Paderbornisiert

Zum Glück gibt es so viele Sachen, die man in seinem Leben das erste Mal machen kann. Zum Beispiel auf Dienstreise nach Paderborn fahren. Ich war bisher weder auf Dienstreise, noch habe ich Paderborn besucht. Kann man mal machen.

Also ganz typisch erstmal aus Angst vorm Zugverpassen eine halbe Stunde zu früh am Hauptbahnhof in Berlin eintrudeln. Aber wenigstens habe ich bis dahin die Menschenmassen mit gechillter Musik auf den Ohren überstanden. Als ich am Bahnhof noch ein Päuschen in der Morgensonne einlege, fällt mir viel zu spät auf, dass neben mir eine Frau hockt und zitternd raucht. Unangenehmer Anblick, aber ich traue mich nicht sie anzusprechen. So ist das im anonymen Berlin. Bevor ich mir den Kopf weiter über Parkinson und Panikattacken zerbreche, verziehe ich mich zum Gleis und stehe dort weiter rum.

Der Zug Richtung Ruhrpott hat natürlich Verspätung. Alle meckern, ich hör Musik. Von fünf Minuten lass ich mir jetzt nicht die Laune verderben. Die Geräuschkulisse und die vielen Leute sind schon anstrengend genug. Dass hier alle Fresse ziehen, daran hab ich mich längst gewöhnt. Wir warten schließlich auf die Deutsche Bahn und nicht auf einen Lottogewinn.

Der Zug wird in der Mitte geteilt, irgendwo in Hamm und dann fährt die falsche Hälfte nach Köln weiter. Für mich gilt es jetzt, die richtige Hälfte zu erwischen. Aber dafür bin ich ja früh genug da. Und ich habe eine Sitzplatzreservierung. Wagen 22, Sitz 51, Fensterplatz, Ruhebereich – so wie ichs mag. Als der Zug einfährt und ich definitiv im richtigen Abschnitt zwischen F und G stehe, steht draußen natürlich “Wagen 37” dran und nicht 22. Ich steige trotzdem erstmal ein und hoffe, dass ich nicht in der falschen Hälfte gelandet bin. Drinnen bin ich zumindest in Wagen 26 und nicht wie draußen dransteht 37 – das ist schon fast ein Hauptgewinn. Da allerdings niemand weiß, in welche Richtung die Wagennummern zu- bzw. abnehmen, entsteht ein heilloses Durcheinander. Mit den fetten Koffern kommt natürlich immer nur eine Masse von A nach B, die anderen müssen den bereits sitzenden Fahrgästen auf den Schoß springen, um Platz im Gang zu machen. Das gefällt den Reisenden natürlich gar nicht. Ich drängel mich in eine freie Lücke und blicke hilflos in das keifende Gesicht einer älteren Dame, deren Platz ich nun offensichtlich blockiere. Ein Klassiker. Nichts geht mehr.

Irgendwann löst sich das Gedränge auf und ich habe die richtige Richtung erfragt. An meinem Platz angekommen sitzt bereits ein Herr auf meinem Platz, den ich nun natürlich mit meiner Reservierung verscheuchen muss. Ein bisschen Leid tut er mir schon, denn die Reservierungsanzeigen im ICE sind natürlich ausgefallen. Er steht trotzdem auf und ich kann meinen Fensterplatz beziehen. Denkste. Mein Fensterplatz ist der einzige, an dem sich kein Fenster sondern nur graue Zugwand zwischen zwei anderen Fenstern befindet – Was denken die sich eigentlich dabei? Soll das witzig sein?

Mit 12 Minuten Verspätung setzen wir uns in Bewegung. Der ältere Herr neben mir macht noch einen Witz über meinen Fensterplatz und holt dann seine Stullenbox aus dem Rucksack. Er heißt Rüdiger. Sein Name steht in Schreibschrift auf der Tupper. Irgendwie niedlich. Ich verspüre kurz den Drang auch meinen Namen in Schönschrift auf meine Box zu schreiben. Hole dann aber nur meine Stullen raus und wir frühstücken gemütlich und schauen auf der anderen Seite aus dem Fenster. Dann beginnt urplötzlich das große Tupper-Battle. Als er seine Eier-Tupper mit zwei Eiersteckplätzen und einem kleinen Fach für Salz öffnet, gehe ich zum Angriff über und zaubere meine Tomatenbox aus dem Rucksack. Ein Überbleibsel von Kroatien, in dem man Cocktailtomaten mandalaartig einsortieren kann. Eine Top-Erfindung. Er gewinnt allerdings, er hat noch eine Box für Würstchen, da passen genau fünf kleine Wiener rein – und es gibt ein kleines Fach für Senf! Wenn ich mal Rentner bin, habe ich hoffentlich auch haufenweise davon. Die Tupper-Industrie ist da scheinbar kreativ.

