4. August 2017, Zadar

Als ich morgens von der Sonne geweckt werde, ist R. schon wach. Wir wechseln uns mit den unruhigen Nächten wohl ab, dafür schläft dann aber auch einer von uns immer wie ein Stein. R.s Hängematte ist über Nacht einfach mal 20 cm abgesunken, darunter wieder diese elenden Dornen. Ich halte einen Finger unter meine Hängematte. Auch ich schwinge nur 2 cm über dem Boden. Die Zikaden machen unglaublich Krach hier im Wald von Olib.

Es ist glücklicherweise etwas bewölkt, trotzdem sind knapp 30° C für 8:00 Uhr morgens einfach zu heiß. Auch zu der Kunstausstellung im Wald gehen wir nicht nochmal hoch, unser Weg führt direkt ins Meer. Erstmal Abkühlen und Duschen. Klar schauen einen die Leute etwas blöd an, wenn man mit Zahnbürste unter der Dusche steht, die eigentlich zum Meeressalz abspülen gedacht ist. Die meisten lächeln trotzdem.

Zum Frühstück finden wir uns wieder am zentralen Baum ein. Vom Konsum gibt es O-Saft und frische Croissants mit Schokofüllung. Dann bleiben wir einfach, wo wir sind und beobachten das Treiben. Interessant wird es gegen Mittag als die Fähre Richtung Lošinj anlegt. Vom Baum aus hat man den Steg total gut im Blick. Das haben die älteren Insel-Herren auch schon festgestellt und versammeln sich rund um den Baum auf der Mauer, ein paar von ihnen spielen Karten an einem kleinen Tisch.

Dann wird es etwas wuselig um uns herum und einige der kleinen Traktoren fahren mit Anhänger zur Fähre. Klar, da kommt neue Ladung. Die Traktoren tuckern mit Paketen, Lebensmitteln, Hygiene- und Cocktailartikeln an uns vorbei. Der Konsum wird zur neuen Befüllung kurz geschlossen. Wir verfolgen das Treiben und überlegen, wie man das alles so anstellt auf so einer kleinen Insel. Wo kommt das Wasser her? Haben die eine selbstgebaute Aufbereitungsanlage? Was machen die hier, wenn das Klopapier alle ist und neues erst mit der nächsten Lieferung per Fähre kommt? Ganz zu schweigen von medizinischen Notfällen…

Aber ich habe hier schon Leute ohne Beine oder nur mit einem Arm gesehen – und die scheinen alle sehr glücklich zu sein – wahrscheinlich können sie durch die Insel einfach ihre Situation annehmen, ohne sich aufzuregen – was sollen sie auch machen? Könnte ich mir echt eine Scheibe von abschneiden.

Als wir ein bisschen Gitarre spielen, pfeift fast immer einer der Männer eine Melodie dazu. Einer von den Amis spricht uns später an und fragt, ob wir schon „die andere Bucht“ kennen. Wir verneinen. Er ist hier aufgewachsen auf der Insel und mit 16 Jahren weggegangen. Natürlich ist Olib der schönste Ort auf der ganzen Welt, deshalb verbringt er mit der Familie die Sommer hier. Schlussendlich bietet er uns einen Lift mit seinem Insel-Mobil zur anderen Bucht an. Klingt cool. Aber er vergisst es später wieder und uns treibt trotz Hitze der Hunger zum Gaskocher, mit dem wir unsere Reste anbraten. Die Tickets für die Fähre haben wir schon mal geholt – falls wir nicht wieder spontan bei der nächsten Insel vom Schiff springen, geht es dann abends – diesmal aber wirklich – nach Zadar.

Eigentlich machen wir weiter wie bisher: Hart chillen, wenn möglich. Im Strand-Café gibt’s noch Radler, Abkühlung im inzwischen echt warmen Meer. Außer Lesen und Ameisenstraße-Gucken geht nichts weiter. Zu warm. Dann ist es auch schon Zeit Adé zu sagen. Die Fähre kommt vom Meer heran und wir laufen zum Steg vor. Wie das gigantische Schiff vor dem in der sich senkenden Sonne seinen Schatten auf die Wellen wirft, ist ein ziemlich beeindruckendes Bild.

Es steigen nur wenige Menschen aus und zu. Diese Nicht-Massenabfertigung ist einfach toll, alles geschieht in kleinen Dosen, alles Mikrokosmos. Wie bei den Ameisen. Irgendwie schade, dass wir Olib jetzt verlassen, aber das Gefühl vom Sich-Weitertragen-Lassen ist auch unbeschreiblich schön. An Deck der Fähre zischen wir ein Bierchen und starren mal wieder in ein Inferno von einem Sonnenuntergang.

Morgen sind wir schon zwei Wochen unterwegs. Mein Zeitgefühl ist komplett flöten gegangen. Ich weiß meistens weder welchen Tag wir haben, noch das Datum oder die Uhrzeit. Ich habe nur noch eine Ahnung von Vorstellung, wie wir vor zwei Wochen bei R. Skyrim gezockt haben und in meinem neuen Zimmer die Dielen geschliffen worden.

