Ein lebenswertes Leben

Wow, Ende März und ich schreibe erst jetzt über die Grippe-Welle in Deutschland: Was ist da los? Wie mein Kollege mir stolz auf Arbeit mitteilte – Deutschland macht wirtschaftliche Einbußen wegen ein paar Mikroorganismen, die offenbar ganze Landstriche zum Erliegen bringen. Auch meine Frau Mama hat das zutreffend zusammen gefasst: Jetzt hat es auch Berlin erwischt. I see. Ganz ohne Nachrichten und Apothekenumschau.

Ja, nee, is klar… Wer sich jeden Tag durch überfüllte U-Bahnschächte quält und sich notgedrungen an verseuchten Festhaltestangen entlanghangelt – weiß das.

Auf jeden Fall steht unsere WG seit gestern wieder unter Quarantäne und Desinfektionsmittel werden in literweisen Vorräten angeschafft. Klar, dass es mich da auch gleich unmittelbar dahingerafft hat. Noch nicht physisch, aber immerhin schon mal mental: Hypochonderhochbetrieb und meine Haut an den Händen ist schon fast wegdesinfiziert. Außerdem sticht es mir im Brustkorb seit eine meiner Mitbewohnerinnen erzählte, dass sie sich quasi die Rippen zerhustett hat. Latente Zahnschmerzen nach einem unnötigen MCDonalds-Stop kommen hinzu. Also nach den ersten Schlappheitsanzeichen erstmal heute in die Spur und ab ins Wartezimmer des Grauens. Wie immer schon auf dem Weg der halbe Herzinfarkt mit Schweißausbrüchen und allem drum und dran. Naja, ist nicht mehr spektakulär, kenn ich ja schon. Atmen.

Im Wartezimmer sitzen dann auch nur drei Leute, von denen ich erstmal den maximal am weitesten entfernten Platz einnehme und mich im Display meines Smartphones in irgendwelchen sinnlosen aber informativ anmutenden Artikeln vergrabe. Aber klar, da will man den ganzen penetranten Werbeanzeigen im Wartezimmer aus dem Weg gehen (wie beispielsweise “Heptatitis C – es kann jeden treffen”, “Hautkrebs frühzeitig erkennen” und “Natürlich Nase spülen – wenn die Pollen fliegen”) und schwupps richtet sich wie von Zauberhand der Facebook-Stream in einer Art und Weise aus, wie ihn ein Hypochonder gern instant löschen möchte. Taz, Aktionsbündnis seelische Gesundheit und natürlich Vice haben die aktuellen Neuigkeiten zum Thema “wie erkenne ich, dass ich nich ganz dicht bin” aufs Gras rauchen reduziert. Wunderbar. Da weiß man direkt wieder, warum man sich am Ende des Tages drei Bier hinter die Binde kippt. Also Facebook zu und irgendeine hohle Rätsel-App an. Was mit Wörtern. Nur blöd, wenn einem dann nur noch Krankheiten einfallen, die man in die Lücken einsetzen möchte.

Zum Glück dauert es nich lange und ich werde aufgerufen. Die Ärztin begrüßt mich an der Sprechzimmertür, mit echtem Händerdruck – is die suizidal? Hier wimmelt es von Keimen. Ich setze mich auf den Stuhl, natürlich ohne die Türklinke jemals berührt zu haben. Komisch, sie ist plötzlich blond. Oh, das ist gar nicht meine spanische Krankschreibeärztin, zu der ich sonst immer geh und nach zwei Minuten Mimimi mit dem gelben Schein das Sprechzimmer verlasse. Die ist neu. Und sie scannt erstmal ausführtlich meine Akte, bevor sie mich fragt, was ich denn habe. Ich bin schlapp. Und die ganzen Menschen nerven mich. Gerade Bachelor-Arbeit geschrieben. Eigentlich will ich einfach mal ein paar Tage meine Ruhe. Niemanden sehen, nirgendwo hin müssen und lesen, Tee trinken und Pflanzen umtopfen. Sie nickt, fragt nach meinen emotionalen Befindlichkeiten, lässt sich viel Zeit in der Analyse und fragt dann “Empfinden Sie manchmal das Leben als nicht lebenswert?” – Mir fallen fast die Augäpfel raus. Ist ja wohl die klassische Depressiones-Fangfrage. Am liebsten würde ich fragen “Nö, Sie etwa?” oder antworten “Nee, ich brauch einfach mal n paar Tage frei vom Leben”. Dann erzähl ich den Kurzabriss, warum meine Psychologin mit mir Schluss gemacht hat. Gelber Schein. Klarer Fall. Ich gehe raus und lasse die Tür offen stehen. Nochmal drück ich bestimmt nich die Infektionsklinke. Erstmal kurz ins Bad Hände desinfizieren. Auf dem Rückweg treffe ich die Ärztin, geht sich wohl auch die Hände desinfizieren, kein Wunder.

Ich starte raus in den Frühling und geh direkt shoppen. Düngestäbchen, Schaufel, Blumenerde – das muss erstmal reichen. Leben am Limit.

03/18

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.