San Sebastian – Zarautz – Getaria – Askuzi – Zumaia , 23. – 25. Juli 2018 

Am nächsten Morgen sind wir alle vor neun auf den Beinen und starten mit einem richtigen Camping-Frühstück. Unsere Baked Beans sind der Renner und es gibt Kaffee von Mt. und E., wobei der Griff der Kaffeekanne überm Gaskocher leider in Brand gerät. Dann sind wir auch schon wieder auf der Piste und starten Richtung San Sebastian, also zum Atlantik.

Einen Zwischenstopp legen wir in einem alten römischen Theater in Autun ein und klettern über die riesigen Stufen, dazu gibt es ein bisschen Historiker-Smalltalk. Es ist noch früh am Vormittag, doch uns läuft bereits die Suppe – nix dran zu ändern, so ist das eben im Süden. Heiß und wunderschön.

Bevor wir wieder auf die Autobahn kommen, geht es weiter über die kleinen Dörfer mit Kühen auf nahezu jeder Weide und Weinbergen soweit das Auge reicht. Nachdem wir wieder auf der Autobahn sind, machen wir bald ein kleines Picknick auf einem der letzten französischen Parkplätze, die spanische Grenze kommt immer näher.

Im Baskenland angekommen fahren und fahren und fahren wir. Insgesamt sind wir an diesem dritten Tag unserer Reise um die 10 Stunden im Auto und schrubben ordentlich Kilometer. Kaum zu glauben, dass wir in der kurzen Zeit so weit gekommen sind. Was bleibt bei diesem Tempo? Aus dem Fenster schauen, Berge und Landschaft bestaunen und viel Zeit zum Nachdenken. Als wir die Pyrenäen durchqueren und sich die Berge in ihrer Monströsität präsentieren, denke ich vor allem eines: Eines Tages verlassen wir diese Welt wieder, welches Ziel sollte für die kurze Zeitspanne unseres Daseins wertvoller sein, als so viel wie möglich von unserer Erde zu sehen und zu erfahren? Land und Leute, Mentalitäten, Natur und Lebensentwürfe verschiedener Art. Viel zu groß, um es in seiner Gänze zu erfassen. Doch einen kleinen Teil davon lassen wir dieser Tage Teil unserer Erfahrungen werden.

Es wird immer später am Abend und man merkt unseren Fahrern die Erschöpfung bald an. In Bordeaux staut es sich und beim oberflächlichen Blick über die Stadt war es wohl die richtige Entscheidung hier nur durchzurauschen – viele Menschen, viel Industrie und ein ausgetrocknetes Flussbett. Schließlich fahren wir auf einen Campingplatz nahe San Sebastian, um dort nach einem ganzen Tag on the road die Nacht zu verbringen. Wir bekommen einen Platz direkt am Eingang neben der Kneipe des Campingplatzes und bauen unsere Zelte neben dem VW-Bus auf. Danach gibt es Tortillas in der Bar und wir haben einen weiteren lustigen Abend zusammen mit unterschiedlichen Themen, vielen Sprachwitzen und etwas Geschichtsunterricht zum Baskenland. Der Campingplatz liegt fast direkt an der Straße, dennoch ist es sehr ruhig und bereits gegen zehn still. Alle scheinen in ihren Schlafsäcken zu liegen.

In der Nacht zieht ein Gewitter über uns hinweg und ich erwache von den hellen Blitzen, die mein kleines Zelt wie Scheinwerfer durchfluten. Auch R. ist wach und wir führen eines dieser typischen Zelt-Gespräche a la “Bist du wach?” – “Nein, bei mir ist alles dicht, es regnet nicht rein.” Am Morgen sind wir schwer beschäftigt bei unglaublich hoher Luftfeuchtigkeit unsere Zelte zu trocknen. Die Zelt-Innereien wurden zwar verschont, aber ohne Sonne und bei Bewölkung und Luft, die man fast trinken kann, ist ans Trockenwerden kaum zu denken. Schließlich rollen wir unsere noch feuchten Zelte zusammen. Mt. und E. fahren uns bis nach San Sebastian rein und wollen sich selbst noch die Altstadt ansehen. Uns zieht es weiter an der Küste entlang und so trennen sich unsere Wege und wir wandern voller Dankbarkeit für diesen zweiten sehr intensiven Lift weiter. Nicht jeder ist bereit, seine Urlaubszeit mit zwei wildfremden Menschen gemeinsam zu verbringen und wie wir erkennen sind es nicht selten selbst ehemalige Tramper, die uns auflesen und an unseren Abenteuern teilnehmen.

An diesem neuen Tag sehen wir endlich den Atlantik und wir wissen, es wird nicht mehr lange dauern, bis wir uns selbst in die Fluten stürzen. San Sebastian lässt eine wunderschöne Stadt anmuten, dennoch ist mir nach weniger Menschen zumute und so betreten wir eine Bar nicht weit vom Strand entfernt und schmieden Pläne, laden unseren Technik-Kram auf und essen eine Kleinigkeit.

