Mundaka, 30. – 31. Juli 2018

Nach unserer dritten und letzten Nacht auf dem Campingplatz in Mendexa beschließen wir weiter an der Küste entlang zu ziehen. Alle Akkus sind aufgeladen, die Wäsche gewaschen und R.s erste Begegnung mit einem Surfbrett kann auch erst einmal abgehakt werden. Beim morgendlichen Frühstück kommt sogar einer der beiden gestern angereisten Engländer (mit dem Bike bis Spanien…) zu uns rüber.

Er erklärt uns, dass deren Reise vorerst beendet ist und sie jetzt nur noch in Bilbao feiern gehen. Weil wir anscheinend inzwischen wie echte Landstreicher aussehen, vermacht er uns seine gesamte Campingküche. Wir bekommen Zucker, Senf, Reis, Öl, Instant Kaffee und jede Menge Gewürze. Arm aussehen lohnt sich also und mit R.s Schenkergesicht sind wir sowieso auf der Sonnenseite unterwegs.

Mein Fuß ist immer noch geschwollen, und wird nicht besser, aber auch nicht schlechter. Ein Zustand mit dem ich mich arrangieren kann. Googlen brauche ich nicht, mir reicht es, dass sich der Fuß beim Beugen anfühlt als wären die Sehnen nur poröse Gummibänder, die ein komisch quietschendes Geräusch von sich geben. Ich kann zumindest laufen und in den Boots muss ich auch nicht ständig den Huckel anstarren, der sich gebildet hat. Auf jeden Fall heißt das: Jakobsweg adé. Wir nehmen den Bus.

Beim Runtertrampen vom Berg steigen wir ins nächstbeste Auto an einer Abzweigung ein. Der ältere Herr versteht uns nicht und wir ihn nicht, also schweigen wir und fuchteln wild mit den Händen an der Stelle, an der wir rausgelassen werden wollen.

Wir finden uns zurück zur Bushaltestelle, an der wir vor drei Tagen angekommen sind. R. sperrt sich fast im öffentlichen Toilettenhäuschen ein und dann sitzen wir doch pünktlich zur Siesta in einem klimatisierten Bus und brausen die Serpentinen hoch und runter Richtung Mundaka. Der Busfahrer fährt wie eine besengte Sau und in einer Kurve preschen wir bei Gegenverkehr fast in die Leitplanke. R.s Blick ist voller Panik und wie auch immer er es angestellt hat – als ich mich umdrehe, hat er dieses Hämmerchen in der Hand, mit dem man im Notfall die Scheibe einschlagen kann und es piepst vorn beim Busfahrer. Wir steigen ohne weitere Zwischenfälle in Gernika um und staunen über die saftige Vegetation.

Am Campingplatz in Mundaka angekommen, treffen wir auf andere surfende Tramper und R. wittert erneut die Chance auf sein Surf-Abenteuer. Wir ergattern eine der letzten Parzellen und schlagen unser kleines Lager wieder auf. Die Handgriffe sitzen inzwischen und fertig ist die kleine Bleibe. Auch dieser Campingplatz verfügt über einen Pool – sogar mit Wasserrutsche. Es ist erstaunlich, wie gut alles flutscht auf dieser Reise und ich muss feststellen, dass es immer besser läuft, je weniger Pläne und Gedanken ich mir um den weiteren Verlauf mache. Selbst wenn wir in den falschen Bus gestiegen wären, wäre es irgendwie weiter gegangen, dann eben woanders, was macht das schon für einen Unterschied, wenn man doch kein konkretes Ziel hat.

Über einen Pfad – natürlich bergauf – machen wir uns auf den Weg in Mundakas Stadtzentrum. Das Städtchen ist noch kleiner als Lekeitio und mir gefällt es auf Anhieb gut. Direkt am Ortseingang befindet sich ein kleiner Strand, der aufgrund der Flut nur einen schmalen Sandstreifen bietet, auf dem sich massenhaft Menschen tummeln. Irgendwie sieht es aus als würde dieser nackte Fleischhaufen eine Robbengruppe imitieren, mit dem Unterschied, dass Robben natürlich viel niedlicher sind. Wir kühlen uns im hüfthohen Wasser nur kurz ab und erkunden dann den Stadtkern.

