Deba – Ondorra – Lekeitio, 26. – 27. Juli 2018

Als wir am nächsten Morgen das “Basic Breakfast” in unserem Luxuszimmer eingenommen haben, treibt es uns weiter. Noch so eine Nacht wollen wir uns vorerst nicht leisten. Nach dem ereignisreichen und wanderintensiven Pilgertag war dies jedoch absolut notwendig und richtig. Irgendwie sind wir schließlich auch im Urlaub. Wir checken unsere Karten nach der nächsten guten Gelegenheit ab und entscheiden uns für Lekeitio, ein weiterer kleiner Küstenort mit einer vorgelagerten Vogel-Insel. Dort müssen wir allerdings erst einmal hinkommen.

Beim Bezahlen vertut sich unser holländischer Gastwirt und bucht zu viel ab, macht eine Rückbuchung und endet schließlich mit den Worten: “Go to the blue Van, I will bring you to the train station.” In Anbetracht des erneut steilen Anstiegs gestern zum Hotel lassen wir uns das nicht zweimal sagen und sitzen kurz darauf im Auto Richtung Bahnhof durch Zumaia. Unser Host beschreibt uns die Zugstrecke, wo es Tickets gibt und wo wir einsteigen müssen. Fünf Minuten bleiben uns bis Abfahrt und wir schaffen es geradeso in den Zug. R. muss übrigens immer von mir “an- und abgeschnallt” werden, da ein Clip seines Brustgurtes am Rucksack aufgegeben hat. Alternativ spannt er sich also immer ein weiches Tuch vor die Brust, das dann mit einem Spanngurt hinter dem Rücken von mir fachmännisch verschlossen wird – und zwar genauso lange, bis ich es wieder öffne (er kommt ja nicht alleine ran). Ich überlege, ob ich das irgendwann als Druckmittel nutzen kann, zumindest so lange bis R. mal den neuen Verschluss angenäht hat. Und das Nähen muss ich ihm wohl auch erst noch beibringen.

Der Zug fährt uns nach Deba, ein weniger touristischer Ort mit einer etwas abgeranzten Altstadt. Hier wäre ich eigentlich auch gern geblieben, aber R. fürchtet, dass es keine Wellen gibt, denn das Projekt “Surfen” steht immer noch ganz oben auf seiner To-Do-Liste of Life. Wir stranden in der Touristeninformation, in der auch viele verschwitzte Pilger eintrudeln und ihren Pilgerausweis abstempeln lassen. Obwohl wir so aussehen, gehören wir nicht dazu. Und ich will auch irgendwie nicht dazu gehören zu den ganzen Funktionskleidung tragenden Mitfünfzigern, ist doch unser Trip letztendlich von ganz anderer Natur. Für das Pilgern will ich mir irgendwann nochmal richtig Zeit nehmen, sechs Wochen mindestens. Jetzt geht es erstmal um Entspannung. Außerdem ist mein rechter Fußrücken irgendwie angeschwollen und ich kann den Fuß nicht so richtig abknicken – aber diesmal bin ich mir zumindest sicher, dass es sich dabei nicht um Krebs handelt.

Nach einigem Hin und Her stellt sich unser weiterer Verlauf bis nach Lekeitio etwas schwierig dar. Der Direktbus in Deba kommt erst in dreieinhalb Stunden und wir können jetzt nur eine Strecke nehmen auf der wir dreimal umsteigen müssen. Wir nehmen das Risiko in Kauf und scheitern schon an der ersten Umsteigestation – der Anschlussbus ist weg und wir müssen nun trotzdem auf den Direktbus warten. Eines muss man den Spaniern lassen: Sie sind äußerst hilfsbereit und sehen einem sofort an, wenn man nicht weiter weiß oder verwirrt ist. Dann sammeln sich um den ersten Spanier, der meistens kein Englisch kann, weitere Spanier, die ein bisschen Englisch können und wenn man dann in einer Traube plappernder Spanier steht, ist irgendwo einer dabei, der den Weg kennt und auf Englisch beschreiben kann. Doch es hilft nichts, wir müssen warten. In Ondorra sitzen wir nach einem verwirrenden Gespräch auf drei verschiedenen Sprachen mit einem Busmitarbeiter in einem Cafe bei Cola und Tapas. Letztendlich erwischen wir den richtigen Bus und schippern weiter durch die kurvige und grüne Küstenlandschaft bis nach Lekeitio.

