9. August 2017, zwischen Wien, Prag und Berlin

Obwohl wir am Abend so ziemlich die letzten waren, die ins Budapester Hostel-Zimmer gekommen sind, bin ich die erste, die aufwacht. Es ist angenehm kühl und ich sehe im Doppelstockbett gegenüber R.s Gliedmaßen über den Bettrand baumeln. Ausnahmsweise ist R. mal nicht vor mir wach. Ich schlüpfe in meine Flipflops und schwimme zur Dusche über den See, der sich im Badezimmer gebildet hat. Vermutlich ist die Toilette nur so sauber, weil keiner Lust auf nasse Füße hat. Da lobe ich mir meine Boots – die haben das Ganze auch gestern Nacht unbeschadet überstanden.

Nach gründlicher Körperkontrolle auf Parasiten, Sonnenbrand, Fleischwunden und sonstigen Auffälligkeiten, bin ich bereit fürs Frühstück in der Party-Zone vom Titty Twister. R. ist inzwischen auch auf und wir pilgern ans „Buffet“. Es gibt etwas Toast, einen Toaster, Cornflakes, Kaffee und die letzte Milchpackung reißen wir uns unter den Nagel. Alles sehr dürftig, aber bei dem Preis unschlagbar.

Draußen regnet es immer noch und in dem großen Frühstücksinnenhof dieses Hostels tropft es an einigen Stellen rein. Nebenbei sind Elektriker zu Gange – gab wohl irgendwo einen Stromausfall. Auf dem Klo in der unteren Etage ist es zumindest zappenduster.

Nicht lange nach dem „Frühstück“ ziehen wir uns im Burgerladen, der auch zum Hostel gehört, jeder einen fetten Burger rein. Die Reise geht ja dann weiter und wer weiß, wann es wieder was zu mampfen gibt.

Am Liniennetz von Budapest haben wir uns bald orientiert und suchen eine Tanke, die das Tramper-Wiki vorschlägt. Mein GPS streikt und wir streifen drei verschiedene Tankstellen, die aber für uns entweder in die falsche Richtung führen oder zu wenige Kunden haben. Am Autobahnkreuz in der Hitze (die hier aber deutlich erträglicher ist) werden wir beide etwas zickig. R. findet dann DIE Tankstelle, an die wir eigentlich die ganze Zeit wollten. Um da hin zu kommen, müssen wir „mal kurz“ an der Autobahn lang watscheln. R. nennt es „Seitenstreifen“, für mich ist das die „Beschleunigungsspur“. Und ich finde die Idee auch mächtig bescheuert. An der Seite steht noch ein Tramper mit einem Schild: „Balaton“. Noch während ich am Meckern bin, fährt die Polizei auf den ersten 5 Metern hupend an uns vorbei. Super. Kommando zurück.

Irgendwie finden wir dann doch einen einfacheren, sicheren und anderen Weg zu der „richtigen“ Tanke und versuchen unser Glück. Wir wollen nach Wien. Als Ruhepol unseres Reisebeginns soll das nun auch die vorletzte Etappe sein und wir wollen uns noch einmal mit meinem Freund D. treffen, der inzwischen auch vom Klettern in Kroatien zurück sein müsste.

An der Tanke sind noch ein paar andere Tramper – eigentlich keine gute Voraussetzung, um hier wegzukommen, wenn sich die Leute nicht gerade um uns reißen. Die anderen stehen außerdem an der Auffahrt und werden da zuerst gesehen. Wir laufen an einem ziemlich schnöseligen Auto vorbei. Der Fahrer sieht aus wie ein Geschäftsmann, auf dem Rücksitz liegt ein zweiter Anzug – wahrscheinlich frisch aus der Wäscherei. Er will zum Balaton. Nach ein bisschen Smalltalk ist er bereit, uns bis zur nächsten Raststätte mitzunehmen. R. hat wohl wieder mit seinem Charme gepunktet.

An der nächsten Raststätte ist schon mehr los und die Chancen steigen, weil die Leute, die hier anhalten, nicht sagen können, dass sie in die falsche Richtung fahren. Trotzdem läuft es nicht gleich wie am Schnürchen. Überhaupt, je weiter man Richtung Norden kommt, desto reservierter werden die Menschen. Die Kroaten dagegen haben uns ja förmlich vom Straßenrand gerissen, um eine Fahrt mit uns zwei geselligen Vagabunden abzugreifen.

