Autun, 23. Juli 2018

Als wir morgens im Seifenzimmer in Muggensturm aufwachen, ist es noch recht früh. R. wuselt mit seinem unerbittlichen Sonnenaufgangs-Wach-Biorhythmus schon eine Weile unruhig neben mir herum, während ich noch weiter schlafen könnte. Aber auch M. und H. sind schon auf und warten mit dem Frühstück und riesengroßen “Wecklis” auf uns.

Es gibt selbstgemachte Marmelade, Tomaten und Rucola aus dem Garten – ein wahres Festmahl für unser erstes Tramper-Frühstück! Durch das Haus klingt sanfte Panflöten-Musik und jeder Windzug streift mindestens eines der vielen Windspiele in Wintergarten und Wohnzimmer. Die Herzlichkeit und das offene Wesen von M. und H. werden uns in Gedanken auf der weiteren Reise begleiten, da sind wir uns sicher. R. bekommt zum Abschied sogar echte “Männerseife” geschenkt und bedankt sich mit ungewohnt tiefer Stimme 😉 M. fährt uns schließlich nach Gartenbesichtigung und langem Abschied zum Rasthof Baden-Baden und wir sind wieder “auf Piste”. Nächstes Ziel auf der Agenda: Lyon und dann Bordeaux in Südfrankreich.

Am Rasthof Baden-Baden sind unglaublich viele Niederländer, die aber alle nicht in unsere Richtung fahren. Wir werden trotzdem freundlich angegrinst und erhalten viel Daumendrücken für die weitere Reise. Der Tankstellenbesitzer schenkt uns eine Gurke aus seinem eigenen Garten. Unsere Zuversicht die Reise so positiv fortzusetzen steigt trotz der Warterei mit jeder Minute und schließlich nimmt uns gut drei Stunden später ein weiteres freundliches Pärchen aus Stuttgart weiter mit bis nach Freiburg.

Am Rastplatz Freiburg-Nord machen wir erstmal Pause und leisten uns von meinen fleißig gesammelten Sanifair-Gutscheinen eine Cola. Überhaupt sind diese Klo-Bons fast eine eigene Währung auf unserer Strecke über die deutsche Autobahn.

Gerade als ich am Rasthof beginne ein neues Tuch in Schönschrift für unsere Alternativ-Routen (Belfort/ Dijon, optional über Bern) zu schreiben, hat sich R. schon wieder unter das Raststättenvolk gemischt, immer auf der Jagd nach dem nächsten Lift. Diese Arbeitsteilung hat viel Gutes: Ich kann nämlich meistens entspannen oder Klo-Gutscheine sammeln. Gerade als ich meine meditative Schreibübung beendet habe, kommt R. grinsend und mit erhobenem Daumen um die Ecke gerauscht. Ich knülle demonstrativ das eben kreierte Tuch zusammen. Wir haben einen Lift.

Und was für ein Lift! Eine Übersetzerin und ein Computerlinguist aus Leipzig nehmen uns in ihrem VW-Bus mit bis nach Autun, was bereits hinter Dijon und genau auf unserer Route Richtung Atlantik liegt. Wir haben den ganzen hinteren Teil des Busses für uns, die Musik ist spitzenmäßig und passt wie im Roadtrip-Movie zu der vorbeirauschenden Landschaft.

Nach der französischen Grenze machen wir mit Mt. und E. eine kurze Pause, R. hat schon wieder die Hälfte der Strecke in einer ziemlich unbequem anmutenden Sitzposition gepennt. Wir verlassen schließlich bei Dijon die Autobahn und tingeln über Land weiter. Frankreich ist wunderschön abseits der Großstädte und präsentiert uns seine üppigen Weinberge, jede Menge Kühe und die alten Gemäuer der kleinen Dörfer. Bei den vielen Pfaden und Feldwegen, die sich durch die sanften Hügel schlängeln, kann ich mir den Jakobsweg hier richtig gut vorstellen.

Mt. und E. peilen einen Campingplatz bei Autun an und wir entscheiden uns spontan mit dort unser Lager aufzuschlagen und morgen mit den beiden weiter nach San Sebastian Richtung Atlantik zu fahren. Wenn alles gut geht, sehen wir so am dritten Tag unserer Reise vielleicht schon das Meer.

Den Abend verbringen wir an der kleinen Campingplatzkneipe mit Pommes und Bier. Der junge Barkeeper lässt beim Befüllen der Gläser einfach den Zapfhahn laufen. Wir unterhalten uns über Leipzig, die französische Sprache und die sich überall zeigende Trockenheit. Später klettern wir in ein fast leeres Flußbett und gehen über eine alte Schleusenbrücke. Auf der anderen Seite erwartet uns ein sich rot färbender Himmel bei Blick auf ein 2000 Jahre altes Restgemäuer, über das Mt. für uns alle aus einem Wikipedia-Artikel referiert. Der mir vertraute Leipziger Dialekt lässt auch meinen Kiefer im Laufe des Abends etwas lockerer hängen und ich fühle mich bei den historischen Erläuterungen zur Umgebung an manche Szenen aus “Go Trabbi Go” erinnert.

Schließlich machen wir uns auf den Rückweg zu unserem Lager und genießen dort noch ein wenig die Stille der wenigen Menschen auf diesem glücklicherweise nicht überlaufenen Campingplatz. Unsere Zelte haben außerdem Premiere und erweisen sich als absolut reisetauglich für weitere Outdoor-Übernachtungen. Als ich auf meiner Luftmatratze langsam in den Schlaf dämmere, staune ich noch kurz darüber, dass ich auf einem Kissen aus meiner eigenen Atemluft liege und falle dann in einen leicht fröstelnden aber zufriedenen Schlaf. Leben am Limit.

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