28. Juli 2017, Insel Cres, Valun

Am Morgen weckt uns sanfte Reggea-Musik aus Brunos Hütte. Es ist noch nicht mal acht, die Bucht noch leer und die Sonne blinzelt durch die Kiefern. Wie schon die letzten Nächte habe ich geschlafen wie ein Stein. Wir frühstücken in der Bucht und erstehen von Bruno Badeschuhe für 25 kn. Zitat Bruno: „Pay what you want.“ – und das mache ich dann auch, indem ich unsere Getränke vom Vorabend bezahle. Was ich nicht weiß: R. hat schon in der Nacht alles bezahlt. Aber was soll’s, es ist sowieso alles recht günstig und Bruno einfach ein netter Typ. Überhaupt scheint er seine Bestimmung hier gefunden zu haben. Wir packen unseren Kram zusammen und verlassen nach einem abschließenden Sprung ins Meer den Strand. Es geht weiter Richtung Süden, die nächste Insel wartet.

Ob Rab oder Cres wissen wir noch nicht genau. Erstmal der Nase nach. Dass das ohne Wasser und dank meiner Orientierung sogar mit Google Maps eine schlechte Idee ist, merken wir dann schwitzend in einer teuren Ferienwohnanlage von Krk. Wir sind falsch gelaufen. Unser Pappschild haben wir dabei, und auf gut Glück fährt uns ein Einheimischer bis zum nächsten Supermarkt Richtung Valbiska – dort wartet nämlich die Fähre. Mit dem Schild nach Valbiska habe ich mich gerade erst an die Straße gestellt, da hält gleich das erste Auto. Es ist wieder ein Kroate und da er auch selbst öfter trampt, fährt er uns direkt bis zur Fähre. Keine Ahnung, wann das Teil losfährt, wir setzen uns erst mal mit unserem Fahrer an das kleine Café, trinken Cola und schauen uns auf der Karte den Inselverlauf an. R. holt die Tickets an dem kleinen Kassenhäuschen und als ich später noch einmal rübergehe, um die genaue Abfahrtszeit zu erfragen, heißt es nur „Now!“. Ich jumpe zurück zum Café und wir satteln schnell auf. Klar, die letzten Autos rollen gerade auf die Fähre. Unsere Cola übernimmt der freundliche Kroate und wir rennen los. An Deck lassen wir uns außer Atem auf einer Bank nieder. Der riesige Dampfer legt ab und wir steuern nun über den Seeweg die Insel Cres an. Vor uns breiten sich die riesigen Berge und Wälder der Inselkette aus, das Wasser weiter draußen ist tiefschwarz.

Irgendwie wird es nun ernst, meldet mein Körper. Vor lauter Überwältigung bekomme ich mitten auf der Fähre eine Panikattacke – nicht weiter schlimm, ich kenne das Spiel schließlich schon – aber die Reizüberflutung im positiven Sinne fordert ihren Tribut. Außerdem wird uns hier draußen auf dem Meer irgendwie klar: Wir haben es einfach durchgezogen und jetzt fahren wir auf irgend eine kleine Insel vor Kroatien, völlig ohne Plan. Die Weite, die das Meer vor uns ausbreitet, rammt sich wie ein Sturm in unsere Köpfe. Wenn das keine Freiheit ist, dann weiß ich auch nicht, worin man in diesem Leben noch Sinn finden sollte.

Die Fähre hält in Merag. Auf der Karte sehe ich, dass das Kaff ganze drei Apartments hat und nur 500 Meter entfernt liegt. Allerdings steil bergauf. Aber nicht mit uns. Wir setzen uns in ein verlassenes Imbiss-Häuschen neben einem kleinen Kaffee und lassen uns nach hinten auf den kühlen Beton fallen. Es ist brütend heiß und den Berg hinauf stehen Autos in der prallen Sonne, die nicht mehr auf die Fähre kommen. Sie müssen auf die nächste warten und wir auch. Die Imbissbude hat sogar Strom und wir quatschen ein bisschen mit ein paar Fensterputzen aus Rijeka. Als die nächste Fähre anlegt, sind wir irgendwie unvorbereitet, obwohl wir genug Zeit hatten. Auf unserem Schild steht der falsche Ort und R. verzettelt sich mit einem Polen ins Gespräch, der uns aber nicht beide mitnehmen kann. Dann ist es auch schon vorbei und alle Autos sind aus der Ferne rausgefahren.

