Nuklearmedizin: Mein persönlicher Super-GAU

Es ist mal wieder so weit – ich habe einen weiteren, für Kurzatmigkeit sorgenden Arztbesuch hinter mich gebracht – und ich lebe und bin kerngesund (also eigentlich alles wie immer). Trotzdem, die Aufregung, Panik und Herzkasper: Meine treuen Begleiter haben mich auch diesmal nicht im Stich gelassen.

Es ist November, Regen, der Wedding grau, die Straßen nass und nur Freaks unterwegs, die kurz vor Weihnachten noch einmal richtig aufdrehen. Seit ich mit meiner Bluetooth-Mütze unter die Cyborgs gegangen bin, ist mir das Gelaber von Flyerverteilern, Gestörten und Zeugen Jehovas relativ wumpe. Ich lächle einfach freundlich und gehe weiter geradeaus. Nachdem das nun schon einmal für Verwirrung gesorgt hat, verkneife ich mir mein “Entschuldigung, ich muss erstmal meine Mütze ausschalten.” Who cares? Ich könnte genauso gut einfach taub sein.

Auf den Besuch beim Endokrinologen habe ich mich schon länger vorbereitet. Den Termin hab ich irgendwann im September gemacht, als ich mit meiner Missempfindung im und am Hals endlich mal von dem Gedanken an Kehlkopfkrebs weggekommen bin. Könnte ja auch ein Knoten in der Schilddrüse sein. Bösartig im schlimmsten Fall. Damals hab ich völlig aufgelöst in der Praxis angerufen und wollte SOFORT einen Termin – Erfüllung solcher Wünsche grenzen natürlich an ein Wunder. Für einen Hypochonder die Hölle, die lassen einen lieber verrecken bevor man aufgrund von Dringlichkeit frühzeitig einen Termin bekommt. Wenns ganz arg ist, kann man ja immer noch die 112 wählen oder sich zur Notaufnahme schleppen und dort versauern. Ohne abgetrennte Körperteile oder Herzstillstand sitzt man da nämlich auch nur stundenlang rum. Und das weiß ich nicht aus Erfahrung, sondern aus Erzählungen. Notaufnahme ist wirklich die letzte Option. Bevor mir da geholfen wird, hab ich mir die Viren der anderen Kranken eingefangen oder bin vor Krankheitsgeschichten anderer Patienten schizophren geworden. Nein, danke!

Also. Terminvereinbarung im September. Danach fand ich mich mit der Missempfindung im Hals ab und bis zum heutigen Termin ist alles wieder erste Sahne. Hypochonderweisheit: Vereinbare einen Arzttermin und deine Somatisierung löst sich innerhalb von 24 Stunden in Luft auf. Ok, bei einem Termin, der zwei Monate in der Zukunft liegt, dauert es vielleicht 48 Stunden, weil das Hirn erstmal über den Gedanken hinweg kommen muss, dass man bis dahin TOT sein könnte. Aber nach der Phase des Sich-mit-dem-Tod-Abfindens wirds dann erfahrungsgemäß besser und man verbringt die Zeit lieber mit Dingen, die man unbedingt noch vor seinem Ableben ausprobieren wollte, anstatt zu jammern.

Also nun abgeschirmt in meiner Entspannungsmusikmütze laufe ich durch die Straße zur Praxis. Schön langsam, nicht hetzen, bin sowieso 20 Minuten zu früh – wie immer. Könnte ja unterwegs zu Verzögerungen kommen. Von nem tollwütigen Hund gebissen werden oder spontaner Nervositätsharndrang/stuhl. Und jetzt immer schön einatmen, ausatmen. Aber die innere Unruhe ließ sich auch heute morgen schon nicht wegmeditieren. Wie gerufen ist auch der Druck im Hals pünktlich zum Arztbesuch wieder da. Alles nur in deinem Kopf, Chrissi, aber gleich hast du Gewissheit. Immer dran denken: Wenn da was ist, kann man vor der Chemo immer noch versuchen alles wegzuschneiden. Wenn alles aussichtslos ist, goldener Schuss und Adé. Ahh, Kopf aus. Linkes Bein, einatmen, rechtes Bein ausatmen. Als ich die Tür zur Praxis aufmachen will, rutscht mir glatt die Klinke aus meiner schweißigen Hand. Am liebsten würd ich mir eine knallen. Ich atme noch einmal tief ein und gehe rein. Vor mir steht eine Frau an der Rezeption, die über ihren Termin diskutiert. Sie hat ihre Überweisung vergessen und kommt nun nicht dran. “Aber ich merke doch, dass der Knoten wieder größer ist…!” Lalala, und Mütze wieder angeschaltet.

