Flussaufwärts

Wenn sich das Innerste beruhigt
den Kopf in den Schoß legt
seufzend und anschmiegsam
weil es keine ängstlichen Gesten gibt
weil da keine erwartbaren Wünsche
die Stille zerreißen
kann jedes Selbst für sich
in der eigenen Welt treiben
wie zwei Treibhölzer
die auf dem Flusslauf einander umkreisen
und immer ist eines dem anderen
einen Strömungsschritt voraus
so dass sie sich nicht berühren
aber dennoch nah beieinander hertreiben
ausreichend
um zu teilen
was sich teilen lässt
ausreichend
ist da vielleicht sogar das falsche Wort
denn es gehört mehr dazu
als Aushalten-Können
verpasst eines die Kurve
muss das andere eine Abkürzung nehmen
ein Stück Weg
das keine gemeinsame Beschreitung zulässt
ein Stück Weg
das später nicht im gemeinsamen Erinnerungskasten landet
dieses Zulassen schlägt Wellen
und schleift gleichzeitig die Kanten glatt
damit es flussaufwärts
ein einfacheres Vorankommen gibt

08/2015

Nachtasyl

Es sind die Gespräche
am Sonntag Nachmittag
man kennt sich
man trinkt zusammen
man leidet getrennt
und am Ende zählt das alles nicht
aufgewogen mit dem besseren Teil des Lebens

Vereint im Geschrei der Süchtigen
Rausch und Rache
Schatten und Schuld
klopfen sich auf die Schulter
in einer nebligen Debatte
in der die grauen Haare fliegen
und auch die bunten
wie ein Pinguin
auf dem letzten Raubzug
wenn er sich denn überhaupt
für die Jagd entscheidet

Noch eine letzte Zigarette
noch ein letzter Schluck Bier
noch ein Schnaps zum Abschied

das Holz auf der Tischplatte
aufgeschwemmt von wilder Kneipenromantik
zerrieben durch das Kratzen an der Oberfläche
und abgewischt vom ranzigen Lappen der Wirklichkeit
die jeder kennt
aber wieder keiner wahr haben will

08/2015

Sichtflug

Das Klicken der Gurte
verstummt im Maschinengetöse
die letzte Woche
liegen geblieben auf dem grauen Asphalt
neben den ausgetretenen Turnschuhen
unter den ungewaschenen Socken

Nach der Hitze
glühender Nächte
beginnt der Regen an der Scheibe
eine neue Geschichte zu schreiben
temporär

Das Antlitz eines Reisenden
im Spiegel
das Fenster
ein letzter Blick auf die tosende Stadt
eine letzte Sichtsekunde
auf den Kessel
der das Chaos verschlingt
und ausspuckt
jeden Tag
aufs Neue

bis bald

08/2015

Die Möglichkeit zu überleben

besteht schon immer
vielleicht
einfach mal die Sorgen
in den Schrank zurücklegen
neben das Verantwortungsschubfach
und zwischen die Zweifeltücher

den Tag nehmen wie er kommt
aber ihn auch gehen lassen
wie er war
den Zufall als Schicksal akzeptieren

die Möglichkeit zu überleben
besteht schon immer
und ist auch zugelassen
als Form eines freien Falls
als Rechtfertigung für Affekte
als Indikator für genutzte und gewollte
Lebenszeit

08/2015

Herzkammerflimmern

Wenn sich der Wind mal wieder
in meinen Armen ausgeheult hat
und ich ruhelos durch die Nacht rausche
noch den letzten Schluck Wodka
im Mundraum kreisend
legt sich das sanfte Gemüt
still auf mein Haupt
und streichelt mir
die liebgewonnene Sehnsucht
auf die Stirn.

Den flüchtigen Moment
nehme ich mit aus der Dunkelheit
lege ihn zu den anderen
in die Herzkammer gleich neben den
guten Geschmack und die schlechten Gedanken.

Morgens liege ich dann lange wach
greife nach dem Hier und Jetzt der letzten Stunden
wälze mich in den noch warmen Berührungsfetzen
klappe die Herzkammer auf
und wieder zu
und wieder auf
und wieder zu…

06/2015

Das dritte Gespräch über Liebe

Nun liegen wir im Tau des Regentages
haben uns zugedeckt
mit den Worten der einsamen Stunden
und sprechen über Liebe
wie über ein Tier
das sich sezieren lässt
über das lange geforscht und geschrieben wurde
theoretisch, analytisch
im Diskurs nur ein zerfetzter Zustand
dem wir nicht Herr werden können
Bedürfnisse, Befriedigung, Lust und Scham
reichen sich die Hände
und tanzen nackt im Morgengrauen
auf der befreiten Straße in den Sommer.

Die Worte bersten über unsere Lippen
leichte Witze
schwere Floskeln
harte Erkenntnisse
und weiche Haut
reibt aneinander
und füllt das aufgeschlagene Buch
mit Fußnoten
die am Ende wieder niemand liest
außer dem Textanalytiker
der emsig jede Zeile in Quadranten sortiert
Diagramme mit Zeit füllt
und Figuren miteinander agieren lässt
wie auf dem Schachbrett

Wir sprechen über Liebe
erzählen in unserem eigenen Seminar
was sich der Dichter dabei nur gedacht hat
und wir sehen den Selbstbezug
nehmen ihn jedoch nicht mit in unser Geflecht
unser Konstrukt
und unsere Angst
das Schöne könne zu schnell der Hässlichkeit zum Opfer fallen

Nichts ist so fad
wie ein Model über Gefühle
Nichts so bedeutsam
wie ein Gespräch über Liebe.

07/2015