Als die Lage gecheckt ist, steigen wir nicht weit von der Bar entfernt in einen Bus, der uns in eine kleinere Stadt bringt: Zarautz. Dort angekommen, stolpern wir etwas planlos in die Touristeninformation und werden gleich für Pilger gehalten – was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht sind. Nach einer weiteren planlosen Runde am Strandboullevard kehren wir zurück zum Infopoint und lassen uns ein günstiges Appartement klarmachen, das allerdings in der Richtung liegt, aus der wir gekommen sind, nämlich etwas außerhalb des Zentrums – mir ist das ziemlich recht. Also schleppen wir unsere schweren Rucksäcke durch die Mittagshitze und ernten schon unterwegs hin und wieder ein “Buon Camino” von “echten” Pilgern.

Vor unserer Unterkunft sitzt eine spanische Frau mit kurzem Haar und wartet schon auf uns. Wir bekommen ein winziges Zimmer mit zwei Betten, aber einem eigenen Bad – also ziemlicher Luxus. R. hat aus irgendeiner tieferen Eingebung am Vortag im Supermarkt eine Rolle Schnur gekauft. Das erste, was wir also in unserer Unterkunft machen, ist eine Wäscheleine für unsere Zelte zu spannen. Und während ich in einen spontanen Waschrausch verfalle und mit Seife und fließend Wasser alles schrubbe, was mein Schweiß dahingerafft hat, schläft R. mal wieder den Schlaf der Gerechten.

Am späten Nachmittag machen wir uns dann los: Der Atlantik ruft uns. Über einen Schleichweg gelangen wir auf den örtlichen Campingplatz, der direkt bis ans Meer führt. Dort angekommen stürzt sich R. in weniger als zwei Minuten in die Fluten. Der Wellengang ist mittelmäßig, aber dennoch gigantischer als ich es je zuvor gesehen habe. Der Schisser in mir benötigt also gut eine Viertelstunde bis auch ich mich den schäumenden Wellen in die Arme werfe. Und: Es fühlt sich unglaublich gut an. Das klebrige Salz auf der Haut, der weiche Sand zwischen den Zehen und der Blick auf die Berge, in denen fette Gewitterwolken hängen.

Mit nassen Handtüchern und klebriger Haut ziehen wir schließlich weiter in das Innere der kleinen Küstenstadt und landen prompt im einzigen linken Cafe – nicht, dass wir es gesucht hätten – irgendwie sitzen wir irgendwann einfach dort. Nach Shoppingausflug und Stadtbummel mit leichtem Gepäck sind wir wieder am Strand, wo sich inzwischen die Ebbe ausgebreitet hat. Wir waten durch den kühlen und feuchten Sand und starren mit abwechselnder Begeisterung das Panorama dieser Meereskulisse an.

Wir sitzen in einer kleinen Bucht auf den Felsen und philosophieren über das Vergehen der Zeit, die wundervollen Menschen, die wir bis dahin getroffen haben und auch über die erstaunliche Tatsache, dass wir zusammen eine zweite Reise angetreten haben – genau ein Jahr später, aber nun mit der Gewissheit, dass es funktioniert. Somit weicht vielleicht der Fakt der Ungewissheit, aber die Vertrautheit, die sich an deren Stelle rückt, macht eines besonders: Sie lässt uns aneinander wachsen.

Als die Sonne ins Meer gefallen ist machen wir uns auf den Rückweg und stellen in unserem bescheidenen Zimmer fest, dass R. seinen Tabak in den Felsen liegen gelassen oder unterwegs verloren haben muss. Dass die Flut diesen kleinen grünen Stoffbeutel holen wird, ist uns beiden klar, verhindert aber nicht, dass R. eine Frühsportrunde am nächsten Morgen einlegt, um sich davon noch einmal vor Ort zu überzeugen. Für mich ist das die Chance meinen Rucksack mit der für mich entspannenden Wirkung in aller Ruhe einzusortieren. Alles hat seinen Platz und erstaunt stelle ich mal wieder fest, wie sorgsam man doch mit den Dingen umgeht, je weniger sie werden.

Dann fällen wir eine Entscheidung und es wird ernst: Wir gehen auf den Camino del Nortre. Mit für diesen Weg zu viel Gepäck machen wir sofort einen Steilstart in die Weinberge. R. hüpft mit seinem riesigen 15-Kilo-Rucksack und den kaputten Turnschuhen wie ein junges Reh den felsigen Berg hinauf, während ich nach ein paar Metern bergauf laut schnaufend fast einen Kreislaufkollaps erleide. Dennoch steht fest: Ich habe Spaß. Und zwar so richtig. Auf 5 Kilometern durch die Weinberge mit zum Teil schwierigen kleinen Pfaden und steilen Anstiegen begegnen wir kaum Menschen. R. setzt meinem zunehmenden Alter natürlich noch eins drauf und macht inklusive Rucksack Liegestütze, während ich fast sterbend an einer Wasserquelle hänge und trinke wie nach einem Wüstenmarsch.

