Epilog. Über Reisen, Krebs und Arbeit

Valun, Cres, Krk, Olib, Zadar – alles nur noch Orte, die man sich jetzt auf Fotos ansehen kann. Die Erinnerung bleibt, aber das Gefühl scheint konserviert zu sein in dem Zeitkontinuum, in dem wir uns befanden. Ich sitze auf dem Klo und scrolle Facebook-Profile von ehemaligen Klassenkameraden durch. Es gab eine Einladung zum Klassentreffen – zehn Jahre ist der ganze Quatsch jetzt her. Auf den Profilbildern erkenne ich selten jemanden von früher. Die meisten stecken in fetten Brautkleidern oder haben gleich die zerknautschten Babygesichter vom Nachwuchs zum Aushängeschild ihres Profils gemacht. Ich schließe die Teilnehmerliste mit den ganzen Namen, die ich nicht mehr kenne und drücke die Klospülung. Ich werde nicht dahin gehen. Eine einfache Alltagsentscheidung.

Zurückgeworfen in die weiteren lächerlichen Routinefragen, wünsche ich mir manchmal, ich wäre einfach auf Olib geblieben. Vielleicht hätte ich mir einen Kellner-Job in der Strandbar organisieren können oder meinetwegen auch Pakete von der Fähre ausladen und in Olib verteilen – mit dem Multicar, versteht sich – auf jeden Fall irgendwas Sinnvolles. Gemüsebetreuerin. Strandduschenwart. Angellehrerin. Und irgendwann wäre dann ein unvorhersehbarer Borasturm gekommen und hätte uns alle weggefegt – und gejuckt hätte es niemanden. Bis dahin wären wir jedenfalls alle glücklich gewesen.

Umso heftiger ist dann doch dieser Heimkommen-Blues. Klar ist es angenehm im großen Himmelbett zu schlafen, jeden Tag Dusche und keine 20 Kilo auf dem Rücken bis man sich an dieses Schildkröten-Dasein gewöhnt hat. Aber trotzdem. Die Freiheit ist wegluxeriösiert. Es gibt wieder so etwas wie eine Uhrzeit. Termine. Weckerklingeln. U-Bahnen. Und diese Massen von Menschen, die in den Berliner Straßen jeden Tag um ihr Leben rennen. Ätzend. Man schleppt sich so zur U-Bahn, nur damit man dann schnell die Tür vom Büro zuschlagen kann: Puh, wieder eine Tour geschafft. Abends im Bett: Puh, wieder ein Tag abgehakt – Was zur Hölle soll das eigentlich?

So langsam gerate ich an die Grenzen meiner Sinnfindung. Klar, dass drei Wochen Kroatien nicht mal eben offenbaren, wo es eigentlich langgehen soll. Es war eher wie ein Mal-kurz-am-echten-Leben-Schnuppern. Und jetzt steckt man wieder in seiner Konserve und wartet bis es “mal so richtig los geht” – ein äußerst niederschmetternder Zustand. Und trotzdem so unglaublich schwer: Wie macht man das eigentlich? Sich frei machen. Einfach losgehen? Vorher ein Buch drüber lesen? Ich weiß es nicht, und immer noch nicht. Stattdessen quäle ich mich mit körperlichen Missempfindungen rum, die schlagartig nach Kroatien wieder aufgetaucht sind. Einfach so. Drei Wochen Staub, Wald und Wüste bei bester Gesundheit und kaum ist die Zivilisation am Start, denkt meine fleischliche Fleischklopshülle, sie könnte ja jetzt wieder die ganzen Mimimis von vorher auspacken. Ätzend.

Habe auch überlegt eine Rubrik aufzumachen, in der ich meine Hypochonder-Highlights zum besten gebe. Hier auf dem Blog. Nachher ist es ja doch meistens zum Lachen – obwohl ich in den Situationen selbst meistens mindestens 10 mal gestorben bin. Jedenfalls widmet sich in mir wieder alles den irrealen Ängsten meines Ablebens, verursacht durch eine tödliche Krankheit mit einem langwierigen, schmerzhaften und irgendwie auch ekligem Tod. Dabei saugt mein gieriger Geist alle noch so dämlichen Details auf, die an so etwas beteiligt sein könnten. Allein die letzte Woche zählen einige Perlen: Würmer am Darmausgang bei Poloch-Jucken (Danke, Charlotte Roche), abfallende Gliedmaßen durch zu viel Rauchen – natürlich erst nachdem sie schon ewig taub nur noch an einem dran hängen, Kehlkopfkrebs bei Halsschmerzen, Erblinden durch In-die-Sonne-schauen, HWS-Syndrom durch ungünstige Sitzhaltung, Zahnausfall durch Zähneknirschen, Sehnenentzündung durch Gitarre spielen, Ohrenentzündung durch Wind, Tinnitus durch Kieferfehlstellung – und so geht das ewig weiter – manchmal denke ich, es wäre für mich und meinen Körper am besten, wenn ich mich einfach in eine sterile Gummizelle einschließen würde. Da ginge die Hypochondrie dann ihren Weg aber höchstwahrscheinlich über die Angst vor geistigen Erkrankungen. Schizophrenie zum Beispiel – der Krebs unter den Geisteskrankheiten. Oder irgendwas Bipolares – mal mit Hang zum Hedonismus und Risikobereitschaft als gäb es sowas wie Selbstverantwortung gar nicht und dann wieder diese Ängste, am besten alles an einem Tag und in stündlichem Wechsel. Borderline passiert mir zumindest in der gängigen Variante vielleicht eher nicht. Mir selbst Wunden zuzufügen ist mir absolut zuwider – zu hohes Infektionsrisiko. Tetanus. Blutvergiftung – man muss das Schicksal ja nicht herausfordern.

