Monteur de la Fress

Seit meine neue Mitbewohnerin eingezogen ist und ihre ersten freien Nachmittage im Uniklinikum für Zahntechnik verbracht hat, verspüre ich den seltsamen Drang zum Zahnarzt zu gehen und manchmal zwickt es auch irgendwo im Mundraum. Ein Hypochonder muss also tun, was ein Hypochonder tun muss: Zum Arzt gehen. In meinem Alter empfiehlt sich außerdem eine Beißschiene für die Nacht und vielleicht führt diese Maßnahme auch dazu, dass ich und mein Kiefer uns morgens nicht mehr fühlen, als wäre ein Traktor über unser Gesicht gerollt. Außerdem ist mal wieder eine Durchsicht nötig. Nach 7 Jahren Berlin habe ich mich noch nicht dazu durchringen können, mir einen anständigen Zahnarzt im Kiez zu suchen und heute ist Tag X.

Da stehe ich also nun vor dem Gebäude in der lärmenden Badstraße. Auf dem Schild steht ganz oben “Für Angstpatienten” – Hier bin ich richtig, denke ich und stapfe die Stufen hoch. In der Praxis werde ich von den üblichen arztweißen Wänden geblendet und stelle fest, dass hier ganz schön viele Zahnärzte zugegen sind.

Ich setze mich ins leer Wartezimmer und fülle meinen Anamnese-Bogen aus. Das kenne ich schon. Ich hasse diese Bögen. Es gibt keine Vielleicht-Spalte hinter der Liste mit den Krankheiten, die man angeben muss. Von Bluthochdruck über Tumorerkrankungen bis zu Schilddrüsendisfunktionen und Magen-Darm-Irritationen ist alles dabei. Für mich ist diese Liste echt die Hölle, und überall kann man nur “Ja” oder “Nein” ankreuzen – aber woher soll ich denn wissen, ob nicht in mir irgendwo doch ein unentdeckter Diabetes-Typ steckt? Zum Glück gibt es kein Zahnkrebs. Also Ruhe bewahren. Trotz steigendem Puls gehe ich die Liste durch und streiche tapfer überall “Nein” an. Positiv denken. Die einzige Spalte, in der ich “Ja” anstreiche ist “Haben Sie Angst vor der zahnärztlichen Behandlung?” – Na und ob! Wer weiß, was die da finden. Zungenkrebs kann der Zahnarzt bestimmt auch gleich sehen. Und da bei mir bis auf ein Miniloch noch nie gebohrt wurde, habe ich da vor allem eines: Riesenschiss.

Vor Aufregung muss ich natürlich pinkeln. Hoffentlich ist mit meiner Blase alles in Ordnung. Die Osteopathin neulich meinte, wenn irgendwas mit meinem Hals ist, liegt das an der Blase. Wie schön, dass alles in dem verdammten Kadaver miteinander verbunden ist. Da kann man sich gar nicht entscheiden, was am kaputtesten ist.

Als ich zum Klo schleiche, ruft mich natürlich die Schwester auf. Jetzt gibts kein Zurück mehr. Also mit Harndrang ab auf den Stuhl. Und warten. Das machen die ja immer so. Erst wird man ins Behandlungszimmer geschickt und dann wartet man und kann sich schon mal Horrorfilme schieben. Als Angstpatient vermisse ich die Beruhigungsmusik, ablenkende Trickfilme und Räucherstäbchen für die Entspannung. Das Zimmer ist bis auf eine Topfpflanze komplett weiß. Ich lege mich auf den Stuhl und glotze auf das Tablett vor mir mit den Folterwerkzeugen. Atmen nicht vergessen, Chrissi.

Eine Schwester kommt rein und hängt mir dieses Lätzchen um den Hals, in dem sich eine Öffnung befindet. Da kann man reinkotzen, wenns nicht anders geht. Kenne ich noch vom Kieferorthopäden. Praktisches Ding. Dann kommt auch schon Doktor G. – ein junger Typ mit freundlichen Augen, der mich fragt, wie es mir geht. “Das hängt von dem Ausgang unseres Dates ab.”, sage ich und fange gleich mal an, die Kieferverspannungskarten auf den Tisch zu legen. Alles kein Problem, sagt Doktor G. – ich bekomme eine Schiene und dann verschreibt er mir Physiotherapie, damit ich lerne mit meinem verkrampftem Kiefer umzugehen. Tippitoppi.

“Machen Sie mal den Mund ganz weit auf.” Ich dachte schon, das kommt nie. Ich reiße den Mund auf und er legt die Hände an meine Kiefergelenke. Auf beiden Seiten knackt es, dass mir gleich die Hände feucht werden. “Ja, Fehlstellung, sowas kann man über Jahre antrainieren. Aber die Schiene wird Ihnen helfen. Ich schaue mir jetzt mal Ihr Gebiss von innen an.” Doktor G. kratzt ein wenig an meinem Zahnstein rum und holt einen dicken Krümel vom Frühstück aus einer Zahnritze. “Sorry.”, nuschel ich mit offenem Mund und werde auch gleich ein bisschen rot. Mist, ich hatte mir extra nach dem Frühstück nochmal die Zähne geputzt, und für was? Für diese Demütigung hier? Doktor G. lässt sich davon nicht beeindrucken. Ich habe eine Karies-Stelle, vermutlich aber nicht erst seit den letzten 5, sondern eher 10 Jahren. Das weiß ich auch, aber bis jetzt hat keiner was unternommen oder unternehmen müssen – was mir eigentlich ganz recht war, solange es nicht weh tut. “Wir röntgen, aber machen Sie sich keine Sorgen, das ist wirklich nur eine kleine Stelle.”, beschließt der nette Arzt und ich folge ihm auf den Röntgenflur.

