eine günstige Unterkunft im Inneren des Landes gebucht. 400 Meter vom Jakobsweg entfernt – das lässt steile Anstiege befürchten, aber mit der Aussicht, mal wieder in einem Bett zu schlafen.

In Bilbao müssen wir umsteigen und R. augenscheinlich so dringend pinkeln, dass er mich überstürzt mit dem ganzen Gepäck in der prallen Sonne vor einer Bar stehenlässt. Ich bekomme kurz einen klimabedingten Aufreger und dann ziehen wir weiter durch die Innenstadt zum Bahnhof. Es ist viel zu laut, viele Menschen und bei 36 Grad kann man die Luft fast schneiden. Stadt am Meer hin oder her, ich freue mich auf das Landhaus in dem Kaff, welches wir nun im Zug ansteuern.

Nach etwa einer halben Stunde sind wir da und müssen nur eine kleine Steigung in Kauf nehmen. Dafür ist es abartig heiß. In der Unterkunft beziehen wir flott unser Zimmer, in dem R. schon nach kurzer Zeit in einen tiefen Schlaf fällt. Dass ich das nasse Handtuch auf seinem Rücken mehrmals wechsle, merkt er gar nicht. Es saugt sich schnell mit seiner heißen Körpertemperatur voll und als R. mich leidend ansieht und nur noch ein “Du hattest Recht.” murmelt, grinse ich ihn an und denke mir, dass das auch wieder vorbei geht. Manche lernen es eben nur auf die harte Tour. Leben am Limit. 

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