Ansonsten verläuft die Fahrt unspektakulär bis auf ein paar Zusteigende, die sich vor lauter Ärger über die Bahn erstmal ein paar Beruhigungspillen einpfeifen. So weit ist es schon gekommen. Wer weiß, wie viele Herzinfarkte die Deutsche Bahn auf dem Gewissen hat. Ich bleibe insgesamt ruhig und siehe da – trotz Verspätung bekomme ich meinen Anschlusszug. In Bielefeld. Und das, obwohl es Bielefeld nicht mal gibt. Abgefahren.

Das gemächliche Tuckern durch die Landschaft ist angenehm und gut fürs Gemüt. Viele Tiere, viel Wald, gutes Wetter und ich fühle mich ganz entspannt. Nebenbei bereite ich mich auf die AG vor, um die es heute hauptsächlich geht und fange danach an Sarah Kuttners Buch “Mängelexemplar” zu lesen. Schon nach wenigen Seiten kann ich es nicht mehr so richtig aus der Hand legen und ermahne mich zu mehr Fensterglotzen statt Lesen.

Paderborn entpuppt sich dann schnell als gut fußläufig. Vom Bahnhof brauche ich keine 10 Minuten zu meinem Hotel. Es geht durch eine kleine Unterführung nähe des Stadtrings. Die Gegend erinnert mich an die kleine Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin. Es gibt keine wirklich “echten” Läden. Alles nur Versicherungsbüros, Raumausstatter und komische Imbissbuden. Das Hotel sehe ich schon von Weitem. Südhotel, aufdringliche Horizontalwerbung und ein abgrundtief hässliches Gebäude – immerhin gegenüber von Edeka. Ich gehe rein, hole meinen Schlüssel, alles gebucht, tiptop. Ich bekomme sogar ein Doppelbett, weil kein anderes Zimmer mehr frei war. An der Rezeption werde ich außerdem gefragt, ob ich rauche. “Ja.”, sage ich in freudiger Erwartung auf ein Raucherzimmer. “Gut, dann unterschreiben sie das.” Bei dem Wisch handelt es sich nicht um eine Umbuchung auf ein Raucherzimmer, sondern um eine Einverständniserklärung, dass ich 100 Euro zahle, wenn ich doch rauche. Tolle Wurst.

Als ich mein Zimmer aufschließe, schlägt mir ein zuerst undefinierbarer Geruch entgegen. Dann erkenne ich: Es riecht nach Sex. Die Bette sind zerwühlt und im Mülleimer liegt eine leere Tube Gleitgel. Das Zimmermädchen war hier also noch nicht. Ich drehe schnurstraks um und petze an der Rezeption, dass das Zimmer “irgendwie nach einer wilden Nacht” aussieht. Die Rezeptionistin entschuldigt sich und informiert das Zimmermädchen. Ich bekomme einen Melissentee aufs Haus. Pfefferminze gibt es hier nicht.

Als ich endlich mein Zimmer beziehe und die Betten meine Untersuchungen auf Bettwanzen bestanden haben, chille ich noch kurz rum und studiere das Fernsehprogramm. Lange keine Glotze mehr parat gehabt, könnte eine interessante Nacht werden. Das Bad ist auch mittelmäßig, alles etwas alt, aber immerhin gut gesäubert. Keine Minibar. Das gibt Abzüge. Überhaupt wundere ich mich, dass im Internet von der Nutzung des Hotels fürs spezielle Etablissement nicht die Rede war. Die Google-Bewertungen waren zwar nicht so gut, aber hauptsächlich wegen dem Frühstück und das ist für mich sowieso exklusive. Wer weiß, was sich hier nachts noch abspielt – aber der Neurotiker in mir hat natürlich Ohrstöpsel eingepackt.

Dann gehts aber los zur Konferenz, wieder schön mit mindestens einer halben Stunde Spielraum. Man könnte sich ja verlaufen, angefahren werden oder eine ganz neue vom Herbst geprägte Horrovorstellung: Kastanie aufs Auge – mit Schale!!!

Ich laufe also an der komischen Stadtmauer entlang und an dem Übergang zur Pader – dem Fluss hier – ist natürlich für Fußgänger und Radfahrer alles gesperrt – angeblich zur Entzerrung des hochfrequentierten Radwegen. Kann man so auch machen, ist aber blöd. Schließlich finde ich dann doch noch einen passablen Weg am Fluss entlang. Viel Grün, viele Vögel, wenig Menschen und frische Luft. Zumindest erstmal Kontrast zum Sud von Berlin. Das Heinz-Nixdorf-Museum ist auch ganz schön. Dort ist auch der Konferenzraum und der Pförtner bringt mich in den verwinkelten und begrünten Hallen sogar direkt bis zum Zimmer. Blöd nur: Ich bin eine halbe Stunde zu früh dran. Also setze ich mich wichtig auf einen der großen weißen Hocker und lese weiter Kuttner. Auch nicht schlecht.

