Monteur de la Fress. Eine Fortsetzung

Nachdem ich seit zwei Wochen meine Freunde, Familie, Band, Mitbewohnerinnen und Arbeitskollegen mit meinem bevorstehenden Bohr-Zahnarzttermin nerve, als stünde mir eine Beinamputation bevor, ist heute mal wieder Tag X.

Ich bin natürlich viel zu früh wach, frühstücke viel zu verdauungsanregend und bin eine Dreiviertelstunde vor meinem Termin auf dem Weg, für den ich normalerweise 10 Minuten brauche. Aber das hat auch sein Gutes: Ich habe noch Zeit für den Fall der Fälle eine Tomatensuppe zu kaufen – wer weiß, wann ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen kann!

Diesmal schaffe ich es durch mein frühzeitiges Aufkreuzen auch noch einmal aufs Klo, bevor ich wieder mit Harndrang auf dem Stuhl liege. Obwohl ich jetzt wissen müsste, wo die Toiletten sind, stehe ich desorientiert in einem der zahlreichen Behandlungszimmer, wo schon fleißig gebohrt wird. Gut, nächste Tür.

Überhaupt ist dieser Sound einfach unerträglich – ein Schlachtehaus für menschliches Beißwerkzeug. Wundert mich, dass es für Angstpatienten an der Rezeption keinen Gehörschutz gibt.

Ich spiele hibbelig im Wartezimmer irgendwelche dummen Spiele auf meinem Handy. Zum Glück kann ich nicht googlen was genau Gingivitis ist. Dafür gibts hier nämlich spezielle Untersuchen und Behandlungsmöglichkeiten und betreffen kann es wie immer: Jeden. Ich hasse diese Art von Postern in Wartezimmern.

Aufgerufen werde ich dann ziemlich pünktlich und stelle mich schon mal auf die Wartefolter auf dem Stuhl meiner Albträume ein. Naja, nicht ganz. Nur der Frauenarzt bietet noch eine Nummer härtere Folterstühle an. Ich lasse mich also auf den Stuhl plumpsen und die Schwester legt mir das vertraute Kotzelätzchen um. Ich mag das ja: Dinge auf die man sich verlassen kann.

Dann kommt Doktor Antiangst mit den freundlichen Augen. “Wie gehts denn so? Regnet es noch immer so stark draußen?”, fragt er. Als Angstpatient hat man nämlich das Privileg, sich zuerst einmal über völlig banalen Alltagskram zu unterhalten, bevor es an den Zahnschmelz geht. Das machen die zur Beruhigung. Und es hilft auch. Seit ich auf dem Stuhl liege, ist mein Puls schon wieder in die Höhe geschnellt und mein Brustkorb hebt und senkt sich unter dem Kotzebeutel wie der eines Kaninchens auf der Schlachtebank. Von feuchten Händen und nervösem Augenzucken ganz zu schweigen. Beim Arzt fühle ich mich echt immer wie Tweek aus South Park.

Gut, dass die Gardinen zugezogen sind, sonst hätte Herr Doktor sich selbst von der Regenintensität überzeugen können. So kann ich Zeit schinden und eine ausführliche Beschreibung der Beschaffenheit des aktuellen Regens draußen wiedergeben. Nachdem wir gemeinsam festgestellt haben, dass der Sommer nun aber wirklich vorbei ist, lenkt er geschickt das Thema Richtung Zähne: “Sind Sie eigentlich kälteempfindlich?”, fragt er. “Klar.”, sage ich, “Ich trage mindestens zwei paar Socken ab Ende September.” – “Ich meinte jetzt Ihre Zähne.” Achso, na und ob, ich bin überhaupt überall und auf alles empfindlich.

“Spülen Sie sich nach dem Zähneputzen den Mund mehrfach aus?” – “Natürlich.”, sage ich artig. “Das sollten Sie nicht tun.”, sagt Doktor G. und hält mir einen kleinen Kurzvortrag über die schützende Funktion von Fluorid. Dabei fährt er mich auf dem Stuhl immer hoch und runter – keine Ahnung, ob das eine Strategie ist, um Entspannung herbeizuführen. Räucherstäbchen und ablenkende Trickfilme gibts jedenfalls immer noch nicht – nicht mal, obwohl die heute bei mir BOHREN! So ein Anti-Stress-Knautschball wäre auch schon eine Maßnahme, dann müsste ich nicht die ganze Zeit meine nervösen Hände unter dem Kotzelätzchen verstecken.

