Muggensturm, 22. Juli 2018

Am Samstag, den 21.07.2018 machen wir uns genau ein Jahr nach unserem Kroatien-Trip wieder auf die Socken. Gleicher Startpunkt, gleiches Wetter – nur das Gefühl ist ein bisschen anders. Irgendwie vertrauter. Wir glauben dennoch noch nicht so recht daran, gleich wieder unterwegs zu sein. Die Fahrt ins Ungewisse, die neuen Menschen, die neuen Gegenden und vielleicht auch die neuen Erkenntnisse, von denen wir jetzt noch nichts ahnen.

Gegen halb zwölf laufen wir über die Brücke am Nikolassee zu den Avus, Berlin liegt schon ein gutes Stück hinter uns, nur die Flugzeuge, der Lärm und der Dreck hängen uns wie ein dunkler Schatten hinterher. Als wir den Schleichweg zur Raststätte einschlagen, legt sich eine leichte Gänsehaut über meinen Körper und mein Herz fängt ein bisschen wilder an zu pochen – allerdings mit der Gewissheit, dass es sich diesmal nicht um eine Panikattacke handelt, sondern um ein Gefühl aus Neugier und freudiger Erwartung. R. hat diesmal einen Hut aus der Kneipe daheim mitgehen lassen und hüpft im aufgeregten Landstreicher-Modus vor mir zur Raststätte. Dort angekommen, treffen wir gleich auf andere Tramper. Man erkennt sich und hilft sich gegenseitig die passende Mitfahrgelegenheit zu finden. Ich genieße den Smalltalk über das Wohin und Woher und fühle Leichtigkeit in mir aufsteigen. Obwohl wir zu zweit sind, verlassen wir nach nicht mal einer Stunde als erste die Raststätte. R. hat mit seinem unglaublichen Scharfsinn eine junge Chemnitzerin aufgetan, die jede Menge Platz im Auto hat. Es geht wie im letzten Jahr erst einmal Richtung Leipzig. Ein schlechtes Vorzeichen? Ich erinnere mich mit etwas flauem Magen an unsere wilde Fahrt mit den Pakistanern nach Wien. Aber gut, Zweifel sind absolut nicht angebracht. Und so landen wir nach einer eher wortkargen Fahrt auf dem Rasthof Köckern kurz vor Leipzig, werfen uns jedoch des Öfteren diesen vielsagenden “Jetzt-gehts-los-Blick” zu.

Auf dem Rasthof treffen wir nach einigen Minuten eine andere Tramperin wieder, die schon bei den Avus nach einer Mitfahrgelegenheit gesucht hat. Offensichtlich ist sie nach uns losgefahren und vor uns angekommen. Wir machen zusammen ein kleines Picknick am Rastplatz und tauschen uns dabei aus. Es ist noch früher Nachmittag und wir halten Ausschau nach einer Mitfahrgelegenheit Richtung Stuttgart, damit wir bald die französische Grenze passieren können. Es dauert nicht lange und wir laufen an einem schwarzen Sprinter vorbei, ich habe mir ein Tuch mit der Aufschrift “Stuttgart – Frankreich – Atlantik” auf den Rucksack gepinnt und wir marschieren damit gut sichtbar an dem Auto vorbei. R. wirft einen Blick über die Schulter und raunt mir nur zu “Frag den, der hat lange Haare”.

Aus dem Auto grinst uns ein Pärchen im Alter meiner Eltern an. Ohne auf das Nummernschild geschaut zu haben, wird schnell klar, dass sie genau in unsere Wunsch-Richtung fahren und uns mitnehmen. Die Fahrt geht durch Starkregen, dem wir gerade so entkommen sind. Dabei laufen die Songs einer Berliner Liedermacherin im Autoradio. M. und H. sind supernett und während R. bald in einen unruhigen Schlaf fällt, beobachte ich die vorbeirauschende Landschaft und vergesse Zeit, Raum und alle sonstigen drückenden Angelegenheiten. Love and Kindness, Geduld und Zuversicht – mit dieser Devise fahren wir diesmal los und schon bald beschert uns unsere innere Einstellung eine Überraschung: Wie wir es uns später erzählen, haben wir uns beide schon nach kurzer Zeit gewünscht etwas mehr Zeit mit M. und H. verbringen zu können. An einem Zwischenstopp auf einem Rastplatz nach dem Sturzregen laden sie uns zu sich nach Hause ein, um dort die Nacht zu verbringen. Unsere Gespräche werden schon auf der Fahrt nach Rastatt bei Karlsruhe immer intensiver, es geht von demografischem Wandel über Ost-West-Sterotypen bis zu Aussteigerprojekten und Automatisierungselektronik. Die beiden haben ein unglaublich liebevolles Wesen sich selbst und anderen gegenüber und ich muss bald mal wieder feststellen, dass Menschen, die viel Schmerz und Schicksalsschläge erfahren haben umso freundlicher mit dem Leben umgehen als viele Menschen, deren Leben in glatten Bahnen verläuft.

In Muggensturm angekommen bewundern wir das kreativ eingerichtete Haus der beiden. Es gibt Hühner, Zebrafinken und zwei Katzen, die sich unglaublich über das Heimkommen der zwei freuen. Bis spät in die Nacht sitzen wir bei Bier und Nüssen auf dem Holzfußboden im Wohnzimmer. Wir lachen viel, aber auch vor ernsten und traurigen Themen wird nicht Halt gemacht. Dieser Abend ist so vielschichtig wie er für einen Reiseauftakt kaum überragender sein kann. Wir fühlen uns unglaublich wohl in dem großen Haus mit den vielen Holzarbeiten von M. und den duftenden Seifenfabrikaten von H. Dazu gibt es einen wilden Dschungel im Wintergarten, der schnell meine Aufmerksamkeit gewinnt.

Nach Mitternacht fallen wir in unsere Schlafsäcke. Unsere Übernachtungsstätte ist die Seifenwerkstatt des Hauses, draußen hört man in der Ferne die Autobahn rauschen. Ich drücke mich in die Matratze, die so weich ist, dass ich R.s Herzschlag spüren kann, oder ist es sogar mein eigener? Spielt auch gar keine Rolle, denn alles, was ich sonst so spüre, fühlt sich nun wieder wie das pure, ungefilterte Leben mit viel Vertrauen in die Menschen an. Leben am Limit.

2 thoughts on “Muggensturm, 22. Juli 2018”

  1. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“
    Was für ein schöner Anfang – ich werde alles lesen und ein bisschen dabei sein. Kommt gut weiter!

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