Wir sitzen wieder im Schatten. Kaum ein Lüftchen geht und außer den Autos, die auf die Fähre wollen, ist weit und breit nichts zu sehen. Eine Option ist wohl ein Autobus, der gegen 7 Uhr kommen soll. Irgendwie haben wir dann wieder Glück und der Hafenmeister, der wohl gerade Feierabend macht, nimmt uns Richtung Stadt Cres mit. Auf der Landstraße lässt er uns 3 km vor Ortseingang aus. Wir müssen zu Fuß weiter, Autos kommen hier wohl erst wieder nach der nächsten Fähre vorbei. Da, wo alle Siesta machen in diesem Land, latschen wir zwei mit fetten Rucksäcken, einem Kanister Wasser und einer Guitalele durch die Pampa.

Der Ausblick auf die Lagune von Cres ist es allerdings wert und auch die Oliven-Plantagen, die sich rechts und links von der Straße über die Berge erstrecken, sind einfach genial. Aber es ist heiß. Ich spüre schon wie sich meine Haut unter der glühenden Sonne auf einen Sonnenbrand vorbereitet. Kurzer Zwischenstopp zum Eincremen und dann haben wir es irgendwann geschafft. Kurz werde ich noch quengelig – die Gründe ganz klar: Mückenstiche, heiß, pinkeln, Füße, Hunger und ein kleiner Ausschlag in der Kniekehle – Katastrophe eben. Aber als wir dann in Cres was essen und durch die kleine Stadt mit ihren Gässchen und einer tollen Hafenpromenade laufen, ist die Welt wieder in Ordnung. In einem kleinen Café lassen wir uns zu Cappuccino nieder und checken die Lage.

Wir sind ziemlich kaputt und ich überlege eines der Zimmer von der Touri-Info für die Nacht zu mieten. Als ich die Hafenpromenade dorthin schlendere, bleibe ich einen Moment stehen und erahne hinter den Bergen der Lagune das offene Meer, was in seiner Fülle für mich weiterhin ein unbegreifliches Mysterium bleibt. Anstatt das Zimmer zu nehmen, komme ich aus der Touri-Information mit einem österreichischen Pärchen zum Café zurück, wo R. wartet und mich erstaunt anschaut. J. und S. kommen gerade von einem Goa-Festival in Ungarn, sind beim Schwarzfahren erwischt worden und total übermüdet. Sie wollen nach Valun – ein echter Geheimtipp. Wir teilen uns ein Taxi und sind wieder on the road.

Valun ist ein kleines Städtchen mit 60 Einwohnern und weniger Touristen. Wir steigen von der Straße am Berg weit hinunter – wie wir da wieder hochkommen, steht noch in Frage. Nach Campingplatz ist uns irgendwie nicht, auch wenn wir schon wieder illegal raufgeraten sind. Wir sagen unseren neuen Freunden Adieu und tingeln durch die kleinen Gässchen zum Strand. Es wird langsam dunkel und wir brauchen zwei Anläufe bis wir den richtigen Platz finden. Oberhalb vom Strand sind kleinere von Bäumen umsäumt Nieschen, die durch eine halbhohe Steinmauer vom Strand getrennt sind. Wir schlagen hier unser Lager auf und beschließen mal einen Tag zu chillen – bei 26°, leichter Meeresbrise und zirpenden Grillen.

Und nun, nach einer ruhigen Nacht und Frühstück am Meer mit Badeanschluss, hängen wir hier in den Bäumen mit unseren Matten. R. quält die Guitalele, ich schreibe – für den Moment kann ich mir nichts besseres vorstellen, als genau das zu tun, was wir hier machen.

Heute vor einer Woche sind wir in Berlin gestartet. Leben am Limit.

C.

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