Irgendwann unterbreche ich ihn: “Aber ich putze mir meine Zähne mit Aioli. Da ist kein Fluorid drin.” Er schaut mich entgeistert an. “Mit Aioli!? Das habe ich ja noch nie gehört! Merkt man auf jeden Fall gar nicht bei Ihnen.” Ich bin verwundert. Der Typ ist doch Zahnarzt. Der kennt doch bestimmt diese kleinen billigen roten Zahnpastatuben in den roten Verpackungen. Gibts bei Penny. Da ist kein Fluorid drin – hat mir zumindest mal eine Heilpraktikerin erzählt. Und dass man von Fluorid Arthritis, Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen, Nierenleiden und sogar Krebs bekommen kann, weiß ja wohl jeder. Irgendwann macht es bei Doktor G. Klick: “Ach Sie meinen Ajona! Und ich dachte jetzt allen Ernstes Sie putzen sich die Zähne mit Knoblauchöl!” Wir lachen beide. Und ich lache ausführlich – solange ich das noch mit beiden Mundwinkeln kann. Darauf folgt ein weiterer Vortrag über die Wichtigkeit von diesem Gift in Zahncremes und Doktor Fluorid schließt seinen Monolog mit den Worten: “Was denken Sie denn, warum die in der Schweiz so wenig mit Karies zu kämpfen haben? Ganz einfach: Die haben da den richtigen Anteil Fluorid schon im Trinkwasser drin! Wissenschaftliche Studie!” Er drückt mir eine Tube fluoridverseuchte Zahncreme in die Hand und rät mir damit ab und zu meine Zähne einzucremen und danach nicht auszuspülen. Für den Schutzfilm. Verstehe, jetzt soll ich mir damit die Zähne auch noch EINCREMEN. Ich nicke und schmeiße die Tube in meinen Beutel. Jetzt kann es aber wirklich mal losgehen, schließlich will ich bald wieder was essen können.

Die Spritze merke ich gar nicht. Dafür aber, wie meine Lippe und die halbe Wange taub werden. Der Doktor geht nochmal raus, nachsehen, ob meine Beißschiene schon da ist. Ist sie nicht. Super, dann kann ich dieses Zahnsägewerk demnächst gleich nochmal aufsuchen. Die fünf Minuten Einwirkzeit fühlen sich an wie zwei Stunden. Ich liege allein in dem Behandlungszimmer und starre wieder die weiße Wand an. Irgendwann wird mir langweilig und ich untersuche die Folterwerkzeuge und diesen komischen Kanister mit irgendwelchen Flüssigkeiten. H2O und Alkohol kann ich entziffern. An jedem Behältnis ist ein Schlauch dran. Könnte man jetzt der Betäubung sicher noch nachhelfen – ist das ein Mundstück zum Trinken an dem Schlauchende…?

Als meine Lippe richtig taub ist, mache ich ein paar Grimassen mit hängendem linken Mundwinkel – schade, für ein Selfie auf dem Zahnarztstuhl ist das Handy jetzt zu weit weg. Und Peinlichkeiten erlebe ich ja hier auch so schon genug frei Haus. 

Es gibt keine Armlehne auf der rechten Stuhlseite, an der ich mich festkrallen könnte, wenn es brenzlich wird. Warum haben die hier kein Ablenkungsmaterial? Am meisten graut mir vor der Maulsperre. Ich kann meinen Mund keine zwei Minuten so weit offen lassen, ohne dass mein Kiefer verkrampft. Das kostet hinterher wieder viele Entspannungsübungen. Dann gehts auch schon los. Ich balle aus Gewohnheit die Hände zu Fäusten, kneife die Augen zusammen und runzle die Stirn – dazu ziehe ich auf jeden Fall eine furchtbare Grimasse, das weiß ich. Als der Bohrer ansetzt, merke ich überraschenderweise: Nichts. Nur dieses Geräusch im Kopf ist absolut nervig und Grund genug weiter ein gequältes Gesicht zu machen. Erwartet hätte ich eigentlich, dass die Schwester zur Beruhigung meine Hand hält. Stattdessen fuchtelt sie mir mit diesem Spuckestaubsauger im Mund rum. Ich hasse diese Teile. Und meine Zunge auch. Nicht nur einmal stecke ich die Zunge in die Staubsaugeröffnung. Irgendwann saugt sich das Teil an meiner inneren Wangenseite so fest, dass der Doktor kurz mit Bohren aufhören muss. Ich mach das ja nicht mit Absicht, das ist eher so ein Reflex mit der Zunge. Aber klar, wahrscheinlich halten die mich hier für völlig gestört.