Dafür dass ich bei der AG eigentlich gar nichts sagen und nur meinen Bericht schreiben wollte, plappere ich dann zwischenduch munter mit. Als einzige Noch-Studierende im Kreise hoher Akademikertiere sehe ich mich in der Pflicht, die Studierenden-Perspektive zu bedenken zu geben. Bei dem Vorschlag, für bessere Vernetzung Facebook-Gruppen zu bilden, hört der Spaß dann allerdings auf – gelacht wird trotzdem. Ganz wichtig auch, damit man nie zum Konsens kommt: Lieber inklusive statt exklusive denken – ganz schön was gelernt heute. Und obwohl mir anfangs die Ohren bei der Vorstellungsrunde vor lauter Aufregung ganz heiß werden, ist es dann doch eine nette Runde und ich verstehe ein bisschen mehr, wie kompliziert der ganze Hochschulkontext einfache Fragestellungen machen kann. Zwischendurch denke ich darüber nach, das Studium abzubrechen und eine Tupper-Firma aufzumachen.

Den Heimweg nehme ich wieder per pedes – in Paderborn kommt man wenigstens auf seine Auslauf-Kosten – und das ganz ohne fresseziehende Menschemassen. Ganz im Gegenteil, sogar die Penner sehen glücklicher aus. Da wo mein Hotel steht, geht es allerdings etwas zwielichtig zu. Die Leute schauen komisch und ich bin mir nicht sicher, ob mein Nachtschlaf vielleicht von irgendeiner roten Funzel aus dem Nebengebäude getrübt wird.

Auf dem Rückweg will ich gerade meinem Kollegen Nico eine Sprachnachricht über die abgefahrene AG-Sitzung aufs Handy quatschen, als mich von hinten einer der Teilnehmer überholt. “Welchen Zug müssen Sie erwischen?”, fragt er ganz aus der Puste. “Gar keinen”, sage ich, “Ich schau mir noch Paderborn an. Vielleicht ist man nur einmal hier.” Er entschuldigt sich für seine Eile und sagt den Spruch, den eigentlich alle sagen, die sich akademisch gesehen immer im gleichen Dunstkreis befinden: “Man trifft sich sicher mal wieder irgendwo.” Ja, denke ich mir, vielleicht in meinem Tupperfachgeschäft.

Bevor ich mich allerdings wieder in mein Zimmer verkrümle, gehe ich noch richtig gesund essen. Salat und Brot – eine echte Akademikermahlzeit in einem Schickimicki-Hipster-Laden am Rande der Innenstadt. Als ich reinkomme, steht sofort eine super-hippe und super-freundliche hyperaktive Bedienung vor mir und schaut mich mit diesem Ich-warte-nur-auf-deine-Bestellung-Blick an. Ich habe noch nicht einen Buchstaben der Karte erfassen können und sage nur “Ich brauch n Moment.”. So was lieb ich ja: Noch während ich versuche die Karte zu lesen (Brille im Rucksack) leiert sie das Super-Special-Sonder-Quinoa-Fitness-Angebot runter, das ich doch unbedingt probieren kann. Ich nehme “Chicken Vitality” und bekomme ein kleines Vibrationsgerät mit meiner Bestellnummer. Fancy. Als meine Bestellung fertig ist, vibriert das Ding in einer Lautstärke, als hätte ich den kompletten Beate-Uhse-Laden auf meinem Tablett liegen. Ich eile mit dem Ding zur Theke und stopfe es in die dafür vorgesehene Vorrichtung. Es hört trotzdem nicht auf. “Ist gleich vorbei”, sagt der Typ hinter der Theke. Na hoffentlich. Wie halten die das den ganzen Tag aus? Und wer erfindet sowas? Ein Zettel und eine digitale Anzeige hätte es auch getan, wie auf dem Arbeitsamt eben. Na gut, ich werde altmodisch… Habs kapiert.

Nach dem überraschend guten Salat fühle ich mich vital genug, um weiter Kuttner zu lesen und noch ein Radler zu trinken in dieser fancy Atmosphäre. Die Bedienung von der Theke kennt hier jeden, fragt jeden wie es ihm geht, ob man sich später sieht und wie es mit den Hunden läuft. Paderborn – ein Kaff. Na klar. Kenn ich alles schon.

Nach Kneipentour durch die Baustelle von Innenstadt ist mir irgendwie nicht. Ich peile den Weg zum Hotel an und statte vorher Edeka einen Besuch ab. Dort kaufe ich was zum Knabbern, Abendbespaßung und eine Packung Buntstifte. Dann ziehe ich mich zurück in mein Hotelzimmer und zentriere mich in einem Mandala.

Als ich später ordnungsgemäß für eine Zigarette in den Biergartenbereich gehe, dauert es nicht lange und ein älterer Herr gesellt sich zu mir. Ich rieche anscheinend förmlich nach Berlin. Aus der Küche nebenan dröhnt mittelmäßiger Elektrokram. “Endlich mal was aufregendes und nicht dieser Ton-Steine-Scherben-Mist!”, ruft der Alte. Ich krieche weiter in mein Handy rein. Dann bin ich natürlich doch schnell in ein Gespräch über Berlin verwickelt und wie dort alles paderbornisiert wird (?what?) – trotzdem lustig. Ein Radler lang halte ich dem kulturellen Austausch stand, dann verziehe ich mich wieder nach oben. Immerhin habe ich dort einen schönen Schreibtisch und frische Buntstifte. Leben am Limit?

09/17

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