7. August 2017, Budapest

Am nächsten Morgen trödeln wir. Die Amis, die gestern angekommen sind, sitzen in der Küche und wir empfehlen uns gegenseitig Reiseziele. Ihr nächster Stopp wird Berlin sein und natürlich laden wir sie ein, in unserem Kiez Halt zu machen, um die undergroundigste Kneipe im Wedding kennen zu lernen. Davor wollen sie aber noch mit einem Kanu die Inseln erkunden. Das ist auch hart. Aber wir sind härter. Vor allem als wir in der Mittagshitze aufbrechen und ich nach 500 Metern voll die Krise bekomme, weil ich so schwitze und wir nicht so schnell eine geeignete Stelle zum Trampen finden. Wir haben uns für Slowenien entschieden, Ljubljana. Da soll es kühler sein und auch einen Besuch wert – Empfehlung von J. aus Berlin, die heute auch aufgebrochen ist – allerdings nach Split – in die Vorhölle der Hitzewelle – viel Spaß.

Wir versuchen schon auf dem Weg zur Tanke zu trampen. Auf unserem Schild steht „Zagreb – Ljubljana“. Man muss den Leuten Alternativen bieten, dann kommt man schneller weg. Heute geht es allerdings nicht so schnell. Wir laufen die Straße hoch – und schwitzen. Wir stehen auf einer Brücke – und schwitzen. Wir setzen uns in den Eingangsbereich von einem Supermarkt – und schwitzen noch immer. Trotz Schild und unseren ins Gesicht gemeißelten Lächeln, nimmt uns keiner mit. Wir sehen bestimmt einfach zu fertig aus. Nach 500 Meter in dieser Wüste – kein Wunder. Es bringt nichts vor dem Supermarkt, hier kaufen nur alle schnell ein und fahren nach Zadar rein. Nach Zagreb scheint niemand zu wollen, vor allem nicht so kurz vor der Siesta.

Wir ziehen weiter bis zur Tanke. Als wir ankommen, lasse ich mich in den Schatten fallen und bin mir sicher, dass ich hier erst wieder aufstehe, wenn uns jemand mitnimmt. R. scheint gar nicht totzukriegen zu sein, obwohl er heute Morgen ganz schön mies drauf war. Er flitzt mit dem Schild vor die Tanke und wedelt damit vor den vorbeifahrenden Autofahrern rum – in der prallen Sonne bei gefühlt 45 °C.

An der Tanke selbst halten nur selten Autos. Manche fahren auch einfach rein, schauen kurz und fahren wieder raus. Mir egal, ich sitze, habe Wasser und ein angefeuchtetes Handtuch, mit dem ich mir regelmäßig den Schweiß abreibe. Irgendwie hat R. es wieder mit seinem Charme geschafft. Oder ist für eine Frau gehalten worden. Er quatscht mit einem Auto mit – Schock – deutschem Kennzeichen und deutet auf mich. Sieht aus als würde er mich verkaufen. Dann kommt er angelaufen und das Auto hält vor meiner Nase. Der Kräftigere von den beiden Typen spricht deutsch, aber beide sind Kroaten. Sie fahren nach Zagreb. Und wir jetzt auch.

Im Auto die Erlösung: Klimaanlage – 16°C sind allerdings übertrieben. Dafür werden wir erst mal mit Würstchen im Brötchen gefüttert – das ist fast der Hotdog, den ich mir schon den ganzen Vormittag wünsche. Jedes Mal ist es vor allem nach längerer Wartezeit – diesmal vielleicht 2 Stunden insgesamt – ein kleiner Rausch aus der Hitze zu entkommen und im nächsten Lift zu sitzen. Dazu der Ortswechsel. Neue Leute, neues Glück. Oder Abenteuer, wie man es nimmt.

Wir brausen ins Landesinnere. Unser Fahrer, D., arbeitet in München. Er fragt uns aus, was wir so machen und wer wir sind. Die Fahrt verspricht gesellig zu werden. Als es die Serpentinen hoch und runter und vor allem in die Kurven geht, wird R. ein bisschen grün im Gesicht. Ich dagegen muss ständig lachen. Ängste können so individuell sein. Bei jedem Schild wird das ganze absurder: Achtung Steinschlag! Achtung Wind! Achtung Wild! Achtung Kurve! Achtung Flugzeug! Achtung Rutschgefahr! Eigentlich fehlt nur: Achtung Minen! Könnte aber sogar das eine nicht identifizierbare Schild gewesen sein. Apropos Minen, ja, sagt D., die liegen hier überall rum. Die hat man damals im serbisch-kroatischen Krieg hier eingebuddelt und nicht auf einem Plan vermerkt. Deshalb weiß jetzt keiner mehr, wo die liegen. Also Obacht.