Es gibt überall schöne grüne Flecken, auf denen man wunderbar sitzen und den Wellen zuschauen kann. Die Promenade besteht nur aus zwei oder drei kleinen Cafes und dort wird schon um die Mittagszeit ordentlich gebechert. Vielleicht nutzen viele die Siesta auch, um diesen kleinen Mittagsrausch auszuschlafen, bevor es abends wieder auf die Piste geht. R. muss heute allerdings erneut auf sein Nickerchen verzichten.

Zufällig geraten wir auch in die kleine Surfschule von Mundaka. R. überlegt nicht lange und trägt sich für den Kurs am nächsten Tag ein. Nun gibt es wohl kein Zurück mehr und die fachmännische Anleitung verspricht vielleicht doch noch einen stolzen Wellen reitenden R. Ich bin gespannt.

Wir schlendern durch die kleinen Gässchen, philosophieren über das Reisen und die guten Gefühle, die wir daran ernten. Eine Therapie der besonderen Art und Weise und in jedem Fall wirksam bei überflüssigem Kopfkino. Bei einem Straßenhändler kaufe ich ein riesiges Strandtuch, um der nächtlichen Rutschpartie in meinem Zelt entgegenzuwirken. Das Ding ist klasse und wir wickeln uns später auf einem Felsvorsprung darin ein und beobachten die sich anbahnende Flut. Schon erstaunlich, wie die Gezeiten das Leben hier beeinflussen und wie die Menschen entspannt danach leben. Es gibt Dinge, die kann man nicht beeinflussen, und vor allem die Natur gehört wohl dazu. Eine gute Möglichkeit, um dem Leben mit der größtmöglichen Akzeptanz zu begegnen.

Als wir am Campingplatz zurück sind, hängt an R.s Zelt ein kleiner Zettel, auf dem steht, dass man sich doch an der Rezeption einfinden solle. Obwohl wir die Parzelle ordnungsgemäß becampen, scheint wohl irgendwas nicht richtig zu sein. Bei unserer Detailtreue eigentlich unmöglich. Für morgen ist außerdem Regen angesagt und wir fürchten, die Zelte umstellen zu müssen – dabei stehen sie gerade so gut und vor allem ebenerdig. R. quatscht alle umliegenden Nachbarn an – sogar beim Zähneputzen macht er keine Ausnahme und identifiziert unseren neuen Zeltnachbarn, der uns die Soße anscheinend eingebrockt hat. Wir beschließen es jedoch für heute gut sein zu lassen und hängen noch ein bisschen vor dem Zelt rum, bevor es dann in die – endlich rutschfreie – Koje geht.

Ungewaschen und noch vor dem Frühstück stiefeln wir den nächsten Morgen zur Rezeption, ahnen Schlimmes, versuchen aber die Situation wieder zuversichtlich zu behandeln. Und siehe da – wir verlängern unseren Aufenthalt und der Notiz am Zelt kann auch an der Rezeption kein Fehler nachgewiesen werden. Da hat sich wohl jemand vertan und mit unserer Parzelle ist alles tippitoppi.

Dann wird es ernst und wir machen uns nach einer Nähsession an R.s Rucksack wieder auf den Weg nach Mundaka rein. Die Surfschule beginnt am Mittag es wird ernst. R. wird zunehmend nervöser, hat glücklicherweise wieder genug Tabak, um sich die Hibbeligkeit wegzurauchen und überlässt mir mit einer bedeutungsvollen Geste den Hut.

Ich begleite ihn noch bis zur Surfschule, wo die anderen Kinder schon warten. Dann mache ich mich auf den Weg zu einem kleinen Streifzug und suche mir ein Cafe, in dem nicht allzu viel los ist. Die Spanier haben einen unglaublichen Lautstärkepegel, sobald sie in Gruppen auftreten. Ich finde eine kleine Kneipe, in der nur drei Omis ihren Mittagswein schlürfen. Genau mein Kaliber. Mit meinem inzwischen etwas aufgebessertem Pseudospanisch bestelle ich einen “Cafe con leche” und verkrümel mich in eine Ecke. Dann merke ich, dass ich in einer Rudersport-Kneipe gelandet bin. Nach etwa zehn Minuten ist das im TV übertragene Rennen vorbei und eine Horde älterer Herren strömt in das kleine Lokal. Keine Ahnung wieviel Dezibel sie verursachen, aber ich suche schnell das Weite, um noch etwas Wellenrauschen zu konsumieren. Ob R. schon die Wellen bezwungen hat? Ich werde es bald erfahren. Leben am Limit.    

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