24. Juli 2017, irgendwo zwischen Zagreb und Lipik

So liebevoll wie uns Wien aufgenommen hat, startet das Wochenende ins nächste Zeitkontinuum. Ausgeschlafen machen wir uns auf Entdeckungsreise in die Wiener Innenstadt auf. Angefangen am Schwedenplatz schlängeln wir uns durch die City, kühlen uns im Stephansdom ab und verbringen ein paar Stunden im Park. Die Toiletten sind sauber und öffentlich und umsonst, das erste Ottakringer aus der Dose leitet den Samstagnachmittag ein. Ein gestrandeter Millionär sucht Anerkennung in einer Unterhaltung übers Leben, die Tauben fetzen im Tiefflug über unsere Köpfe. Alles fühlt sich fluffig und irgendwie weich an. Die Menschen fragen, ob man etwas Bestimmtes sucht, wenn man nur kurz verwirrt in die Gegend schaut. Schön.

Wir lassen uns treiben, immer der Nase nach, zur “Alten Donau“. Ganz Wien scheint ein einziger Park zu sein. In sengender Hitze laufen wir querfeldein zur Donauinsel und folgen dem schmalen Inselstreifen viele Kilometer, bis die Sonne hinter uns im Fluss versinkt. Unser Weg führt durch futuristische Wohnanlagen, Moderne und Natur in Einklang verbunden zwischen gewaltigen Bergketten, durch die in der Ferne die Blitze eines heißen Sommertages jagen.

“Man muss sich Urlaub nehmen, um leben zu dürfen.“ R.

Dank unserer grenzenlosen Zuversicht landen wir auf einer Fahrradautobahn und weichen als Unbefugte mehr oder weniger gekonnt aus. Gegen halb zehn stehen wir vorm “Arena Beisel“ – ein scheinbar autonomer Spot, in dem gerade die Bier-Woche angefangen hat. Wir sind also genau richtig. Das bedeutet nicht nur Motörhead-Party und Livemusik headbangender Langhaariger, sondern auch Luftgitarren- und Wuzzelwettbewerb. (Wuzzeln: 1) Zigaretten drehen, 2) Kickern – und nein, es geht nicht darum, wer den Schönsten baut).

Nach zweieinhalb Budweiser und dem üblichen Blabla über das Leben machen wir uns auf den Weg zurück in T.s Wohnung. Wir sind zuerst da, T. kommt erst später, ist aber um kein weiteres Bier auf der Terrasse verlegen. Uns brennen die Fußsohlen, aber wir fühlen uns angekommen und dürfen sein, wer wir sind, kompromisslos. Darauf erst einmal ein Sonntag mit Amazon Prime, Trainspotting, Spongebob und Pizza. Tagesziele: Den auf ewig unentdeckten Reißverschluss in meinem Rucksack einnähen, Duschen, Katzen von T. füttern – check.

Der Abend geht mit Zucchini-Nudel-Massaker und einem Gewitter in der Ferne zu Ende. Kurz vor dem Schlafen treffen wir noch eine Entscheidung: Nach drei Dokus über Kroatien zieht es uns weiter. Gut, dass gerade in dieser Stunde mein guter Freund D. aus Wien spontan entscheidet am nächsten Morgen mit dem Auto nach Kroatien aufzubrechen. Wir fahren mit.

Die Tour startet in Wien Liesing. D. und ich haben uns gerade erst auf einer der wundervollsten Wien-Berlin-Linien verpasst – jeder in der Stadt des anderen unterwegs. Umso schöner jetzt zusammen ein Stück des Weges zu fahren. Und dann geht’s auch schon weiter, 300 km nach Golubinjak, in den Norden von Kroatien. Wir rauschen an Graz vorbei und schleichen durch verregnete und vernebelte Straßen Richtung Slowenien.

“Nichts erscheint mir gerade richtiger als zu reisen und zu entdecken. Alles andere fällt der Sinnlosigkeit zum Opfer.“ C.

Hinter jeder Bergkette ragt die nächste Felsformation in die Höhe. Der Regen wird so stark, dass man zeitweise die Straße nicht sehen kann. In Slowenien löst sich das Ganze auf, aber die Luft hängt feucht über unseren Köpfen als wir Rast machen. So schnell wie es nach Slowenien reingeht, geht es auch wieder raus und schon am dritten Tag unserer Reise befahren wir kroatischen Boden. Die Berge sind saftig grün bewachsen und die Temperaturen übersteigen die 30°C-Marke.

Über die Autobahn rauschen wir nach Zagreb und verlassen irgendwann die Zivilisation, tuckern durch entlegene Dörfer und vorbei an Feldern und kleinen Gärten. Etwas zu spät kommt uns der Gedanke kroatisches Geld abzuheben und noch etwas einzukaufen. Wir schlagen einen Haken nach Lipik, ein kleines Dorf, das jedoch über Bankomat und Konsum verfügt. Nach einem Telefonat mit D.s Kletter-Gruppe dann die erschreckende und zugleich belustigende Erkenntnis: Wir haben das falsche Golubinjak angesteuert und befinden uns knapp 200 km entfernt vom Zielort, nicht weit von der bosnischen Grenze. Nach kurzer Überlegung und neuer Orientierung erledigen wir unsere Transaktionen, für die wir nun allein in diese entlegene Gegend gefahren sind und beglückwünschen uns für diesen Ritt ins Ungewisse. Das erste kroatische Bier schmeckt super und wir steigen wieder ein, zurück Richtung Zagreb, Rijeka. Nichts ist so gewiss wie die Änderung. Leben am Limit.

C.

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