D. erzählt noch mehr vom Krieg, während er das Auto die Serpentinen nach dem höchsten Punkt wieder runter schaukelt. An den Kurvenspitzen fehlen die Leitplanken. R. rutscht noch ein Stück tiefer in seinen Sitz. Schließlich geht es um Politik. Ja, Kroatien, ein korruptes politisches System. Wie wir das mit den Flüchtlingen so sehen, werden wir gefragt. Wir antworten vorsichtig. Man weiß ja nie. Mit linken, radikalen Ansichten sollte man sich vielleicht eher bedeckt halten, denke ich mir. Bevor man dann im Minenfeld ausgesetzt wird…

Und tatsächlich sieht D. die Problematik auch auf seine Art und Weise konservativ. Ich will das Thema auch nicht vertiefen. Wir müssen schließlich noch bis Zagreb kommen. Die Fahrt dauert lange. Viel länger als wir uns ausgemalt hatten. Wir nehmen die ganze Zeit die Landstraße. Ich denke, um die Maut zu sparen. Der Grund ist aber ein anderer… Dann Pinkelpause. D. zieht den Wagen scharf rechts in eine Serpentinenniesche. Vorbeifahrende Autos hupen uns an als wir da so stehen in der Sonne. Erst jetzt sehe ich, dass D. ein Shirt von einem Box-Club oder sowas trägt. Ich denke an Sportvereine. So wie ich eben früher gekegelt habe. Pustekuchen.

Wir fragen nach, D. antwortet. Anscheinend ist er so eine Art Box-Hooligan. Die Autos hupen wegen seinem Shirt. Es sind Ultras aus Split vom gegnerischen Fanlager, sagt er. Heute ist Fußball in Zagreb. Autobahn voller Polizei. Auf der weiteren Strecke klären uns die beiden über die kroatische Ultra-Szene auf. Manchmal verabredet man sich mit dem gegnerischen Fanlager und dann gibt’s auf die Fresse, erzählt D. lachend. Ich google mich heimlich auf dem Rücksitz durch die Infos über Ultras in Kroatien. Echt Freaks. R. und ich schauen uns an. Toll, wir sitzen im Auto mit kroatischen Hooligans – Volltreffer mal wieder.

Am nächsten Konsum wechselt D. sein T-Shirt bevor wir reingehen – schließlich wollen wir nicht verprügelt werden. Am Imbiss sitzen Ultras aus Split vom gegnerischen Lager – man kennt sich. „Wir lassen euch in Zagreb an einer guten Stelle zum Trampen raus, da werdet ihr noch mehr Ultras sehen, die alle zum Spiel wollen. Die ganze Autobahn ist voller Polizei, deshalb fahren wir auch Landstraße.“, erklärt D. – Ich denke nur: Großartige Idee. R. fragt vorsichtig, ob wir verprügelt werden, wenn die anderen sehen, aus welchem Auto wir aussteigen. Die zwei lachen nur. D. ist ja ohnehin ein total knuddeliger Typ. Auch auf Koks. Und auch wenn er zwei Nächte in Paris im Knast sitzt mit zwei Schwarzen, da soll er auch nur gelacht haben, bestätigt sein Kumpel. Super, das lässt uns Mut schöpfen.

Dann führen wir noch ein Gespräch über Musik. Ich berichte kleinlaut von meiner Punkband und welche Ideale ich damit verbinde – aber natürlich bin ich kein Assi, der vom Staat schmarotzt. Ich gehe ja arbeiten und habe eine Wohnung, betone ich extra. R. ist da fein raus mit Psychedelic Rock. D. erzählt noch eine Punk-Legende aus Kroatien. Natürlich mit viel Blut und richtig krass. Nun gut, damit könnte ich mich nochmal zu Hause beschäftigen. Thema Punk ist in diesem Auto damit beendet. Ein Glück. Auf Assis steht D. nämlich nicht so. Meine gute Erziehung rettet mich in den Undercover-Modus.

Die zwei Ultra-Jungs lassen uns wie versprochen an der Autobahn raus. Wenn wir nicht weiterkommen, können wir immer noch zum Spiel dazu stoßen. Die haben sicher viele kuschelige Ultra-Freunde. Um das Ganze nicht falsch zu verstehen: Die zwei Typen sind wirklich korrekt, etwas freakig, aber respektvoll und freundlich. Genau wie die Pakistaner am Anfang unserer Reise. Beim Trampen gibt es keinen Platz für Vorurteile.

Dann stehen wir plötzlich mitten auf der Autobahn, an der Mautstation. Ich bezweifle erst einmal stark, dass hier überhaupt jemand anhält. Alle sind genervt vom Stau und kramen Geld raus. Und dann ist Showtime. An der Mautstation staut es sich, da ein großes Polizeiaufgebot die Autos mit den Ultras raus zieht, die nach Zagreb rein wollen. Nicht nur einmal geht eine Bustür auf und lädt uns ein mitzukommen. Bei unserem geschärften Tramper-Auge klingeln da allerdings alle Alarmglocken. Dann merken wir auch, woran es liegt: Wir stehen an dem Abbiegestreifen nach Zagreb rein. Nach Ljubljana geht es weiter links lang. Langsam arbeiten wir uns rüber. Keine Sau scheint allerdings dorthin zu fahren. Ich klettere auf den Betonpfeiler zwischen zwei Mautstreifen und halte das Schild hoch. Ein bisschen wie Bühne – alle gucken, keiner klatscht. Und vor allem nimmt uns verdammt noch mal keiner mit – mitten auf der blöden Autobahn bei hunderten von Autos.