Zurück zu Kroatien – diese Krankheitshorrorszenarien bringen mich immer wieder gekonnt vom Thema ab. Ja, das Wetter ist hier kalt und irgendwie wird es schon wieder Herbst, zumindest fühlt es sich so an. Und auch auf den Inseln soll es im Winter kälter sein – keine Ahnung, was die Leute dann da machen, wenn sie nicht am Strand abhängen. Vielleicht trotzdem Botcha spielen oder Karten irgendwo bei einem zu Hause, der geheizt hat. Schöne Vorstellung allemal. Ich werd mich im Winter durch die schneegelben Matschstraßen von Berlin quälen und versuchen, durch genau die gleiche Menschenmasse hindurchzuschwimmen, wie im Sommer. Und wie im Frühling. Und wie im Herbst.

Zurückgeblieben von der Reise sind ganz viele neue Ideen. Zum Beispiel möchte ich eigentlich an einer Tankstelle jedes mal am liebsten die Leute ansprechen und fragen, wo die hinfahren und ob die mich mitnehmen würden. Portugal wäre ganz nett. Oder Griechenland. Aber nein. In dieser Gesellschaft wird man ja an den Staat geknebelt. Wenn man sich nicht von der Bundesregierung abmeldet, fordert diese ein, was sie glaubt einem abverlangen zu dürfen: Arbeitskraft. Ich musste schon recht früh feststellen, dass ich eigentlich gar keine Lust habe zu arbeiten. Auf gar keinen Fall 40 Stunden die Woche. 20 finde ich fast auch schon eine Zumutung. Ich habe einfach zu viele Ideen, um meine Zeit mit Arbeit zu verschwenden. Nicht, dass die Ideen immer gut wären, aber sie sind eben da und sie möchten raus. Wenn ich sie nicht ausleben kann, bekomm ich Verspannungen am ganzen Körper – oder Krebs. Aber ja, einfach abmelden ist nicht. Dann geht auch die Krankenkasse flöten, und ich als eingefleischter Hypochonder brauche nunmal die verdammte Krankenkasse, damit mir der Arzt unentgeldlich mehrmals im Jahr sagt, dass ich kerngesund bin. Also zahle ich den verdammten Beitrag. Auch wenn ich nach meinem 30. jetzt noch mehr bezahlen darf, weil ich ja immer noch studiere. Ich studiere, weil ich nicht arbeiten will. Oder wenigstens nicht so viel. Ich füttere mein Gehirn mit allerhand Wissen, das ich vielleicht nochmal brauche. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte ich auch nach der Germanistik Schluss machen und Flüchtlinge unterrichten sollen. Wer weiß das schon. Aber nein, stattdessen quäle ich mich erstmal noch 10 Semester mit den arbeitswütigen Koreanern ab und strande völlig auf der dunkeln Seite der Macht. Herzlichen Glückwunsch.

Und mal ehrlich, die meisten Leute sind doch wirklich am glücklichsten, wenn sie einfach tun können, was sie wollen. Ging mir auch schon immer so. Sobald man etwas muss, fühlt es sich irgendwie scheiße an. Aus jedem MUSS ein KANN machen – das wäre eine schöne Lösung. Schade, dass ich bei der Verlosung für ein Jahr Bedingungsloses Grundeinkommen noch nicht gewonnen habe. Dann könnte ich mich jetzt in eine Waldhütte zurückziehen und einen Roman schreiben. Über das Leben. Und über die Liebe. Naja, lieber nicht. Vielleicht einfach Science-Fiction und den Untergang der Welt, wie ich ihn mir vorstelle. Dazu kann ich jedenfalls auf ein reich gefülltest Alptraum-Repertoire zurückgreifen. Inspirierende Sache, wenn man sich Nacht für Nacht von einer Diagonale zur nächsten im Bett wälzt und sozusagen sein zweites Leben träumt, in dem es immer voll abgeht. Erdbeben, einstürzende Brücken, jede Menge Knarren und irgendwelche Freaks, die einem ans Leder wollen. Den Fernseher hab ich ja schon lange abgeschafft, aber trotzdem reicht die massive Reizüberflutung der Medien völlig aus. Zwei Stunden Internet und man hat sich sämtliche Atomraketentests und Epedemien schon zwischen die Synapsen gestopft. Schön griffbereit für die nächste Traum-Session, in der man eigentlich einfach nur mal mit Hängematte und Strand abchilln wollte. Nix da.

Gut, ich höre schon auf zu meckern. Epilog hin oder her. So macht man es jedenfalls nicht. Aber einen Versuch war es wert. Um die Kurve zu kriegen, könnte ich jetzt noch danke sagen. Danke an alle, die über die Reise mitgelesen haben, danke an die, denen es nicht zu eklig, zu ehrlich oder zu schwachsinnig war. Und ja, ich habe ein gutes Leben, es fehlt mir an nichts, ich meckere nur aus Prinzip. Dafür finde ich schöne Sachen auch extrem schön. Wie Inseln zum Beispiel. Und wie ich heute vom Dalei Lama mal wieder erinnert wurde: Nur wer Leid intensiv erfahren und aushalten kann, kann auch Glück und Zufriedenheit genießen. In diesem Sinne, mache ich jetzt meine Progressive Muskelentspannung, hol mir n Eis und genieße den Feierabend dieses vermutlich letzten schönen Spätsommerabends mit 30°C in Berlin. Leben am Limit.

C.

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