Nachdem ich mit Klangschalen und Regenwald auf den Ohren die Szenerie wie einen Stummfilm weiter beobachtet habe, komme ich an die Reihe. “Haben Sie Ihren Überweisungsschein dabei?” Ähm… obwohl ich das Drama um diesen blöden gelben Schein gerade hautnah mitbekommen habe, bin ich überrascht. “Ach du kacke.”, entweicht es mir. Ich wühle hektisch mit den nassen Händen in meinem Beutel und krame im Portmonee rum. Zum Glück lass ich die Überweisungsscheine immer dort drin. Ich pack den kleinen Stapel auf den Tisch und wühle zwischen den Überweisungsscheinen zum Orthopäden, zum Hautarzt und zum Kardiologen schließlich den für die Endokrinologie raus. Ich hebe die immer auf, man weiß ja nie, ob die man die nochmal brauchen kann. Und ja, das ist ein Moment, der schon etwas peinlich ist. Aber egal, wenn ich morgen tot bin, macht das den Braten jetzt auch nicht mehr fett.

Ich bekomme den üblichen Erstanamnesebogen und freihaus dazu die klassische Atemnot beim Durchlesen der Punkte. Im Bereich “Stuhlgang” und “Schweiß” ziehe ich Extra-Linien, um meine Befindlichkeiten möglichst präzise zu schildern. Die ganze Krebsspalte halte ich links zu und kreuze rechts systematisch überall “Nein” an. Gut, und jetzt die ganzen “normalen” Punkte, wie Herzschlag und Gewichtszu- und -abnahme, OP’s (mit fast 30 war ich NOCH NIE in einem Krankenhaus zu irgendeiner Operation, herzlichen Glückwunsch, ist meinem Hypochonder aber scheißegal), Sehprobleme, Schlafgewohnheiten und sonstige Funktionsstörungen. Ja, hab ich alles, aber ich reiße mich zusammen und schreibe nicht daneben, dass das bei Panikattacken normale Symptome sind. Will ja nicht klugscheißen. Schon gar nicht beim Arzt. Die einzige Autorität, der ich in meinem Leben so etwas wie Beachtung entgegen bringe.

Bedröppelt gehe ich ins Wartezimmer und spiele zur Ablenkung irgendwas mit Früchten auf meinem Handy. Die Praxis ist ziemlich altbacken, im Wartezimmer steht ein Plastikblumenstrauß auf einem Häckeldeckchen und die Ärtzinnen und Sprechstundenhilfen erinnern mich an meine Oma. Irgendwas rauscht da in meinen Ohren, achja mein Blut. Puls und so. Die Mütze ist ja ausgeschaltet. Ich werde schließlich recht schnell aufgerufen und habe keine Zeit mir Krankheitsgeschichten von weiteren Patienten im Wartezimmer anzuhören. Gut für mich. Also ab zu Oma ins Behandlungszimmer. Die Ärztin ist sehr freundlich, sie hat ein sanftes Gesicht und macht gleich einen einfühlenden Eindruck. Ich bin gerettet. Zwar komme ich mir mit meinem erhöhten Puls vor wie eine Hüpfburg, aber gleich gibt es Gewissheit. “Sie bringen ja eine ganze Reihe an Problemen mit.”, sagt die Ärztin als sie meinen Anamnesebogen durchgeht. “Ja.”, sage ich, “ich bin auch in Behandlung.” Stimmt eigentlich nicht. Meine Psychologin hat vor ein paar Monaten mit mir Schluss gemacht. Seitdem bin ich quasi in Eigentherapie. Aber läuft.