Wer das Risiko nicht annimmt, wird seine Ängste nicht los, denke ich noch und überlege schon einen Plan B. Wir haben kein Wasser mehr und in der für uns richtigen Richtung gibt es weder eine Tankstelle geschweigedenn einen Fußweg. Als ein Wohnwagen mit zwei Mädels anhält und uns anbietet uns nach Ungarn mitzunehmen, verpassen wir unsere Chance und lehnen dankend ab. Dann ist Plan B geboren: Scheiß auf Slowenien. Wir schreiben „Budapest – Wien“ auf unser Schild. R. steht jetzt auf dem Betonpfeiler und dreht den Pappkarton wie ein Nummerngirl. Man muss den Leuten Alternativen anbieten. Schließlich pfeift jemand von der ganz linken Spur nach uns. Ein Pärchen mittleren Alters ruft „Budapest“ zu uns rüber. Wir packen schnell zusammen und steigen hinter der Mautstelle ein. Die zwei könnten glatt unsere Eltern sein. Erst mal sind sie auf jeden Fall unsere Rettung.

Richtung Budapest – Denkste. Die zwei haben eine Orientierung, die sich auf unserem Niveau befindet und das Navi scheint sein letztes Update in den Neunzigern bekommen zu haben. Wir verlassen die Autobahn. Das Navi führt uns im Kreis, in Sackgassen und will irgendwo lang, wo es keine Straßen gibt. Ich sehe auf meinem Handy die richtige Strecke, aber die Kommunikation hinkt. Die beiden können kein Englisch und auch kein Deutsch. Hände und Füße sind gefragt, Google Translate tut sich schwer mit der ungarischen Grammatik. Irgendwann drücke ich den beiden mein Smartphone in die Hand und erkläre mit einer Handbewegung, dass sie einfach nur geradeaus fahren sollen, auf jeden Fall auf der Autobahn bleiben – egal, was das Navi sagt.

So geht es dann auch und wir nähern uns der ungarischen Grenze. Am Übergang ist Passkontrolle. Wir geben artig unsere Ausweise nach vorn und werden wohl auf den ersten Blick wirklich für die Kinder des Pärchens gehalten. Aber Herkunftsland und Nachnamen sagen was anderes. Der Kontrolleur gibt mir ein Zeichen, die Scheibe runter zu machen und fragt streng, was wir in Budapest wollen. Vor Schreck fällt mir gar nichts ein. Die Stadt besuchen? Er sieht mich streng an und mir bricht sofort der kalte Schweiß aus. Warum auch immer. Ich habe weder Drogen dabei und auch keinen offenen Haftbefehl. Mit Autoritäten komme ich anscheinend einfach nicht klar. Der strenge Polizist war nur gespielt. Er lacht, gibt uns die Ausweise wieder und wünscht frohe Weiterfahrt. Und ich habe Puls. Danke auch.

Die zwei vorn im Auto sind total niedlich und trotz der chaotischen Fahrt wird viel gelacht und geflirtet. Es ist fast 10:00 Uhr abends als wir uns Gedanken über eine Penne machen und wir sind noch 100 Kilometer vor Budapest. Ich versuche noch mal mein Glück mit Googles grandiosen Übersetzungsfähigkeiten. Irgendwas haben sie dann doch verstanden und telefonieren wild herum. Ungarisch klingt irgendwie niedlich.

Dann bekommen wir die Nummer von einem Hostel und rufen da an. Zwei Betten für heute Nacht. Günstig. Check-In die ganze Nacht. Mit Frühstück. Achtbettzimmer. Die Ungarn liefern uns dort direkt vor der Tür ab. Budapest sieht beeindruckend aus, jedenfalls bei Nacht. So prunkvoll, ich hatte es mir abgeranzter vorgestellt. Wir steigen vor einem Burgerladen aus. Leider hat die Küche schon zu, aber durch den Hintereingang geht’s zum Hostel rein.

Auf einmal stehen wir mitten im Titty Twister. Eine einzige Party-Hölle. Bunte Lichter, 2 Bars, Drinks, Leute und Musik. Es ist Sonntag Nacht – hier steppt der Bär. Wir checken ein, im Achtbettzimmer die Treppe hoch pennen alle schon. Es ist ruhig, das Fenster geht nach hinten raus, das kleine Bad steht komplett unter Wasser und draußen schifft es in Strömen. Die ganze Fahrt hierher sind wir auch direkt in ein Gewitter hineingefahren. Nach den letzten Tagen tut die Abkühlung gut.

Wir schaffen es noch auf ein Dürüm um die Ecke. Es gibt hier so eine Art Späti, fast wie in Berlin. Die Gassen sind dunkel, aber überall Leuchtreklame und das Wasser läuft aus den Dachrinnen. Interessante Gegend, aber wir sind zu kaputt für eine wilde Party-Nacht. Gegen halb zwei geht’s in die Kojen, im Zimmer wird geschnarcht. Ich haue mir Ohropax rein – Frieden für die Ohren. Leben am Limit.

C.

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