Tresenromantik radikal

Da sammelt sich Gin
in den tiefen Holznarben
an denen sich alle gesundstarren.

Da strömt verpestete Sommerluft
durch den einzigen Verbindungskanal
zur Außenwelt.

Ein Stück Zitrone
bringt den alten Mann zum weinen.
Die Eiswürfel schmelzen
im Abfluss ausgegossener Träume.

Zigarettenstummel sind die letzten
die vor Erregung glühen.
Das Alter schreibt sich in die Furchen
zerlebter Dichter, Musiker und Maler.

Die Jahreskarte des Todes
lohnt sich nur für den Biergarten
pissgelb der Sprudel
spröde der Schaum.

Fahles Licht zieht Falten straff
Feuerzeuge klicken der Musik in die Takte
Kompassnadeln verlieren ihre Gültigkeit
der Ausgang bleibt auf der gleichen Seite
aber verschlossen
der Eingang entlässt die Letzten
manchmal anderorts.

Ein Sessel erzählt Geschichten von früher
Polster riechen nach Gescheiterten
im Sud der Einsamkeit
wälzen sich dampfende Körper
in ihrer Selbstdarstellung
atmen Ideen in die Nacht
die im letzten Schnaps zerplatzen
weil sie nicht mehr gesehen werden.

Ängste verstecken sich hinter Rauchschwaden
Grübelgedanken schlingen sich um die Strohhalme
an denen sich keiner mehr festhält
wenn sie einmal einen Knick bekommen haben.

Einweggedanken stürzen in Rotweinschluchten
altes Spülwasser wäscht die Ohrmuscheln des Tresens rein
ein vergessener Lichtkegel lässt sich von Kabeln würgen.

Unter dem Filz der Vergangenheit
plaudern sich Schnapsdrosseln in den nächsten Tag
zwei Kinder, kein Haus,
kein Auto
zehn Quadratmeter alte Kacheln,
neues Flair,
Vintage
Avantgarde.

Wer trinkt
krallt sich nicht an seinem Alleinsein fest
Wer säuft
krallt sich nicht an seiner Einsamkeit fest
Wer raucht
krallt sich nicht an seinen Gedanken fest.

Das Dahinschwinden in die Nacht
und das Ankommen im Tag
spielt keine Rolle mehr.

Tresenamnesie
niemand weiß was.

6/17

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