An Deck wird es dämmrig. R. lässt die Beine über die Reling hängen und starrt in die Wellen. Ich versuche zu schreiben, aber die herumrennenden Kinder gehen mir tierisch auf den Sender. Nicht pöbeln, Chrissi.

Nach gefühlt 20 vorbeiziehenden Inselketten blinken die Lichter von Zadar vor uns auf. Seltsam, von einer Insel wieder in eine Stadt zu kommen. Die Autos nerven schon von Weitem. Aber gut, Reisen ist Reisen, Kontraste und Veränderung. Wir schlagen uns durch die heiße Nacht. Es ist zu heiß, verdammt nochmal. Bestimmt noch 35° C. Ich habe über Google Maps ein Hostel gefunden, das wir ansteuern: Lazy Monkey – klingt zumindest vielversprechend.

Als wir nach einem gefühlt ewigen Fußmarsch einfach vor Schweiß triefend, müde, fertig, klebrig und durstig am Hostel ankommen, ist das natürlich ausgebucht. Und die umliegenden Hostels auch. Wir sind zu spät dran für einen Check-In heute. Alternative: Hängematte am Strand. Die Dusche können wir uns erstmal abschminken für heute. Wird lustig so durchgerockt am nächsten Tag ein Hostel zu suchen – naja, vielleicht zieht die Bedürftigkeits-Masche auch. Noch einmal schwingen wir uns die Schweißrucksäcke auf und marschieren an den Tequila Beach. Am Strand campen einige Leute trotz Verbot. Wir treffen ein Paar aus Hamburg, die im Bus an der Klippe stehen – Luxus. Mit unserem Gefühl für tollpatschige Situation entscheiden wir uns gegen den Steinklippenabstieg zu einer Plattform unterhalb des Felsens. Zu gefährlich, und bestimmt auch zu viele Nacktbader.

Also rein in den schmalen Wald-Streifen. Die Hängematten sind fix aufgebaut – R.s Spanngurt-Verlängerung am Baumstamm erscheint mir nicht gerade vertrauenserweckend, aber was habe ich schon für eine Wahl? Es hält wider Erwarten alles und sogar die Moskitonetze haben wir aufgespannt. Ich penne schnell ein und werde irgendwann nachts nur kurz von R. geweckt, um den Schlafsack in meiner Hängematte unter zu legen. Die Mücken sind sauhungrig. Zu spät allerdings – mein Arsch ist schon zerstochen, die Biester bekommen ihren Rüssel tatsächlich durch den Nylonstoff der Hängematte.

Der Morgen ist dann erstmal hart und wir müssen uns beide ganz schön zusammenreißen. Wasser alle, Mückenstiche, zu früh zu heiß, zu klebrig. R. latscht zum Konsum und holt Wasser. Unterwegs packt es ihn an einer Bordsteinkante hin. Ich telefoniere Hostels durch, die alle ausgebucht sind. Es ist heiß, erwähnte ich das schon? Die Stimmung steigt…

Ein Hostel ruft irgendwann zurück und hat noch zwei Betten frei – 40 Minuten zu Fuß vom Strand aus. Egal, wir wollten eh was von der historischen Altstadt von Zadar sehen, am Strand haben wir ja erstmal genug gechillt. Wir schießen uns ein Taxi, das irgendwie zufällig an der verlassenen Bushaltestelle langkommt, an der wir wegen drohendem Hitzekollaps Halt machen. Wir steigen ein – Klimaanlage. Luxus. Wir sind wirklich in eine krasse Hitzewelle geraten, um die Mittagszeit braucht man sich echt nicht einbilden irgendwas machen zu können. Es ist 10:00 Uhr und das Thermometer klettert auf 36°C. Im Hostel anzukommen ist dann erst mal der Himmel nach drei Nächten Wilderei. Es gibt sogar übrig gelassenes Frühstück für uns. Die ganze Bude ist wohltemperiert und wir gehen erstmal duschen – Luxus.

Irgendwie bilden wir uns ein vom Rucksacktragen voll die Muckis bekommen zu haben. Na mal abwarten, was die Weddinger zu Hause dann zu unseren braun gebrannten und durchtrainierten Bodies sagen.

Dann ist Chillout angesagt. Abhängen im klimatisierten Living Room mit Spongebob auf Englisch und kroatischen Untertiteln. Es ist zu heiß, um draußen was zu machen. Die Hostel-Mutti ist auch gar nicht da und wir übernehmen direkt den Laden und lassen Gäste rein, die Zimmer gebucht haben. Dabei lernen wir ganz coole andere Reisende aus Italien und Spanien kennen und zeigen ihnen gleich, wie es hier so läuft in dem Laden, wo die Duschen sind und die Handtücher liegen.

Das Hostel fühlt sich wie eine große WG an, mit Gemeinschaftskühlschrank, Kaffee für umme, Nintendo Wii, offenem YouTube-Kanal für Mucke im ganzen Haus. Wir spielen mit dem Gedanken, noch eine Nacht hier dran zu hängen, denn von Zadar werden wir hauptsächlich nachts etwas sehen – und selbst da werden wir vermutlich schwitzen wie die Schweine. Leben am Limit .

C.

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