Unterwegs fummele ich schon mal meine Schrauben aus den Ohren. Doktor G. lacht, “Das ist nicht nötig, wir röntgen nur eine kleine Stelle. Schwanger sind Sie ja nicht, oder?”. Ich schüttle intensiv den Kopf, aber sicher sein kann man sich ja eigentlich nie…

Das Röntgen geht ruckzuck. Zwischendurch huscht ein anderer Arzt vorbei. “Ich röntge hier, Christian.”, sagt Doktor G. mahnend. “Ich leuchte sowieso schon im Dunkeln.”, kommt lachend zurück. Na die gehen hier aber leichtfertig mit ihrer Gesundheit um, schießt es mir durch den Kopf. Wieder eine potentielle Portion Krebs mehr, aber was muss, das muss.

Dann liege ich wieder im Behandlungsraum auf dem Stuhl rum und spiele mit meinem Kotzebeutel. Irgendwann kommt der Doktor zurück und wir werfen gemeinsam einen Blick auf das Röntgenbild. Noch etwas, was ich hasse. Ich erinnere mich sofort an die Geschichte, als ich bei einer Röntgenaufnahme meines Kopfes meine Nebenhöhlen für riesige Tumore gehalten habe. Niemals eine Röntgenaufnahme ohne Arzt ansehen! Das sieht immer alles gefährlich aus!

Doktor G. zeigt mir die betroffene Stelle. Es handelt sich um einen Zahnzwischenraum, also zwei Zähne. Ich rutsche mit zusammengekniffenen Augen näher ran und erkenne trotzdem nichts. Aber komisch sieht er aus, mein Mundraum, und die Zähne. Sind die echt so schief, wie das von innen aussieht? Gruselig. Na für die Außenwirkung hat die Spange dann scheinbar trotzdem was gebracht. Hoffentlich fallen mir meine Zähne nicht aus, die Wurzeln sind gar nicht mal so lang. Und warum haben die in der Mitte alle dunkle Stellen? Doch Zahnkrebs? Großflächig? Achso, das sind die Nervenenden. Na dann ist ja gut.

“Wir müssen da bohren und eine Füllung machen, damit das nicht schlimmer wird.” Ich bin schockiert und gehe sofort in Krampfhaltung. “Bohren!?” – “Ja, aber wenn Sie möchten, können wir Ihnen ein Betäubungsmittel geben, dann merken Sie das gar nicht. Wollen Sie das?” – “Ich möchte vor allem, dass es NICHT weh tut.”, antworte ich schockiert. Zum Glück bekomme ich zwei Wochen Schonfrist. “Sollen wir Zahnstein wegmachen?”, fragt Doktor G. noch während er sich Notizen aufschreibt. “Also, wissen Sie, ich weiß, das ist gut für die Zähne, aber … ich weiß nicht, ob ich das aushalte. Es ist einfach so unangenehm und diese Geräusche als würde man gerade in seine Einzelteile zerlegt werden – da ziehts mir echt die Schuhe aus.” – “Gut, dann vielleicht beim nächsten mal. Jetzt machen wir noch den Abdruck für die Schiene. Und einen Termin, können Sie am 5. Oktober?” Ich springe auf und hole mein Handy aus der Tasche – “Aber Sie müssen gleich wieder liegen, wenn die Schwester mit der Abdruckmasse kommt.” Jaja, denke ich mir und krame weiter. Da kommt auch schon die Schwester mit der Schaufel voller gelber Knete rein und ich hechte zurück auf den Stuhl. “Mund auf!” Ich folge artig und dann presst sie mir auch schon die glibberige Masse gegen den Oberkiefer. Ein Ausflug zurück in meine Zeit beim Kieferorthopäden, ich versuche ruhig durch die Nase zu atmen. Von nebenan höre ich das Sägegeräusch eines dieser Folterwerkzeuge, die immer noch bedrohlich vor mir liegen. Dann ist das Zeug endlich fest und die Schwester versucht mir beim Ablösen der Masse nicht den Kiefer zu brechen. Natürlich klemmt das verdammte Ding. Aber es braucht nur einen helfenden Griff von Doktor Antiangst und ich bin wieder frei. Ich sammel mich kurz und pule mir die Knetreste aus dem Mund. Feinsäuberlich lege ich sie zu dem Werkzeug auf das Tischchen vor mir und sacke zurück auf den Stuhl, wo ich erstmal kurz die Augen schließe und atme. “Äh, Frau Scherch?”, kommt es aus dem Hintergrund, “wir wären dann erstmal fertig.” – “Großartig!”, rufe ich und springe auf. Gerade als ich raus will, deutet der Doktor auf mein Lätzchen, das ich mir umständlich selbst vom Hals reiße und mit einem Büschel meiner Haare feierlich übergebe.

Gut gemacht, rede ich mir zu, als ich den Laden verlasse. Zur Belohnung gehe ich zum Shoppen in den nächsten Schreibwarenladen und kaufe Buntstifte. Leben am Limit.

9/17

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