Ein senegalesischer Erntehelfer verlangt uns in unserer Pause die kargen Schulfranzösischkenntnisse ab. Das wiederum ermutigt uns auf dem weiteren Weg eine Art Phantasiefranzösisch miteinander zu sprechen und stellt wiederum die Tatsache in den Schatten, dass ich klatschnassgeschwitzt und ganz schön fertig bin.

Trotz der wunderschönen Landschaft und dem unproblematischen Abstieg nach Getaria rein, fordert die Anstrengung ihren Tribut. R. wird zunehmend tollpatschiger, verliert Zeug und verpasst meiner Hand versehentlich einen Hieb mit seinem Wanderstock. Dass ich total durchgeschwitzt bin und meinen Körper an diversen Stellen mal wieder spüre, macht die Sache nicht einfacher. Und so landen wir etwas verpeilt als Deutsche Pilger in einem Deutschen Restaurant dieser winzigen Stadt. Uns ist das Ganze so peinlich, dass wir auf Englisch bestellen. Die Musik ist grauenhaft und ich bemerke, dass R. nun wirklich bald seinen Mittagsschlaf und ich meine Tastatur brauche, damit wir dann entspannt weiter können. Und so sitzen wir bald auf einer kleinen Aussichtsplattform und schauen auf die Küstenstadt,  aus der wir heute Mittag aufgebrochen sind und machen erst einmal: Pause.

Nach kurzer Lagebesprechung geht es weiter und wir folgen den gelben Pfeilen des Camino – natürlich direkt wieder steil bergauf. Wir streben ein kleines Dörfchen etwas weiter im Landesinneren an: Askizu. Wieder geht es durch Weinberge, wieder sehen wir viele Kühe und wieder platzt mir fast der Schädel vor Hitze und Anstrengung. Auch R. macht inzwischen keine Liegestütze mehr in den kleinen Pausen und wird zunehmend fertiger. Der Camino hat schon auf dieser kurzen Strecke einen besonderen Charme: Man leidet wirklich enorm unter der Anstrengung, dem Gepäck und den steilen Hängen – aber die Aussichten und Impressionen wiegen einfach alles wieder auf.

Mit viel Schweiß erreichen wir den Gipfel des Berges und somit auch Askizu mit seinem überschaulichen Dorfplatz. Nicht weit davon ist die Pilgerherberge und wir freuen uns schon auf ein fröhliches Pilgergelage mit den anderen Reisenden bei toller Aussicht auf Getaria und das Meer. Erschöpft aber glücklich kommen wir an der Herberge an und werden freundlich begrüßt. Erst da fällt mir auf, dass wir noch nicht mal unsere Namen in unsere Pilgerausweise eingetragen haben. Aber wozu auch? Die Herberge ist voll und wir werden auf das zwei Kilometer entfernte Zumaia verwiesen, geht angeblich nur noch bergab. R. steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, aber es hilft nix. Es ist bald 19 Uhr und wir ziehen weiter. Erstmal – wer hätte anderes erwartet – bergauf.

Dennoch sind wir augenblicklich wieder hin und weg von der unendlichen Weite und den grünen Hügeln dieser landschaftlichen Perle. Es geht durch einen kleinen Eukalyptus-Wald – unbeschreiblich schön und wohlriechend.

Als wir Zumaia schon vom Berg aus erblicken können, stellen wir fest, dass die Touristeninformation in etwa 20 Minuten zu macht und wir noch genauso lang benötigen, um dorthin zu gelangen. Mit etwas Glück kommen wir kurz vor Ladenschluss an und lassen uns an ein Hotel vermitteln – die Pilgerherberge kann man nämlich um diese Uhrzeit bereits abschreiben und wenn wir nicht die einzigen waren, die in Askizu vor einer vollen Herberge standen, dann sind spätestens hier in Zumaia alle Betten belegt.

Zu unserer großen Enttäuschung ist es schweineteuer und wir müssen einen Teil des Weges zurückgehen – natürlich bergauf. Die letzten Meter kriechen wir dann nur noch vor uns hin und kommen triefend und schnaufend an einem abgelegenen alten Haus an. Doch unser Schweiß wird belohnt. Uns erwartet bereits ein hollandischer Gastwirt, das Hotel hat ganze sechs Zimmer und ist stilvoll mit viel Liebe und Kunstobjekten eingerichtet. Unser Zimmer ist mehr als dekadent und wir haben das größte Badezimmer des Hauses. Der Blick ins Grüne macht die Strapazen wieder wett.

Unser Gastwirt bestellt sogar Pizza für uns, die wir schließlich ganz allein auf der Terasse des Hauses mit Blick aufs Meer verzehren. Abgesehen von abwechselndem Gejammer und Wundenlecken geht es uns gerade eigentlich ganz schön gut. Leben am Limit.

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