Nach 10 Minuten nehme ich R. das Schild ab und ziehe den Wien-Schriftzug nochmal mit dem Edding nach. Jetzt bin ich an der Reihe. Das erste Auto, das ich ansteuere hat ein Wiener Kennzeichen. Da gibt es keine Ausreden mehr. Ein Typ mittleren Alters und sein Sohn auf dem Weg zum KFC – sie essen kurz und dann geht es los. Der Lift ist gebongt. Die Fahrt mit Thomas und seinem Sohn Thomas vergeht wie im Flug. Irgendwie kommen sie aus Serbien, arbeiten in Wien und keine Ahnung, was sie gerade in Ungarn gemacht haben. Thomas Senior spricht Kroatisch, Tschechisch, Serbisch, Polnisch und ein bisschen Deutsch.

Die Fahrt verläuft ohne riskante Überholmanöver und sonstigen Schnickschnack. Pünktlich zum Sonnenuntergang sitzen wir mit D. im Biergarten der Kneipe „Bierwaage“ und lassen es uns schmecken. Wien ist ein bisschen wie Heimkommen. Immer wieder. Es gibt sogar noch ein paar Bier aufs Haus, weil die Kellnerin irgendwie den Überblick verloren zu haben scheint.

Mit D. tauschen wir Geschichten der letzten Wochen aus und chillen dann unweit der Kneipe in die Nacht mit dem Spiel „Wer kann die chilligste Musik auf YouTube anmachen?“. Außerdem stimmt D. die Guitalele wieder auf A um und zeigt uns noch ein paar coole Blues-Moves. Wir versuchen mit zwei Guitalelen und einer Akustik-Klampfe zu jammen. Weil ich am wenigsten Plan und zu später Stunde auch am wenigsten Feingefühl in den Fingern habe, darf ich blöd rumklimpern und die anderen versuchen was dazu zu spielen, was passt. Auch R. bekommt irgendwas hin – wahrscheinlich heimlich geübt, der Schlingel.

Am nächsten Tag ist erstmal Chillout angesagt. Die letzten Tage waren doch ganz schön aufregend und wir müssen uns erst einmal wieder an Klima, Land und Leute gewöhnen. Ausgedehntes Frühstück bis zum frühen Nachmittag.

Dann ist eigentlich nur Rumhängen und Ankommen angesagt. Erst abends wagen wir uns noch einmal vor die Tür – konditioniert durch die Temperaturen in Kroatien wahrscheinlich. Wir erkunden ein bisschen die Gegend bis wir wieder erschöpft sind und in die Stühle der Bierwaage sinken. Wir schauen einem Österreicher beim Käse-Stullen essen zu. Dann passiert es: Er bekommt einen besonders großen Krümel in die Luftröhre, steht wankend auf und kotzt volle Kanne neben den Eingang der Bierwaage. Beeindruckendes Schauspiel.

Wir fangen an unsere Kilometer zusammenzurechnen und kommen auf knapp 3000 km, wenn wir noch von hier nach Berlin draufrechnen. Gar nicht übel. Mit 40.000 km kann man schon die Welt umrunden. Naja, vielleicht beim nächsten Mal. Bei D. ziehen wir uns noch eine echte Doku-Empfehlung rein: Das Fest des Huhns. Kann man noch richtig viel über die Österreicher lernen 😉

Am nächsten Tag gehts Richtung Heimat. Wir irren stundenlang durch die Stadt und sind immer wieder an den falschen Ausgangspunkten. An den Tankstellen nimmt uns trotz des von mir aufwändig gestalteten Schildes niemand mit. Wir versuchen es noch woanders und nach der dritten oder vierten – ich weiß gar nicht mehr – verlässt uns der Mut. Das Rumlaufen mit den Rucksäcken macht müde und zickig. „Dann fahr ich mit’m Flixbus zurück.“, sage ich irgendwann trotzig. „Mach doch!“, sagt R., „Für mich kommt das absolut nicht in Frage!“

Eine Stunde später sitzen wir im Flixbus (Danke für die Tickets, Vati!) und haben 10 Stunden Fahrt nach Berlin vor uns.

Gegen 2 Uhr Nachts kommen wir wieder zu Hause an. Keine Meeresbrise, keine Insel, keine 35°C in der Nacht. Es regnet dafür. Hallo Berlin, du hast uns wieder bis morgen Abend. Dann gehts erstmal zum Festival. Wir tasten uns langsam ran ans „Heimkommen“, die Durchreise bleibt vorerst unser Begleiter. Leben am Limit.

C.

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