22. Juli 2017, Wien

Erster Zwischenstopp: Wien. Nach 24 Stunden befinden wir uns nun in einer Art Zeitkontinuum, haben über die Hälfte des Weges nach Kroatien bereits hinter uns und es fühlt sich jetzt schon an, als wären Eindrücke einer ganzen Woche auf uns niedergeprasselt.

Angefangen gestern am späten Nachmittag an den Avus in Berlin, mein erstes Mal Trampen, die Fahrt ins Ungewisse, sich von den Zufällen und dem Vertrauen ins Leben und in die Menschen an die Hand nehmen lassen.

Dann – nach einer Stunde der erste Lift Richtung Leipzig. Kleine Distanz, aber unsere Fahrer geben dem begrenzten deutschen Kleinbürgertum eine Dimension von Weite: Israelische Fechter, die zur Meisterschaft nach Leipzig unterwegs sind. Es wundert mich irgendwie nicht: Riesige, leere Autos mit deutschen Bonzen lassen uns stehen, aber die Israelis mit knapp zwei Plätzen und Mietwagen haben ein offenes Herz und keine Angst vor Fremden.

Noch berauscht vom ersten Lift steigen wir guter Dinge an einer Raststätte in Leipzig Nord aus. Hier ist man verhaltener und ein ungutes Gefühl schleicht sich nach und nach ein: Wir nähern uns Dunkeldeutschland. Untermalt wird das Ganze schließlich von einem vollbesetzten Nazi-Auto, das extra einen Kreisel durch die Tanke fährt und sich zwischen Hippie- und Zecken-Beleidigungen nicht entscheiden kann. Ich packe die Guitalele wieder ein. Schließlich begreifen wir, dass wir am Stadtrand von Leipzig nicht gut weiterkommen. Der Tankwart rät uns ebenfalls eine andere Stelle zum Trampen. Als wir Kraft unseres Orientierungsvermögens im Atlas die “bessere Stelle“ finden, hält ein Auto mit Grimma-Kennzeichen. Mit etwas Überredungskunst nimmt er uns schließlich mit zum Rastplatz Muldental. Weiter rein nach Dunkeldeutschland. Freital und Heidenau warten in nicht allzu großer Ferne.

Es ist inzwischen fast elf. Wo der Rastplatz zu Beginn noch mit vielversprechendem Verkehr floriert, wird das Klientel mit fortschreitender Stunde immer düsterer. Neben Gruppen osteuropäischer Männer bedenken uns immer wieder ein paar Glatzköpfe mit verachtenden Blicken. Die Guitalele landet auch hier bald in der Tasche, unser Pappschild halten wir irgendwann nicht mehr jedem unter die Nase. Die freundlichen Menschen haben meistens leider keinen Platz mehr im Auto oder fahren in die falsche Richtung. Optionen nach Dresden zu kommen gibt es zwar, aber unser Gefühl entscheidet sich dagegen. Wir müssen umgehend raus aus dieser Gegend und sie am besten weiträumig hinfahren, sonst steht uns eine ungemütliche Nacht bevor.

Die einzigen Lichtblicke dieser misslichen Lage sind eine Frau, die uns etwas zu essen bringt (beste lauwarme Bockwurst mit Brötchen ever, Senf wäre noch nice gewesen) und zwei Bulgaren, die nach einem längeren Check der Route doch lieber über Polen fahren. Kurz darauf macht sich das Gefühl breit, dass wir trotzdem besser hätten mitfahren sollen. Der Rasthof ist nur noch Treffpunkt für feiernde Proleten auf dem Weg nach Dresden.

Schließlich blitzt an der Tankstelle ein Auto mit Wiener Kennzeichen auf. Unsere Rettung. Daran, dass R. nicht schlendernd sondern flott wippend zurückgetrabt kommt, erkenne ich, dass es geklappt hat. Unser dritter Lift: Zwei Pakistaner mit offensichtlich religiösem Hintergrund. Unsere Wasserflasche wird erst mal auf ihren Inhalt überprüft. Alkohol ist tabu. Die beiden sind auf der Fahrt von Belgien nach Wien, Mission unbekannt. Dass der Fahrer seit drei Tagen ohne ausreichend Schlaf durchfährt, erfahren wir erst am Ende der Reise. Als wir einsteigen und R. flüstert: “Hier riecht es ganz schön nach Benzin.“, versuche ich schnell alle Vorurteile gegen Moslems abzuschütteln, die die Gesellschaft und die Medien uns ohne Unterlass eintrichtern.

Es geht los, vorbei an der Ausfahrt Freital, vorbei an Heidenau, raus aus Dunkeldeutschland, Richtung Prag und weiter in den Süden. Die Pakistaner sind sehr freundliche und respektvolle Menschen, kühlen unser Wasser in ihrer Kühlbox und entschuldigen sich, weil sie nur in ihrer Muttersprache untereinander reden. Red Bull und Kaffee werden in regelmäßigen Abständen nachgetankt. Der Fahrer schaukelt das Auto wie ein Henker durch die Nacht, wir stellen unsere Sitze in die Waagerechte und versuchen zu schlafen. R. knackt gleich weg, ich schrecke bei jedem Ruckler hoch. Wir überholen ein Polizeiauto im Abbremsvorgang, diese interessiert sich aber zum Glück nicht für uns.

Als wir die tschechische Grenze überqueren ist es bereits 2 Uhr morgens. Wir fahren irgendwann auf einen Rastplatz, wo unser Fahrer einen 20-minütigen Powernap einlegt. Sein Schnarchen lässt die Innenwände des Wagens beben, ich schaue Sterne und lausche dem Autobahnrauschen. Als es weitergeht, fallen dann auch mir die Augen zu. Es beginnt zu regnen. Ich erwache, als wir bereits auf der Landstraße nach Wien sind und lasse meinen Adrenalinspiegel von den – sagen wir mal gewagten – Überholmanövern in die Höhe treiben. Beruhigend wirken dagegen die weiten Felder und dieser unglaubliche Glutball von Sonne, der sich aus den vernebelten Hügeln schält.

Die letzten 40 Kilometer werden zur Zerreißprobe. Zwischen Sekundenschlaf und aufgeregten Gesprächen kommt unser Fahrer an seine Grenzen. Auf einer Gefahrenstrecke mit Begrenzung 100 hängt er einen pöbelnden Wagen ab und treibt das Tacho bedenklich in die Höhe. Entgegen meiner üblichen Panik bleibe ich jedoch ruhig, vertraue in den Lauf der Dinge und in das Gute im Menschen. Und das ist vielleicht auch genau das Geheimnis. Wir werden direkt vor der Haustür meines guten Freundes T. in Wien abgeliefert. Nach knapp 12 Stunden stehen wir nun also in einer gutbürgerlichen Siedlung und lassen uns erst mal am Rande eines Ackers nieder. Es ist 7 Uhr morgens und wir schmieren uns nach dieser aufregenden Nacht eine Stulle, dazu gibt es kalten Latte Macchiato vom Billa nebenan. Weiter hinten auf dem Acker streunert ein Hund. Ist das schon Liquid Shit, dem wir auf unserer Reise begegnen wollen, oder ist es doch nur eine Fata Morgana…?

Etwas später empfängt uns T. bei einer wundervollen Wiener Skyline mit Kaffee und Katze auf seiner Terrasse. Der Kühlschrank ist voll, auf uns warten frisch bezogene Betten und nach der herzlichen Begrüßung fallen wir erst einmal in einen friedlichen Schlaf. Oh Wien, du gechilltes Pflaster, für ein paar Tage lassen wir unsere Füße von dir tragen. Leben am Limit.

C.

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