Im Land der Mücken

Samstag Vormittag, 29 Grad im Schatten und wir satteln jeder gefühlte 10 Kilogramm, dann gehts los. Der Zug in Berlin ist schon bei seiner Ankunft knackevoll und wir ergattern gerade so noch die sehr beliebten Sitzplätze auf der Treppe. Dann geht nichts mehr vor und zurück. Die Reisenden spielen Tetris mit ihren Koffern. Angstvoll richtet sich mein Blick bei jedem Halt zur Tür. Bloß nix Grauhaariges bitte, sonst muss man vielleicht doch noch den Sitzplatzluxus räumen. Dann Umsteigen in Löwenberg und wir können endlich in aller Ruhe im Anschlusszug frühstücken. Eigentlich schon längst über meiner normalen Frühstückszeit, kaum zu glauben, dass ich angesichts der Menschenmassen im Zug und des leeren Magens noch nicht die Nerven verloren habe.

Schließlich steigen wir gestärkt in Templin aus und R. zeigt mir aufgeregt die Gegend. Wir laufen durch malerische Landschaft gesäumt von kleinen Häuschen und Parkanlagen. Unsere 17-Kilometer-Route bis nach Lychen haben wir unausgesprochenerweise jeder in seinem Kopf schon geknickt für den Tag. Es ist einfach zu heiß. Eigentlich sollte das eine Vorbereitungswanderung für den Sommer werden. Mit beinahe Originalgepäck, scheiß egal, ob man den Kram heute brauchen kann oder nicht.

Templin zeigt sich von seiner hellen und sauberen Seite, ich genieße die Streifzüge durch die Straßen auf breiten Fußwegen und einer niedrigfrequenten Menschendichte. Der Routenwechsel zeichnet sich in Richtung Seeumwanderung ab. Auf dem Programm steht der Lübbesee mit vielen Schlenkern und Schnörkeln, umgeben von Wald, Sumpf und Wiese. Im örtlichen Rewe kaufen wir geistesblitzartig noch eine Flasche Autan, das Regal ist so gut wie leergeräumt – ein Omen, das wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ansatzweise deuten.

Es fühlt sich heimisch an in dem kleinen Städtchen, wir kommen kaum ein paar Meter ohne dass R. irgendjemanden “von früher” trifft und wir werden immer wieder in Unterhaltungen verwickelt. Naja, so ist das eben auf dem Land, nix Unbekanntes für mich. Meistens kennt man sich eben – ob man will oder nicht.

Am See stoßen wir noch auf ein paar weitere Freunde von R., unter anderem seinen Mitbewohner, den ich meistens auch nur im Berliner Nachbarschafts-Mief treffe. Hier in freier Wildbahn wirken alle recht ungezwungen und entspannt. Keine überflüssige Kommunikation, alle braten in der Sonne und räkeln sich auf dem Rasen. Ich kann es kaum erwarten ins Wasser zu kommen und schäle mir die klebrigen Klamotten vom Körper. Dann gehts erstmal in “die Fluten” und ich fühle eine Erleichterung wie lange nicht mehr während ich komplett in den See eintauche. Als ich den Boden unter den Füßen nicht mehr erreiche, schwimme ich leicht hektisch zurück, schließlich habe ich nur das Seepferdchen.

Nachdem wir ausgiebig geschwommen sind, löst sich die Crowd auf und wir suchen uns ein schattiges Plätzchen, um zu einem weiteren wichtigen Tagesordnungspunkt des Ausflugs zu kommen: Dem nächsten Picknick. Dann wird erstmal gechillt. Neben uns liegt ein älteres Pärchen, das offensichtlich noch nicht ganz mit der Klappstuhltechnik vertraut ist. Ein paar Comic-Einlagen später packen wir unsere Sachen und machen uns auf den großen Weg: Um den See. Uns ist natürlich völlig klar, dass das bei den Temperaturen erst einmal nur eine Illusion bleibt und so setzen wir uns den Strand des nächstgelegenen Dorfes zum Ziel: Petersdorf. Ein entspannter Weg durchs Grüne rund um den See mit allerhand netten Naturbegebenheiten. Denkste. Also Natur schon, aber so!?

