2. August 2017, Insel Olib

Festland – natürlich nicht! Als die Fähre los legt und wir Mali Lošinj hinter uns lassen, türmen sich verschieden große und kleine Inseln auf unserem Weg an den Seiten auf.

Bis nach Zadar sind es sechseinhalb Stunden. Wir quartieren uns unter Deck neben der Bar ein, oben ist es viel zu heiß. Uns läuft der Schweiß runter, auch das ist inzwischen zur Gewohnheit geworden. Auf unserer Route halten wir auf den Inseln Premuda, Silba und Olib. Schon als wir in Premuda wieder ablegen, wissen wir, wir hätten genau hier aussteigen sollen. Auf der Insel stehen vielleicht zehn Häuser, es gibt zwei Restaurants und verdammt wenig Menschen. Ein Großteil der Insel ist nur bewaldet, ohne jegliche Spuren von Zivilisation. Mit dem Boot kommt man scheinbar noch auf weitere kleine Inselketten, die auch wirklich unbewohnt sind. Und danach kommt nur noch das Meer.

Wir sind hier also tatsächlich an der letzten Insel ganz außen angelangt. Mit der Fähre kommt man hier auch nicht nach Acona in Italien. Dazu muss man von Zadar starten. Es wird langsam angenehm draußen und wir ziehen hoch an Deck. Die kühle Meeresbrise weht uns um die Nasen, auch die Guitalele wird wieder bespielt.

Silba ist etwas größer und protzt schon aus der Ferne mit lauter reichen Yachten und Ferienvillen. Wir umschiffen die Insel in einem Bogen und dann kurz darauf baut sich Olib vor uns auf. Eine übersichtliche Insel mit Strand und allem Drum und Dran. Wir schauen uns verheißungsvoll an… Letzte Chance zum Inseln! 5 Minuten später stehen wir spontan mit unseren Rucksäcken auf dem Steg von Olib. Scheiß aufs Festland. Zumindest für heute.

Wir steuern einen Mini-Markt an und decken uns für das leibliche Wohl ein. Der Pförtner im Tickethäuschen versteht nicht, was wir von ihm wollen, als wir vorsichtshalber nach der nächsten Fähre für Zadar fragen. Naja, auch egal, jetzt sind wir hier. Ich kann es erst einmal gar nicht glauben. Sind wir gerade einfach aus der Fähre ausgestiegen und jetzt auf einer anderen, noch kleineren Insel? Ja, man!

Die Musik aus der Strandbar erinnert mich an Tropico. Alle laufen langsam. Das Meer leuchtet türkis und ist glasklar. In der Ferne sehen wir unsere Fähre am Horizont verschwinden, die Sonne taucht rot-orange ins Meer ein. Wie im Film. Wir stolpern die Steinküste entlang und stoßen beim Sonnenuntergang auf unsere Genialität an. Da sind sie wieder, die Vagabunden vom Strand.

Es gibt Baken Beans und Brot, dann suchen wir einen Platz für die Nacht. Mit Bäumen sieht es am Strand allerdings schlecht aus. Also breiten wir in einer Gras-Niesche die Plane aus, Schlafsäcke drüber – das muss reichen. Und der Ausblick und die Stille – unbezahlbar.

Der Strandabschnitt, den wir gewählt haben, ist ziemlich verlassen. Wir vertrauen der Insel und lassen unsere Rucksäcke am Lager zurück. Wo sollen sie auch hin?

Am Anlege-Steg steht ein Party-Schiff, das einen 90er-Song nach dem nächsten rausknallt. Wir finden einen Piraten auf dem Steg, den wir ausfragen und zulabern, was es mit dem Kahn auf sich hat – wir kommen nicht auf die Party. Aber das macht nichts. Wahrscheinlich hätte das Schiff sonst nur irgendwann abgelegt und wir hätten gar nichts mehr mitbekommen. Also chillen wir am Steg, schauen den Kindern beim Nachtangeln zu und staunen immer wieder, dass wir gerade auf einer wahnsinnig geilen Insel sind – völlig ohne Plan, wann und wie es weitergehen soll. Wir landen natürlich noch in einer kleinen Bar am Strand. Und in der anderen von den beiden seltenen Exemplaren natürlich auch noch – für ein Fußpils. Am Steg stehen haufenweise Yachten und im Dunkeln sieht man die Goldketten und Bling-Bling-Sachen von lauter alten, reichen Säcken funkeln. Ein Sugar-Daddy käme uns jetzt gelegen, aber irgendwie mögen wir unsere Rollen als arme Schweine auch total. Hier werden wir auf jeden Fall nicht angepöbelt und für unsere paar Habseligkeiten interessiert sich auch niemand. Als wir in unsere Strand-Übernachtung stolpern, ist es nach zwölf und ein leuchtender Halbmond zeigt uns den Weg. Vom harten Boden merken wir beide nichts, die Wellen spülen uns sanft in den Schlaf.