In weiser Voraussicht habe ich bereits am Morgen ein günstiges Hostel gebucht und wir  latschen in Lekeitio angekommen mal wieder bergauf. Dennoch ist Lekeitio eine weitere schöne Küstenstadt mit verhältnismäßig wenig Tourismus und zwei verschiedenen Stränden. Leider lässt die Dame am Empfang ewig auf sich warten und wir verbringen die Zeit auf der Couch des Aufenthaltsbereichs im Hostel statt am Strand. Ich rechne eigentlich mit erneutem Luxus, da wir das einzige Zweibettzimmer im Hostel erwischt haben, aber: Fehlanzeige. Das Türschloss ist ähnlich sperrig wie zu Hause im Proberaum und als wir die Tür aufbekommen, riecht es zu allem Überfluss auch noch genau wie in unserem Keller namens Proberaum, nämlich richtig muffig, feucht und irgendwie ungesund. Das Zimmer ist ohne Zweifel feucht und das Fenster kann man nicht offenstehen lassen, da sonst Leute von der Terasse aus einsteigen können. Also werfen wir einfach nur unsere Sachen ab und verkrümeln uns an den Strand.

Die langgezogene Promenade gibt einen wunderschönen Blick auf die Vogelinsel frei und hinter den Häuserfassaden lassen sich kleine Gassen vermuten, in denen die Leute hier wohnen. Wir schlendern durch die Stadt und erkundigen uns an der Touristeninfo nach den örtlichen Campingplätzen. Uns ist nach dem feuchten Zimmereindruck mehr nach frischer Luft und draußen improvisieren. Wozu haben wir sonst den ganzen Krempel mitgeschleppt, der uns die Rücken zerschindet?

Zurück am Strand geraten wir in ein Live-Konzert hinein. Es gibt experimentellen Hiphop Frauenstimme und Posaune, leichter Ska-Einfluss. Dazu die sich anbahnende Ebbe, die den Steinsteg zur Vogel-Insel freilegt. R. verschwindet natürlich sofort in den Wellen und balanciert auf dem glitschigen Steg Richtung Insel. Ich lehne mich zurück und beobachte alles.

Irgendwann packt uns der Hunger und wir machen uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Bisher haben wir die spanische Küche nicht wirklich ernst genommen und mit der Siesta kommt zumindest mein Hunger-Rhythmus nicht ganz klar. Am Ende landen wir tatsächlich wieder bei Pizza – irgendwie peinlich. Noch peinlicher, dass wir beide unsere zwei Wagenräder nicht schaffen – ich meins nicht zuletzt, weil es hauptsächlich aus Käse besteht. Also lassen wir uns einen Pizzakarton geben und laufen mit den Resten zurück zu der Live-Musik-Strandbar.

Dort verschenken wir die übriggebliebene Pizza am Tresen, wo man sich sehr darüber freut. Auch ein kleiner Junge bekommt ein Stück ab, obwohl sein Vater mich kaum versteht. Mit den Worten “Mangare, mangare” kann er zum Glück etwas anfangen und ich hole dem kleinen Mann ein Stück Pizza vom Tresen. So kinderfreundlich ich mich in dieser Situation auch zeige, der Schein trügt: Etwa fünf Minuten später bekomme ich nicht mit, dass der Junge in seinem Baggy direkt zur Seite weg in den Sand kippt. Stattdessen starre ich bedeutungsvoll aufs Meer und nehme erst Notiz von dem Dilemma, als das Kind bereits brüllend von seinen Eltern aus dem Sand gerettet wird.  

Seltsam ist auch, dass wir total schnell als Deutsche enttarnt werden. Die Bedienung spricht uns auf Deutsch an und kaum jemand scheint unsere Französisch-Versuche ernst zu nehmen. Vielleicht liegt es an unseren Nasen. Als wir mit “Aurevoir” den Laden verlassen, kommt zumindest aus verschiedenen Ecken ein “Aurevoir” zurück. Draußen ruft uns ein Kellner “Tschüss” hinterher.

Dann verdrücken wir uns in unser biotopisches Hostelzimmer, während es langsam beginnt zu regnen. Ich beschließe noch eine auf der Terasse zu rauchen, R. steckt sich die Kopfhörer mit Musik rein und beginnt instant vor sich hinzublubbern. Als ich wieder ins Zimmer will, bekomme ich die Tür nicht auf. Ohne lange weiter zu probieren, klettere ich durch das Fenster von der Terasse ins Zimmer – R. pennt wie ein Stein. Ich teste nochmal die Tür und erkenne das Problem: Ziehen, nicht Drücken.