Die zwei sind auf jeden Fall ein Super-Team. Es vergeht keine Sekunde, in der ich nicht eines oder zwei dieser Folterwerkzeuge in der Kusche habe. Scheinbar probiert Doktor Fluorid seine Bohrer in allen möglichen Stärken aus. Als ich den Mund kaum noch offen halten kann, kommt auch noch so ein Maulsperre-Werkzeug zum Einsatz. Super. “Wenn was ist, heben Sie die linke Hand.”, sagt er. “Welches Links?”, will ich noch fragen, aber da habe ich auch schon wieder den Spuckesauger an der Backe. Das Gebohre und Getupfe und Gesauge und Getrockne und Gefülle dauert Ewigkeiten. Aber ich spüre immerhin nichts. Im Kopf zähle ich alle Sekunden mit, die dieses Trocknungsgerät in meinem Mund hängt, bevor es piepst.

Was ich allerdings schon spüre, ist die Speicheldusche, die ich irgendwann im gesamten Gesicht abbekomme, weil Herr Doktor scheinbar in einem ungünstigen Winkel bohrt und die Spuckesaugerin aufgegeben hat. (Oder sie will mir zeigen, wie das Ganze ausgeht, wenn man sich der Saugerei verweigert.) Ich muss spontan an meine Freundin denken, deren Speicheldrüse immer den Zahnarzt anspuckt, sobald er loslegt. War ja klar, ich leide auch unter dem seltenen Phänomen der Speichelfontäne. Klasse.

Ich bekomme ein Papiertuch und wische mir die Spucke aus dem Gesicht. Ist zum Glück nur meine eigene und ich bin ungeschminkt. Wieder alles richtig gemacht heute. Trotzdem dauert alles ziemlich lange. Am Ende werde ich gefragt, ob ich beim Zusammenbeißen merke, ob die Zahnleisten ineinander passen. “Wie denn?”, frage ich, “Ist doch alles taub.” Naja, wird schon passen. Als ich mit der Zunge drüber fahre, fühlt es sich jedenfalls an wie immer.

Zum Aufstehen brauche ich wieder eine Extraeinladung, aber ich vergesse die wichtigen Fragen nicht: “Wird es nachher noch weh tun, wenn die Betäubung nachlässt? Wann lässt die Betäubung nach und wann kann ich wieder essen?” – “Etwa in zwei Stunden, und essen Sie einfach nicht, bevor die Betäubung nachlässt, sonst beißen Sie sich in die Backe.” Ja, und wer will das schon? Verletzungen im Mundraum sind echt das Letzte. “Und wir mussten ein Stück Zahnfleisch aufhebeln, das wird vielleicht die nächsten Tage etwas unangenehm sein. Nehmen Sie einfach eine Ibu, wenns zu arg ist.” – Zahnfleisch AUFHEBELN? Ich glaub, ich hab mich verhört und bekomme augenblicklich Kopfschmerzen von den Bohrgeräuschen. Aber immer schön freundlich bleiben, der Zahnarzt ist immerhin der Mächtigere von uns beiden. Doktor Fluorid ist dein Freund. Ich grinse mit einem Mundwinkel und verabschiede mich höflich. Ich habs immerhin überlebt. Wenn ich Glück habe, wird es auch die nächsten Stunden nicht ultraschlimm. Vorsichtshalber kaufe ich Strohhalme, nachdem mir ein Schluck aus meiner Wasserflasche zum linken Mundwinkel wieder rausgelaufen ist. Das war also meine erste Betäubung mit Bohren. Leben am Limit.   

10/17  

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