Das dritte Gespräch über Liebe

Nun liegen wir im Tau des Regentages
haben uns zugedeckt
mit den Worten der einsamen Stunden
und sprechen über Liebe
wie über ein Tier
das sich sezieren lässt
über das lange geforscht und geschrieben wurde
theoretisch, analytisch
im Diskurs nur ein zerfetzter Zustand
dem wir nicht Herr werden können
Bedürfnisse, Befriedigung, Lust und Scham
reichen sich die Hände
und tanzen nackt im Morgengrauen
auf der befreiten Straße in den Sommer.

Die Worte bersten über unsere Lippen
leichte Witze
schwere Floskeln
harte Erkenntnisse
und weiche Haut
reibt aneinander
und füllt das aufgeschlagene Buch
mit Fußnoten
die am Ende wieder niemand liest
außer dem Textanalytiker
der emsig jede Zeile in Quadranten sortiert
Diagramme mit Zeit füllt
und Figuren miteinander agieren lässt
wie auf dem Schachbrett

Wir sprechen über Liebe
erzählen in unserem eigenen Seminar
was sich der Dichter dabei nur gedacht hat
und wir sehen den Selbstbezug
nehmen ihn jedoch nicht mit in unser Geflecht
unser Konstrukt
und unsere Angst
das Schöne könne zu schnell der Hässlichkeit zum Opfer fallen

Nichts ist so fad
wie ein Model über Gefühle
Nichts so bedeutsam
wie ein Gespräch über Liebe.

07/2015

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