Am nächsten Morgen wachen wir irgendwie gut eingefeuchtet auf und beschließen das Hostel nach dem Frühstück zu verlassen. An der Rezeption haben wir dann tatsächlich zum ersten Mal eine Situation. Die schon am Vortag sehr gestresste Rezeptionistin hat uns (auf Grundlage einer vagen Nachfrage) bereits eine weitere Nacht in einem Vierbettzimmer reserviert. Wir verstehen das Problem erst nicht, denn wir wollen einfach nur weg von diesem feuchten Ort. Die sanitären Einrichtungen lassen sich by the way weder für Toilette noch für Dusche verriegeln, was meinem natürlichen morgendlichen KKK-Rhythmus nicht gerade zuträglich ist.

Die Hostel-Mitarbeiterin erklärt uns letztendlich ziemlich mies gelaunt, dass sie uns bei der Polizei ebenfalls für eine weitere Nacht gemeldet hat. Ich wusste gar nicht, dass das in Spanien auch so ist, um den Verbleib der Touristen zu orten. Nun kann oder will sie uns nicht bei der Polizei “ummelden” und meint, eine zweite Registrierung bei einem anderen Hostel oder Campingplatz sei nicht möglich. Wir versuchen ruhig zu bleiben und eine Lösung zu finden – Geduld und Zuversicht. Als sie keine Lust mehr hat mit uns zu diskutieren, redet sie einfach auf Spanisch weiter – eine Marotte, die wir nun schon ein paarmal erlebt haben. Nach einem Telefonat, bei dem sie offensichtlich unsere zwei Reservierungen an andere Gäste weitergeben konnte, entspannt sich die Lage. Am Ende klagt sie uns ihr Leid, ist auf sich allein gestellt im Hostel mit Wasserschaden, kaputten Fenstern, bei mieser Bezahlung. Die Tränen stehen ihr fast in den Augen. Sie zerreißt unsere “Reservierung” und gibt uns den Tipp, dass die Polizei einfach hier im Hostel anrufen soll, falls es eine Kontrolle gibt oder wir irgendwie Probleme bekommen sollten. Wir entschuldigen uns alle beieinander für die Umstände und wünschen uns alles Gute.

Da der Campingplatz auf einem weiteren Berg liegt, fahren wir günstig mit einem Taxi rauf. Oben angekommen gibt es glücklicherweise keine Probleme bei der Rezeption und wir bekommen einen super Platz mit Blick aufs Meer und wenigen Nachbarn. Der Campingplatz verfügt sogar über einen Pool, einen Waschsalon und einen Supermarkt. Ich gehe direkt nach dem Zeltaufbau shoppen und wir bestaunen unser kleines Lager, dessen Bestandteile wir die ganze Zeit immer bei uns hatten. Zum ersten Mal seit Reiseantritt fühle ich mich so, als könne man zwei Nächte oder länger bleiben. Eine Art Ankommen – mal wieder nur bei sich selbst und dann gibt es Ravioli aus der Dose und Baguette und der Campingkocher wird endlich eingeweiht – nach fast einer Woche inzwischen.

Nach ausgiebigen Rumgechille und einer aufgehangenen Hängematte machen wir uns wieder auf den Weg zum Strand. Die Flut hat begonnen und R. wittert hohe Wellen. Doch erst müssen wir die Tatsache hinnehmen, dass es keinen Fußweg nach unten gibt, sondern nur die Serpentinen, die wir mit dem Taxi nach oben gekommen sind. Scheiße. Mit meinem Fuß wird es augenblicklich schlimmer und ich humple etwas mißmutig hinter R. her. Vor allem der Gedanke an den erneuten Aufstieg später lässt meine Laune sinken. Falls wir das wirklich wieder hoch laufen müssen, werde ich dabei sterben, soviel ist mal sicher. Tröstend ist nur der Geruch des Eukalyptuswaldes und die kühle Brise, die vom Meer hochweht. Mit all seinen positiven Vibes ist R. mir jedoch manchmal ein Stück voraus. Mit rausgestrecktem Daumen hält er tatsächlich das nächstbeste Auto an und schon sitzen wir auf der Rückbank bei einem schweizer Pärchen, das uns mit in die Nähe des Strandes nimmt.

Und dann ist erst mal Wellenschauen angesagt. Besonders hoch sind sie noch nicht. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum R. nach einer Runde Wellenschubsen in seinen täglichen Mittagschlaf verfällt und ich Zeit habe, bedeutungsvoll aufs Meer zu starren. Leben am Limit.

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