“Gut, dann legen Sie sich mal hin.”, sagt die Ärztin und tunkt schon Ihren Zauberstab in die Ultraschallsoße. Ich bleibe sitzen. Ich muss jetzt kurz erklären, warum ich so aufgeregt bin, damit Frau Doktor mir möglichst schonend beibringt, wenn da IRGENDWAS komisch in meinem Hals ist. “Ich bin aufgeregt und ich habe Angst vor schlimmen Diagnosen, wundern Sie sich bitte nicht über meinen hohen Puls.” Puh. Und ab in die Waagerechte. Frau Doktor nickt verständnisvoll und hält einfach die Klappe, was mir recht ist. Ich schließe die Augen und denke an meinen “Happy Place”. Atmen. Auf den Ultraschallbildschirm schauen? Ausgeschlossen. Alles, was da vor sich hin wabert und einfach nur IRGENDWIE aussieht, versetzt mich in Panik. Ich will das gar nicht sehen. Ich bin froh, wenn es von außen “ok” aussieht. Und von der Beobachtung, dass ich n fetten Hals hab, komm ich seit Monaten nicht mehr runter.

Frau Doktor tastet und scannt und ultraschallisiert während sich meine Halsschlagader gleich um ihren Sensorstab wickelt. Als ich kurz mit einem Auge blinzel, sagt sie “Alles bestens. Ihre Schilddrüse ist normal groß, keine Knoten, alles in Ordnung. Lassen Sie sich noch Blut abnehmen und in zwei Wochen liegen die Ergebnisse bei Ihrer Hausärztin. Aber es sollte alles im grünen Bereich sein.” Mein Herzschlag setzt kurz aus vor Erleichterung. Dann sitze ich ratzfatz wieder auf der Britsche und grinse die Ärztin vermatscht an. Ich zettel noch mein Blutbild von vor einem Jahr aus meinem Beutel und halte es ihr unter die Nase (keine Ahnung, wer sein Blutbild und sonstige Befunde noch aufhebt und abheftet… achja, meine Oma!). Jedenfalls kann ich immer gut sortiert meine Kadaver-Dokumentationen vorweisen, wie es sich für eine Akademikerin gehört – allerdings heute ohne Klarsichtfolie, die sind mir ausgegangen. Frau Doktor checkt kurz den Zettel, nickt und entlässt mich lächelnd. Wie immer pusht mich so ein “Sie sind völlig gesund!”-Arztbesuch und ich schlittere fast etwas zu überschwänglich zur Blutabnahme. Enthusiastisch reiße ich meinen Ärmel hoch – Spritzen machen mir keine Angst, sie können Leben retten! “Wunderschöne Adern zum Blut abnehmen!”, lobt die Schwester meine Venen und ich lächel strahlend zurück als hätte ich noch nie so ein Kompliment bekommen. Mein Kopf denkt sich “Super, im Fall der Fälle wird das mit dem goldenen Schuss dann also kein Problem bei den Spitzen-Venen.” Wie ein schlechtes Tinder-Foto wische ich diesen Gedanken weg. Ich bin jetzt erstmal für diesen Moment und diesen Tag völlig gesund, also Schnauze da oben. Zum Abschluss gibt es ein großes Pflaster auf die “Wunde”, das ich mit Stolz noch mindestens zwei Tage tragen werde – im T-Shirt, versteht sich.

Als ich noch einmal die Ärztin vorbeihuschen sehe, fällt mir wieder ein, was ich alles nicht gefragt habe in meiner Panik. “Frau Doktor, eine Frage noch: Warum sieht mein Hals dann so fett aus, wenn meine Schilddrüse normal groß ist?” – “Verschiedene Menschen haben verschiedene Hälse und Ihre Haltung ist nicht optimal. Schieben Sie Ihren Kopf mal etwas weiter über die Schultern, das sollte dann schon anders aussehen.” Automatisch richte ich mich auf und ziehe den Kopf nach hinten. Passt. Jetzt nur nicht übertreiben, sonst wird n Doppelkinn draus. Zur Belohnung für meine Tapferkeit gehe ich anschließend wie gewöhnlich shoppen. Diesmal zu Rewe in der Müllerstraße. Da war ich noch nie und die haben Stumpfkerzen.

Zwei Wochen später sitze ich mit Erkältung (bei mir kann man da schon von einem “Männerschnupfen” reden) bei meiner Hausärztin und die Sprechstundenhilfe überreicht mir feierlich meinen Schilddrüsenbefund, den ich nun sauber zu den anderen abheften kann. Im Wartezimmer atme ich tief durch und schau mir nun doch das Ultraschallbild an. Mh. Sieht trotzdem widerlich aus. Ich mache ein Foto mit dem Handy und schicke das Ultraschallbild mit dem Vermerk “Unser Kleines” an Freunde und Verwandte. Es ist 15,5 Millimeter groß. Leben am Limit.

11/2017

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