Am Morgen liegen wir schon kurz nach sieben in der prallen Sonne und packen zusammen. Ab zum Strand, der ist nämlich auch so gut wie leer und bietet ein paar Schattenplätze. Als wir ins Meer gehen, gibt es die nächste Überraschung: Sand unter den Füßen. Keine Steine. Keine Seeigel. Glasklar. Es gibt Duschen, schön kalt und direkt alles am Meer. In der Mittagshitze suchen wir uns vor einer Ruine ein schattiges Plätzchen zum Dösen. In der Siesta bewegt sich kaum etwas auf der kleinen Insel. Man hört nur die Zikaden zirpen, die warme Luft flimmert über dem heißen Asphalt.

Geweckt werden wir von einer kleinen Eidechse, die an unserem Fressbeutel interessiert ist. Wir nennen sie Helmut und füttern das kleine Kerlchen mit Brot. Die Ameisen sind aber auch nicht schlecht dran und bilden eine ziemlich dicke Straße als es bei uns ans Kochen geht. Wahrscheinlich sind wir die einzigen Trottel, die sich bei gefühlt 40 Grad ein paar Eier in die Pfanne hauen.

Mit dem Fressbeutel müssen wir uns aber sowieso was einfallen lassen. In der Nacht am Strand ist eine komplette Ameisen-Kolonie samt zwei Königinnen dort eingefallen und hat sich die Salami unter den Nagel gerissen.

Als wir so vor der Ruine hocken und kochen, winken uns zwei Kroaten vom Balkon gegenüber freundlich zu. Wir sind mal wieder angekommen. Aber volle Kanne. Am Nachmittag machen wir wieder: Nichts. Wir hängen im Strandcafé rum, dösen, lesen, schreiben. Es gibt absolut nichts, worüber man sich aufregen könnte und wir haben schon mächtig Farbe bekommen – falls es kein Dreck ist.

Später stellen wir unser Gepäck in einer kleinen Bar ab und erkunden die Insel. Autos fahren hier nicht, nur Mopeds und kleine Gefährte mit Traktormotoren oder Kawasakis mit Sonnendach. Wir finden einen kleinen Burgturm, der irgendwann um 1200 gebaut worden ist. Drumherum gibt es ein paar Ruinen, Überreste aus längst vergangenen Zeiten.

Fast jedes Haus hat einen eigenen kleinen Garten und eine Olivenplantage, Gurken wachsen wild und überall diese riesigen Agaven. Hier leben offensichtlich viele Selbstversorger. Am liebsten würden wir bei einem Fischer anheuern und einfach hierbleiben. Es ist so friedlich und tatsächlich gibt es keine Polizei auf der Insel – bei 140 Einwohnern regelt man das wohl selbst.

Zum Spaß halten wir den Daumen raus als wieder eine Kawasaki vorbeikommt. Der Insulaner hält gleich an und wir tuckern auf der Rückbank mit ihm wieder ins „Zentrum“. Unter „Zentrum“ versteht man hier einen großen Baum vor dem Konsum, der von einer kleinen Mauer umsäumt ist. Hier spielen die älteren Herrschaften des Ortes Karten, treffen sich zum Plaudern und Botcha zocken. Wenn einer keine Lust mehr hat, hält er einfach den nächsten fahrbaren Untersatz an und springt auf.

Unter den Urlaubern sind auch viele Amis, die manchmal am Baum rumhängen. Dadurch entsteht eine lustige Mischsprache aus dem einheimischen kroatischen Dialekt und dem aufdringlichen Ami-Englisch. Man kennt sich hier am Baum, der „Place to be“ eben. 

Wir sind anscheinend genau zur richtigen Zeit hier, am Abend ist ein traditionelles Fischer-Fest mit Musik und Tanz. Es gibt außerdem frittierten Oktopus und Sardellen. Wir entscheiden uns für Letzteres. Leider gar nicht unser Fall. Ich stelle mich beim Essen mal wieder etwas dramatisch an, da ich Angst vor dem Erstickungstod durch Gräten habe. Und hier gibt es kein Krankenhaus. Wir sind ja auf einer Insel. Am Ende riecht und schmeckt alles nur noch nach Fisch. Die Atmosphäre ist locker und die Tanzfläche voller Kinder. Als die „Live-Band“ mit ihrer Playback-Show anfängt, verziehen wir uns an den Strand. Sie sind echt richtig schlecht. Mit „Liquid Shit“ hätten wir das Ganze vielleicht etwas aufwerten können, aber R. hat die neuen Songs noch nicht drauf 😉

Wenn allerdings auf so einer kleinen Insel Party ist, dann aber richtig. Wir ziehen später noch mal mit unserem Kram um Richtung Wald und hängen im Dunkeln die Hängematten auf. Alles kein Problem. Die anfangs ungewohnten Handgriffe sind zur Routine geworden.

Am Strand ist die ganze Nacht Party, es schallt über die komplette Insel und mit der Natur kommen natürlich auch die ganzen Tiergeräusche zurück. Ich entscheide mich für Ohrstöpsel. R. liegt wach, geistert am Strand rum und lauscht den Mäusen. Leben am Limit.

C.

PS: 🙂

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