Kurz bevor wir den Wald betreten lächelt uns eine ältere Frau auf einer Bank an und fragt, ob wir in der Hitze wirklich am See entlang wollen. Die Temperaturen sind nicht das Problem. Aber die Mücken. “Wedeln”, sagt sie “ihr müsst mit einem Ast wedeln, um sie zu vertreiben.” – Alles klar, denke ich mir und linse zu der Autan-Flasche in R.’s Rucksackaußentasche. “Wedeln” – na logo – wir sind doch gerüstet – vorbereitet für jede Situation – Leben am Limit! – und die erzählt uns was von Ästen und Wedeln? Mittelalter! Ich schmunzle und wir betreten den Wald des Grauens. So weit so gut, alles schön grün, riecht nach Moos und durch die Wipfel tanzen die Sonnenstrahlen. Doch was ist das? Nach etwa 20 Metern sind wir umringt von dichten Mückenschwärmen. Ich sehe R. vor mir leicht irritiert um sich schlagen, er soll sich bloß nicht umdrehen. Sonst würde er diesen riesigen Schwarm von Mücken sehen, der sich an die Rückseite seines Rucksackes heftet, als würde er Blutproben transportieren. Ich realisiere, dass es hinter mir ähnlich aussehen muss. Noch im Laufen reichen wir uns die Autan-Flasche und sprühen uns selbst und uns gegenseitig ein – jeder Tropfen kann helfen – egal wohin. Schließlich wird uns klar, dass die Viecher zwar durch das Autan weniger stechen, aber trotzdem immer mehr werden und uns umkreisen wie zwei Scheißschaufen. Wir rennen los. Es hilft nix, Geschwindigkeit ist das Einzige, was dazu beiträgt, die Anzahl der Mücken zu minimieren. Jeder Stillstand verzehnfacht sie um ein Tausendes. Und so rennen wir mit schwerstem Gepäck und bei nicht unerheblich hohen Temperaturen 5 Kilometer durch den Wald um den See. Am Ende der Strecke rufe ich R. nur noch zu “Und? Siehst du den See schon?” – “Nein, aber wir sind bestimmt gleich da” – Und nur dieser Gedanke  macht, dass meine Beine mich weiter tragen. Den Stock zum Wedeln haben wir jeder schon auf der Hälfte des Weges irgendwo mitgehen lassen und ich für meinen Teil schlage wie ein junger Kuhhirte mit dem Geäst über meine Schultern – manchmal schlage ich mir den Ast auch ins Gesicht, weil ich mich dort nämlich nicht mit Autan eingerieben habe und die Mücken es vor allem auf meine hervorstechende Nase abgesehen haben, wie mir scheint.

Schließlich kommen wir wild wedelnd und rennend aus dem Wald geschossen und stehen japsend und fuchtelnd an der Petersdorfer Badestelle mit ein paar wenigen Leute, die uns alle entgeistert anstarren. Na super, die Freaks aus dem Wald sind wieder on the road. Auch hier das gleiche Spiel: Klamotten aus und rein in den See. Unsere Shirts sind vollkommen durchgeweicht und mir wird wieder klar, warum ich trotz ausreichender Flüssigkeitszufuhr so wenig pinkeln muss – die Suppe wird einfach wieder rausgeschwitzt. Hat aber irgendwie positive Effekte. Nicht auszudenken, wenn ich meinen blanken Hintern hier irgendwo in diese Mückensteppe halten müsste… Vielleicht doch nochmal über die Anschaffung einer Urinella nachdenken.

Der See ist an dieser Stelle vor allem flach. Man läuft ewig und nix passiert. Irgendwann stürze ich mich einfach todesmutig in die Fluten und schwimme, obwohl etwa einen Meter unter mir der Grund ist. Es tut gut, draußen zu sein und den Mückenschweiß im See zu vergessen. Und es fühlt sich auch gut an, noch gar nicht zu wissen, wie es diesen Tag über weitergehen wird. Mein Gefühl sagt mir, dass eine Nacht im Zelt hier äußerst anstrengend werden könnte angesichts der geflügelten Nervensägen.

Wir hängen rum, R. pennt und ich beobachte die junge nacktbadende Hippiegruppe, die eindeutig den Hängemattenplatz weggeschnappt hat. Keine Ahnung, wie lange wir so da rumhängen, aber irgendwann kommen SIE aus dem Wald und holen sich, was ihnen zusteht. Zelt kommt eigentlich hier nicht in Frage. So schön es am See ist, so unangenehme Folgen bringt der milde Winter mit sich. Wir packen zusammen und laufen nach Petersdorf, den kurzen Waldweg mit vergleichsweise wenig Mücken lassen wir entspannt hinter uns. Beim Blick auf die Uhr wird mir klar, dass wir entweder verdammt schnell zum Bahnhof laufen müssen (etwa wieder 5 km zurück, bzw. 7 km, weil Landstraße) oder irgendwie unser Zelt aufbauen sollten. Als wir an der Petersdorfer T-Keuzung stehen, brauchen wir uns nur kurz anzusehen, um genau zu wissen, was zu tun ist. Daumen raus. Die ersten zwei PKW’s rauschen vorbei und ich fühl mich Brandenburg. Ratlos schauen wir uns an. Naja, entweder weiter laufen und den Zug zurück nach Berlin doch noch schaffen oder versuchen zu trampen. Cool wie wir sind, machen wir beides auf Einmal und laufen mit rausgestrecktem Daumen los. Es kommt natürlich erstmal überhaupt kein Auto. Doch das nächste hält dann auch und eine Frau nimmt uns mit bis 3 km vor Templin. Dann geht es auf dem Radweg weiter. Zwei Radfahrerinnen, die uns in Petersdorf bereits überholt haben, rauschen von hinten ran. “Wie geht das?”, ruft Fahrradfahrerin 1 schon schnaufend von hinten. Klare Sache, wir haben uns gebeamt. Und genauso schnell sind wir dann auch am Bahnhof, sitzen im Zug und steigen in Berlin aus, wo uns schon am Gesundbrunnen der Stadtmief entgegenkracht als gäbe es kein Morgen – allerdings ohne Mücken. Schöner Ausflug. Ich kratz mich später. Leben am Limit.

06/18

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